Franz Schrekers Magnum Opus Die Gezeichneten geistert seit ein paar Jahrzehnten im Opernrepertoire herum, aber bei dieser Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper kann man spüren, dass es endlich angekommen ist; oder, genau genommen, zurückgekommen. Die Oper wurde 1918 in Frankfurt uraufgeführt und erreichte München in weniger als nur einem Jahr, aber trotz der Anerkennung als eines der bedeutendsten Bühnenwerke ihrer Zeit und Schrekers Konkurrenz zu Strauss, wurde sie wie so vieles in dieser Zeit von den Nazis für ihre Dekadenz und vermeintliche Entartung verbannt und fiel bis zur heutigen Zeit gänzlich aus dem Repertoire.

Catherine Naglestad (Carlotta Nardi), Chor der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl
Catherine Naglestad (Carlotta Nardi), Chor der Bayerischen Staatsoper
© Wilfried Hösl

Geleitet wurde die Produktion in München von einem Meister dieser Frühen Moderne, Ingo Metzmacher, der mit der ausgedehnten Partitur mit ihren ständig wechselnden Perspektiven und Farben umzugehen wusste – das Bayerische Staatsorchester spielte herrlich für ihn, klang opulent, fiebrig und intensiv. Der Dirigent, der sein längst überfälliges Hausdebüt mit dieser Produktion gab, gab den Sängern den so wichtigen und notwendigen Raum, um den Text zu vermitteln und die großen Ensembleszenen, so wie die zu Beginn des ersten und letzten Akts, wurden musikalisch selten mit einer solchen Klarheit gezeigt.

Der Vorteil eines Hauses wie dieses, welches es mit Die Gezeichneten aufnimmt, ist, dass es auf erstklassige Sänger für Rollen außerhalb des gängigen Repertoires zurückgreifen kann. John Daszak steuerte Pathos und unfehlbaren Ton zum grauenhaft entstellen Alviano Salvago bei, auf welchem der Fokus der Geschichte liegt, und dessen Hässlichkeit und Streben nach Schönheit ihn dazu brachten, eine von ihm erschaffene künstliche Insel des Paradieses mit den Menschen seiner Heimatstadt Genua zu teilen; sehr zum Missfallen des Adels, der diese Grotte für schändliche sexuelle Zwecke nutzt. Als Carlotta, die Tochter des Podestàs, deren künstlerisches Ziel es ist, Alvianos innere Schönheit in ihrem Werk darzustellen (was er jedoch als Liebe missversteht), sang Catherine Naglestad mit polierten Ton und einem wahren Verständnis für ihren Text. Ein vornehmer Schwarm an Adligen wurde von Tomasz Koniecznys attraktiv gesungenem Herzog Adorno und Alastair Miles’ Podestà Nardi angeführt, aber es war Christopher Maltman, der mit seiner phantastischen Darstellung des hoffnungslos manipulativen Grafen Tamare die Show stahl. Es war wohl eine seiner besten Leistungen seiner Karriere - reich an Farben und kraftvoll in dramatischen Dialogen.

Chor der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl
Chor der Bayerischen Staatsoper
© Wilfried Hösl

Die Gezeichneten ist fast wie für die abenteuerlichen Opernregisseure der heutigen Generation gemacht. Obwohl nicht fehlerlos in seiner Dramaturgie, schafft es Krzysztof Warlikowski, die Handlung klar zu erzählen – kein leichtes Unterfangen, bedenkt man die Menge an Charakteren und wetteifernden Konfrontationen – und bot viele Kommentare und Einblicke in die Themen, die diesem Drama zugrunde liegen. Unter diesen vorherrschend ist die Beziehung zwischen Künstler und Subjekt, am Ende versinnbildlicht durch Carlotta, der Künstlerin, die sich zum Sterben in eine Vitrine legt, als ob sie selbst ein Ausstellungsstück auf Alvianos „Elysium” sei. Elysium ist bei Małgorzata Szcześniaks monumentaler Bühne mehr ein Museum als eine Insel. Es ist mehr eine Stätte von Erfahrungen, und mit Alvianos Missbildung an John Merricks Elefantenmensch anlehnend, wird dem Volk eine lange Filmmontage von Szenen aus alten Schwarzweißfilmen wie Golem, Frankensteins Monster, Das Phantom der Oper, oder Nosferatu gezeigt, um Alvianos persönliches Schicksal mit tragischen Szenen zu verdeutlichen.

John Daszak (Alviano Salvago) © Wilfried Hösl
John Daszak (Alviano Salvago)
© Wilfried Hösl

Ein typischer Zug des Regisseurs ist es, die vielen kleinen Charaktere zu anonymisieren, indem sie Mäuseköpfe tragen – es ist anscheinend eine Anspielung auf Kafkas letzte Kurzgeschichte Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, die von der Beziehung der Künstlerin zu ihrem Publikum handelt – und wahrscheinlich gab es noch weitere kulturelle Anspielungen in der Inszenierung, die das Programmheft nicht so offenkundig erklärte. Die Idee, Alviano selbst sei ein Künstler – Schöpfer des künstlichen Paradieses – wird sicherlich aufgegriffen, nicht zuletzt zu Beginn des dritten Aktes, als er Schrekers eigene, sich selbst herabwürdigende Beschreibung seiner selbst und seiner Kunst erzählt – als einen Impressionisten, Expressionisten, Erotomanen „Schöpfer des Klanges”, der für eine Kombination all seiner Charaktere aus seinen Opern steht. Aber am Ende war es Schrekers Musik selbst – in all ihrer vielschichtigen, aufgedrehten, erhabenen Spätromantik und all diese Eigenschaften seines Selbstporträts umfassend – die den Sieg davontrug.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz

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