Während der Ouvertüre zu Mozarts Entführung aus dem Serail an der Bayerischen Staatsoper zieht eine Reihe Männer ihre Hemden aus und entledigt sich dann auch seiner Hosen. Nur mit einem Handtuch bekleidet, hebt jeder Mann ein schwarzes X auf und hält es sich vor den Schritt – Seraglios Eunuchen. Es folgen die Haremsdamen, die buntgekleidet auf einem farblich passenden fliegenden Sofa tanzen. Es ist ziemlich klar, dass man sich in einer skurrilen Inszenierung eines ziemlich albernen Singspiels befindet.

Intendant Martin Duncan nutzt hier die bekannte Strategie der Binnenerzählung, aber auf ungewöhnliche Weise. Die Eunuchen, Haremsdamen und Protagonisten sind Bewohner einer zeitlosen, exotischen Türkei. Sie reisen mit dem Sofa, kleiden sich wie im Osmanischen Reich und schauen von Zeit zu Zeit an den Erzähler als fragten Sie, was als nächstes zu tun sei.(Ja, es gibt einen Erzähler, der Dialog der Protagonisten wurde gänzlich durch Erklärungen der dritten Person ersetzt, perfekt dargeboten von Demet Gül. Sie hat ein Talent dafür, einem das Gefühl zu geben, als wäre man der einzige Mensch, zu dem sie spricht, eine beeindruckende Leistung in einem Haus mit 2100 Sitzen.) Erzähler und Statisten tragen Hidschab mit Kopftuch und Schleier; sie leben in der Türkei von heute. Gleiches gilt für die Operateure der Gegengewichte (für die fliegenden Sofas), die gelegentlich Softdrink-schlürfend und in türkische Flaggen gehüllt über die Bühne schlendern

Requisiten und Bühnenbild erinnern uns auch beständig daran, dass wir gerade eine Geschichte betrachtet. Sofas sind wandlungsfähig, aber sie können nicht jede benötigte Bild darstellen; Eunuchen dublieren als wandelnde, mit Obstschalen beladene Tische; manches Mal mimen Schauspieler ein fehlendes Requisit. Die Kulisse - live von einer Künstlerin (Isabela Kretzdorn) auf der Bühne vermittels einiger Monitore und einem elektronischen Skizzenblock gezeichnet – trägt auch einiges zum Bühnenbild bei. Besonders effektiv ist es in Pedrillos Arie „Im Mohrenland“, in der das blaue Sofa zum Boot wird, und handgezeichnete Sterne, einer nach dem anderen, am Himmel erscheinen, während Pedrillo und Belmonte rudern..

Nun zu den menschlichen Stars: die Entführung ist Konstanzes Show, und Lisette Oropresa enttäuscht uns nicht. „Ach, ich liebte“ ist keine einfache erste Arie, und sie gerät bei ein paar hohen Tönen und Trillern ins wanken, doch spätestens, als sie zu ihrem Paradestück „Martern aller Arten“ kommt, nimmt sie die Koloraturen und hohen Ds mit Leichtigkeit und schaut dazu noch leidenschaftlich kämpferisch drein. Da kann ein Blondchen schnell im Schatten der Konstanze verschwinden, doch Rebecca Nelsen bleibt dank ihrem klaren Klang und ihrer starken Persönlichkeit im Gedächtnis, besonders in „Welche Wonne, welche Lust“, in dem sie Pedrillo zur Verzweiflung treibt, indem sie ihre Freude neckisch besingt, zu jedem außer ihm. Als Konstanzes Verlobter Belmonte beeindruckt Javier Camarena wie gewohnt mit seinem kraftvollen und nuancenreichen Tenor. Matthew Grills liefert einige muntere, melodische Arien als dessen Diener Pedrillo, und Franz Howlata spielt den abgefeimten Osmit mit schadenfrohem Schnurrbart-Zwirbeln..

Die deutsche Aussprache der Sänger ist allgemein gut, aber nicht gut genug, um die Entscheidung zu rechtfertigen, ohne Übertitel zu spielen. Die Erzählung zwischen den Stücken verhindert, dass das Publikum in der (zugegebenermaßen einfachen) Handlung den Faden verliert, aber es wäre schön, auch jedes Wort in den Arien zu verstehen.

Aus musikalischer Sicht entlockt Constantin Trinks dem Bayerischen Staatsorchester schöne Textur und dynamische Vielfalt, obwohl dessen dulce gelegentlich doch sehr mit dem Quietschen der Sofas im Konflikt steht. Trinks schafft es nicht immer, die Instrumente und Sänger zusammenzubringen, besonders gilt das für Osmin, doch dieses Risiko ist bei Premieren immer präsent , vor allem bei so vielen schnellen Arien.

Im Großen und Ganzen aber passt in dieser Produktion alles gut zusammen. Es ist eine visuell eindrucksvolle und unkonventionelle Interpretation der Oper die dennoch leicht zu verstehen ist. Mir persönlich gefiel es nicht besonders, dass der Dialog durch Erzählung ersetzt wurde – so gut der Erzähler auch sein mag, der Theaterliebhaber in mir zieht Bühnenhandlung in der ersten Person einer Nacherzählung in der dritten vor. Dennoch erfüllt die Erzählung ihren Zweck: Zusammen mit der Gestaltung der Kulisse auf der Bühne macht es den Orientalismus der Oper etwas schmackhafter, indem es seinen phantastischen Schauplatz betont. Die Tatsache, dass der Großteil der Handlung auf fliegenden Sofas stattfindet, schadet dem nicht.



Aus dem Englischen üerragen von Hedy Mühleck

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