Oslos Neuinszenierung von Rossinis opernhafter Aschenputtel-Geschichte – La Cenerentola – war der erste Ausflug des norwegischen Regisseurs Stefan Herheim in die Welt Rossinis. Herheim gestaltet die Oper als riesiges Uhrwerk, die vielen Arien und Ensembles ticken mit mechanischer Präzision dahin. Das Ergebnis ist eine klar choreografierte und schillernde Musiktheaterproduktion, die sowohl nachdenklich stimmt als auch ausschweifend komisch ist.

© Erik Berg
© Erik Berg

Herheims Cenerentola wird auf einer leeren Bühne eröffnet, wo, während sich das Orchester einstimmt, eine Putzfrau ihrer Arbeit nachgeht . Die Ouvertüre beginnt und deus ex machina-artig kommt Gioacchino Rossini höchstpersönlich auf einer Wolke hereingeflogen – mit Bierbauch, Toupee, Engelsflügel und allem was dazugehört. Er beginnt das Orchester mit seinem Stab zu dirigieren und es scheint fast so, als wolle er die Oper zur Entstehung bringen. Obwohl er die meisten Darsteller schon versammelt hat – die Rolle des gemeinen Vaters Don Magnifico übernimmt er selbst – hat Rossini noch keine Cinderella. Glücklicherweise steht die Putzfrau, die gerade auf der Bühne ist, zur Verfügung. Herheim versucht nicht einmal, dieser überaus albernen Oper einen Sinn zu geben, stattdessen feiert er die Albernheit und Dadaistische Grundsprache mit tänzerischen und visuellen Witzen nahe dem Slapstick. In einem besonders inspirierten Moment im Finale des ersten Aktes, setzen sich die Hauptfiguren die Festtafel auf und besingen ihre Verwirrung, während der Chor versucht deren Köpfen zu essen.

© Erik Berg
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Das Bühnenbild von Daniel Unger und Stefan Herheim legt die Oper in einem immer größer werdenden Kamin an, der letztendlich wie die Vorderbühne eines Theaters über die Bühne hinausragt. Der Kamin öffnet sich und zeigt das Innere eines Hauses, wo Videoprojektionen auf einer schwarzen Wand subtil die Handlung kommentieren. Diese Inszenierung handelt hauptsächlich von der Entstehung der Geschichten, ständig werden die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischt. Bei der großen Sturmszene im zweiten Akt, wo die Kutsche des Prinzen praktischerweise vor Don Magnificos Haus eine Panne hat, bedienen die beiden boshaften Stiefschwestern die Rauchmaschinen, und Alidoro spielt mit der Donnermaschine! Die Inszenierung bringt einen trotz etlicher Witze auch zum Nachdenken, aber Herheim übertreibt es keineswegs mit dem Intellektualisieren, sodass der Humor nie verloren ging.

Passend zur schnellen, wundersamen Theaterproduktion, war der Gesang, mit einem erstaunlich guten Ensemble, das Note für Note aufeinander abgestimmt war. Anna Goryachovas Cenerentola – oder Angelina wie sie in der Oper genannt wird – war nicht wie sonst üblich eine engelhafte Figur. Dieses Aschenputtel nimmt ihre Inspiration aus verschiedenen Versionen des Märchens, was zu einer ausgesprochen zynischeren Darstellung der Titelheldin führt. Goryachovas Stimme war verführerisch dunkel, mit stählernen hohen Noten und bemerkenswert klaren Koloraturen, dieser unheimlichen Interpretation angemessen. Als sie in ihrer letzten Arie über ihre Vergebung als Rache sang, schien es weniger eine großmütige Tat als eine ernst gemeinte Drohung zu sein.

Anna Goryachova (Cenerentola) und Taylor Stayton (Don Ramiro) © Erik Berg
Anna Goryachova (Cenerentola) und Taylor Stayton (Don Ramiro)
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Taylor Stayton zeigte als Don Ramiro einen wunderbar hellen Klang, klare hohe Töne und viele so leicht scheinende Koloraturen. Sein leidenschaftlicher, süß redender Prinz war ein guter vokaler Kontrast zu Goryachova gefährlicherem Timbre, und er bewies sich als exzellenter Gegenspieler zu Aleksander Nohrs clownesken Dandini. Als Dandini konnte sich Nohr vokal nicht ganz so durchsetzen wie seine Kollegen, und obwohl es im Laufe der Aufführung besser wurde, fehlte es seinem kehligen Bariton an Fülle. Er sang sich jedoch wunderbar durch die vielen teuflischen Nummern dieser Rolle, und seine wunderbare Bühnenpräsenz ließ einige stimmliche Unzulänglichkeiten vergessen. Es war die reinste Freude Michael Sumuels honigsüßen und klangvollen Bass als intriganten Philosoph des Prinzen, Alidoro, zu hören, mit einem fleischigen Hinter- und Mittelteil.

Neben Goryachova Doppelrolle als Putzfrau und Cinderella, war die interessanteste Rolle der Produktion die Doppelrolle Renato Girolamis als Cinderellas Vater Don Magnifico und Rossini. Girolami bewies sich als außerordentlich komischer Schauspieler, jonglierte auktoriale Authorität und clowneskes Toben mit Leichtigkeit. Er zeigte auch eine beeindruckende Ausdrucksweise in den vielen geplapperten Szenen. Don Magnificos andere zwei Töchter, Clorinda und Tisbe, Eli Kristin Hanssveen beziehungsweise Désirée Baraula, waren herrlich prätentiös.

Renato Girolami (Don Magnifico) © Erik Berg
Renato Girolami (Don Magnifico)
© Erik Berg

Der Dirigent Antonino Fogliani entfachte im Orchestergraben geradezu einen Sturm. Die Musik flitzte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit herum, klang jedoch nie eilig oder hastig, sondern frisch und neu. Fogliani arbeitete besonders die Tanzqualitäten der Musik heraus, die von Herheims Choreographie unterstrichen wurden. Nicht nur Girolanis Don Magnifico half von der Bühne beim Dirigieren, sondern auch der Männerchor, der mit ihren Engelsflügeln und Toupets, gleich dem Komponisten, einfach hinreißend aussahen. Sie sagen mit einem kräftigen, aber ausgewogenen Klang und sorgten mit ihrem Herumgaloppieren auf der Bühne für viel Humor.

Für gewöhnlich sind Operninszenierungen, die von der Entstehung der Oper handeln, trist und leblos, Herheims Cenerentola erwies sich jedoch als willkommene Ausnahme dieser Regel. Es ist ein aufregendes Spektakel mit coups de théâtre hinter jeder Ecke, gepaart mit ebenso beeindruckendem Gesang. Und wenn schon sonst nichts, die Herren des Chores haben noch nie himmlischer ausgesehen.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz

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