Es gibt meines Wissens nicht viele Opern mit Bezug zu Linz. Die oberösterreichische Stadt ist wahrscheinlich in musikalischen Kreisen am bekanntesten dafür, Heimat des der Oper am entferntesten stehenden Komponisten Anton Bruckner gewesen zu sein. Nichtsdestotrotz hat das Landestheater Linz das Beste aus der Tatsache gemacht, dass der kaiserliche Mathematiker und Astronom Johannes Kepler ab den 1620er Jahren hier gelebt hat. Für die erste Periode der Stadt als Europäische Kulturhauptstadt kam von Landestheater der Auftrag für Philip Glass’ Kepler, 2009 erlebte das Werk dort seine Uraufführung. Nun, acht Jahre später, wird im nagelneuen Musiktheater (2013 eröffnet) eine beeindruckende Neuproduktion von Paul Hindemiths Die Harmonie der Welt (1956-7) vorgestellt.

Seho Chang (Kepler) © Thilo Beu
Seho Chang (Kepler)
© Thilo Beu
Mit einem von Keplers Leben inspirierten Libretto des Komponisten und einer Musik, die auf Hindemiths eigener musikalischer Neuinterpretation von Keplers Theorien fußt, ist es ein faszinierendes, ernstes Werk. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre und geographische Orte: zwischen 1608 und 1630, in Prag, Württemberg und Regensburg sowie Linz. Dies, und die Tatsache, dass die Geschichte durchweg im Hintergrund dahinpoltert – größtenteils verkörpert durch die Figur des Habsburger Generals Wallenstein – scheint dem Stück sogar einen Hauch von grand opéra zu verleihen.

Hindemith teilt seine Handlung über fünf Akte in 14 Szenen auf und hält das Tempo die dreistündige Oper hindurch bewusst flott. Es gibt eine Art Liebesgeschichte, wenn Kepler sich mit Susanna, der Angebeteten seines Assistenten, zusammen findet, nachdem sie sich in einem theologischen Streit auf seine Seite schlägt. Das Hauptaugenmerk aber liegt auf Keplers eigenem Ringen, seinen Versuchen, sich auf die Entwicklung seiner wirbelnden, stets wachsenden kosmischen Theorien zu konzentrieren, während um ihn irdische Sorgen ins Unermessliche wachsen. Beständig grausam parodiert in machtlosen Märschen versucht Wallenstein, Keplers Theorien so zu verdrehen, dass sie zu seinen militaristischen Zielen passen; Kepler wird in den öffentlichen Hexenprozess gegen seine Mutter hineingezogen, woraufhin er sie schließlich zurückweisen muss, und am Ende keimen selbst in Susanna Zweifel an ihrem Mann und seinen Ideen.

Nachdem so vieles um ihn aus den Fugen geraten ist, findet Kepler schließlich nur im Tode Harmonie, nach dem sich Hindemiths Schlussszene in ein großes, allegorisches Tableau des Kosmos verwandelt. „Möge doch auch die Schau in Fernen“, singen alle am Ende, „die uns voll frommen Wohlklangs umgeben, über das geringe Selbst heben ... bis uns aufgehn zu lassen ihm gefällt in seiner großen Harmonie der Welt.“ Bis zu diesem Punkt wurde die Musik von disziplinierten, streng kontrollierten melodischen Schnipseln charakterisiert, die zu einem festen, entschlossenen Vorwärtsstreben verbunden werden; hier nun bekommt sie Raum und Zeit aufzublühen, mit mitreißendem und bewegendem Effekt.

© Thilo Beu
© Thilo Beu

Dies ist unweigerlich der am schwierigsten zu inszenierende Teil der Oper, repräsentiert er doch eine Art Umschwung ins Oratorium. Dietrich Hilsdorf und Hermann Schneiders ausgezeichnete Neuproduktion hat vielleicht die einfache Lösung gewählt, doch das Ergebnis, wenngleich bodenständig, war dennoch wirkungsvoll. Die Protagonisten kamen zum Bühnenrand, der imposante, erweiterte Chor verteilte sich (wie schon verschieden Male zuvor an diesem Abend) in den Reihen um das Publikum herum, und die enorme Halbkuppel einer Sternwarte, die Dieter Richters Bühnenbild ausmacht, rotierte langsam auf ihrer Drehbühne.

Bisher hatte die Warte Gelegenheiten für Handlung im Drinnen wie Draußen geboten, während der geschickte Einsatz eines Zwischenvorhangs und eines breiten Stoffstreifens, der sich über die Breite der Bühne erstreckte, mithilfe von Projektionen weitere szenische Möglichkeiten eröffneten. Die Handlung wurde wirksam, klar, intelligent und stilvoll präsentiert. Locker in die Mitte des 20. Jahrhunderts versetzt, doch mit Echos früherer historischer Ereignisse, fand die Inszenierung zudem genau die richtige Balance zwischen Detail und Universalität.

Sandra Trattnigg (Susanne) und Sven Hjörleifsson (Ulrich Grüßer) © Thilo Beu
Sandra Trattnigg (Susanne) und Sven Hjörleifsson (Ulrich Grüßer)
© Thilo Beu

Auch aus musikalischer Sicht war die Vorstellung ausgezeichnet, in der Gerrit Prießnitz allen Vorgängen bemerkenswerte Disziplin und Kontrolle verlieh. Das Bruckner Orchester Linz harmonierte vollends mit Hindemiths streng argumentiertem Idiom und spielte mit Präzision und Ernsthaftigkeit, aber auch mit Wärme und Witz. An der Spitze einer grandiosen Ensemblebesetzung bot Seho Chang einen ernsten, aufgewühlten und stark gesungenen Kepler; Jacques Le Roux bot als Wallenstein genau die richtige Mischung aus Charisma und Arroganz. Der isländische Tenor Sven Hjörleifsson gab beeindruckend Keplers Helfer-dann-Gegenspieler Ulrich und sang mit angenehm klaren Ton. Matthias Helm spielte einen ausgezeichneten Tansur und Sandra Trattnigg sang Susanna mit wunderbar leicht-lyrischem Ton.

Man kann annehmen, dass Hindemiths Komposition selbst kaum von ihrer derzeitigen Umlaufbahn in einiger Entfernung des Kernrepertoires der Oper abweichen wird. Aber es ist ein wichtiges, faszinierendes Stück und eines das zeigt, dass Hindemith basierend auf Theorien von beträchtlicher Komplexität ein Werk von äußerster musikalischer und dramatischer Klarheit schaffen kann. Diese Produktion hat Kepler, dem Urheber dieser Theorien, indirekt alle Ehre gemacht, doch wichtiger noch: sie hat einem noch immer unterschätzen Komponisten einen großen Dienst erwiesen.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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