Es war der 150. Geburtstag der Wiener Staatsoper, und 100 Jahre seit der Uraufführung von Die Frau ohne Schatten, die Oper, die der damals frischgebackene Leiter der Staatsoper, Richard Strauss, als Geschenk für die im Krieg verwüstete Stadt geplant hatte. Keinerlei Druck also für den jungen Franzosen Vincent Huguet, der hier seine erste Oper inszeniert.

Stephen Gould (Kaiser), Camilla Nylund (Kaiserin), Nina Stemme (Frau des Färbers) © Wiener Staatsoper | Michael Pohn
Stephen Gould (Kaiser), Camilla Nylund (Kaiserin), Nina Stemme (Frau des Färbers)
© Wiener Staatsoper | Michael Pohn

Huguet hat einen großen Startvorteil: er mag das Stück und vertraut ihm, und will es für sich selbst sprechen lassen, auf eine Weise, die sowohl einem neuen Publikum als auch alteingesessenen Straussianern gerecht wird. Das bedeutet, das Märchen und das Übernatürliche anzunehmen und herauszuarbeiten, aber dabei künstlichen Orientalismus zu vermeiden. Die Bühnenbildnerin Aurélie Mestre gibt uns einen Pavillon in den Wolken, dann felsige Klippen und Spitzen für die „Mondberge”, die sich künstlerisch in Baraks Haus in der zerstörten Stadt verwandeln – eine Anlehnung an die Schrecken in Wien im Jahr 1919, die wie Echos durch die Inszenierung geistern. Es ist nicht perfekt ausgeführt – einige der Videoprojektionen sind etwas schwerfällig – aber es ist effektiv.

Märchen spielen mit unserem tiefsten Inneren, die meisten sind abschreckende Beispiele. Huguet meidet es, uns die Botschaft immer wieder einzubläuen, er bietet uns vielmehr die Möglichkeit, diese selbst durch die Musik zu erfahren. Aufgrund des Ortes und des Anlasses, können Huguet und der Dirigent Christian Thielemann auf einen wundervolle Reigen an Talenten zurückgreifen.

Evelyn Herlitzius (Amme), Camilla Nylund (Kaiserin) © Wiener Staatsoper | Michael Pohn
Evelyn Herlitzius (Amme), Camilla Nylund (Kaiserin)
© Wiener Staatsoper | Michael Pohn

Gibt es ein mächtigeres Opernorchester als das der Wiener Staatsoper? Ich habe meine Zweifel. Es sind die tiefen Instrumente, die die größte Wirkung haben – Celli, Kontrabässe, Posaunen, Kontrafagotte. Das Orchesterbrummen, das die Ankunft von Keikobads Geisterboten ankündigt, war regelrecht bedrohlich. Ein vorzügliches Cellosolo war der Inbegriff für die Qualität in den zärtlichen Momenten. Wenn das Orchester an den Stellen, wo „höhere Mächte” ihre Hände im Spiel haben, zur Höchstform aufliefen, war die Kraft dahinter überwältigend. Aber auch die hohen Instrumente trugen ihre Rolle bei, nicht zuletzt das Klagen der hohen Holzbläser beim Schrei des Falken. Thielemann gelang es durchgängig eine außergewöhnliche Fülle an Farben aus den Musikern herauszuholen, und lieferte so die bestmögliche Demonstration der kompositionellen Virtuosität dieser Partitur.

Wolfgang Koch (Barak) und seine Brüder Green, Hasselhorn, Ebenstein © Wiener Staatsoper | MIchael Pohn
Wolfgang Koch (Barak) und seine Brüder Green, Hasselhorn, Ebenstein
© Wiener Staatsoper | MIchael Pohn

Die Gefahr besteht, wie immer bei Richard Strauss in Wien, dass die Sänger nicht dagegen ankommen – man muss sich nur die Besetzung ansehen, die nicht weniger als 16 Holz- und 19 Blechbläser vorsieht. Es gab einige Opfer bei den tiefen männlichen Stimmen: Wolfgang Koch sang Barak den Färber fein und mit von Herzen kommender Erhabenheit, aber sobald das Orchester im zweiten und dritten Akt zulegte, gin er unter, während Sebastian Holeceks Geisterboten die rohe Gewalt fehlte, um zu der ohnehin durch das Orchester gelieferten Bedrohung beizutragen. Stephen Gould erging es besser. Er sang den Kaiser mit der Rücksichtslosigkeit und Unbekümmertheit eines wahren Heldentenors. Seine hohen Töne schienen hell und ungezwungen.

Was der Abend jedoch hatte, war Girl Power, in der Form eines großartigen Trios an Sopranistinnen: Camilla Nylund, Nina Stemme und Evelyn Herlitzius. Die Rolle der Kaiserin verlangt nach dem schwierigsten Zusammenspiel an Verwandlungen, von hellen, fast sprunghaften Verzierungen zu Beginn der Oper bishin zu wahrer dramatischen Intensität, wenn sie sich von einer grazilen Kreatur in eine heldenhafte Protagonistin verwandelt, die durch ihre Selbstlosigkeit Menschlichkeit erlangt. Nylund gelang all dies mit vollkommener Glaubwürdigkeit, behielt durchgängig die Reinheit und Schönheit ihres Timbre. Die Frau des Färbers wird als kleiner Rolle gesehen, aber Nina Stemme legte sie mit einer solchen emotionalen Integrität an, um der ätherischen Kaiserin ein perfektes weltliches Gegenüber zu sein. Ihre Stimme schwankte zwischen rauem Drachen und lyrischem Legato. Evelyn Herlitzius gab sich vollkommen der Rolle der Amme hin, aber trotz einer hervorragenden Demonstration an stimmlicher Kunstfertigkeit, frage ich mich, ob ihre Stimme die richtige für eine Rolle ist, die zwar sehr umfangreich ist, aber üblicherweise mit einer Mezzosopranistin besetzt ist: Hofmannsthal sah die Amme als Verkörperung der dämonischen Kräfte der Dunkelheit und Herlitzius’ Timbre wirkte zu hell, um dies vollkommen einzufangen. Dennoch ist es ein seltenes Vergnügen, drei solch großartige Strauss-Stimmen zu hören, die so offensichtlich zusammenpassen.

Evelyn Herlitzius (Amme), Camilla Nylund (Kaiserin), Nina Stemme (Frau des Färbers) © Wiener Staatsoper | Michael Pohn
Evelyn Herlitzius (Amme), Camilla Nylund (Kaiserin), Nina Stemme (Frau des Färbers)
© Wiener Staatsoper | Michael Pohn

Es wird oft darauf hingewiesen, dass die Prüfungen in Die Frau ohne Schatten, derer sich das royale und das bürgerliche Paar unterziehen, durch Die Zauberflöte inspiriert sind. Aber lassen Sie sich nicht täuschen: die Zauberflöte-Prüfungen sind heiter und mit einem vorherbestimmten Ergebnis. Wenn sie von Künstlern von der Qualität dieses Abends dargestellt werden, sind die Prüfungen in Die Frau wahrlich furchteinflößend: die teuflische Art wie die Amme Barak und seine Frau in die Irre führt, die Verlockung des Lebenswassers und die Seelenqual, mit der die Kaiserin Keikobad anfleht ließen uns überzeugend zittern, ob die Prüfungen zu hart sind. Eine effektvolle Regie und die glühende Leistung des Orchesters beunruhigten uns ausreichend, dass unsere Protagonisten scheitern würden und erlösten uns gnädig, wenn sie dies nicht taten.

Alle Gute zum Geburtstag, Haus am Ring. Man hätte den Anlass nicht besser feiern können.

150 Jahre Wiener Staatsoper als Torte – von Gerstner © Bachtrack Ltd | David Karlin
150 Jahre Wiener Staatsoper als Torte – von Gerstner
© Bachtrack Ltd | David Karlin

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

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