Den Dachboden auszubauen liegt voll im Trend, besonders angesichts des herrschenden Mangels an bezahlbarem Wohnraum, doch es bedarf einer ganz besonderen Findigkeit, um ein neues Konzerthaus auf einem bereits existierenden Gebäude zu errichten. Dennoch riecht es nach Missmanagement, wenn man die Baukosten um das zehnfache überschreitet und das Gebäude ganze sechs Jahre nach geplantem Bauende fertiggestellt wird. Doch dann galt immer das Motto „Location, Location, Location“, und Deutschlands zweite Stadt schmückt nun der weltweit teuerste Klassik-Tempel in einer Uferlage, die es mit Sydney aufnehmen kann. Kann man das horrende schlussendliche Budget von über 800 Millionen Euro rechtfertigen, wenn man bedenkt, dass der vor nur zwei Monaten eröffnete Antwerpener Königin Elisabeth Saal, Heimat der Königlich Flämischen Philharmonie, im Rahmen seines fürstlichen Budges von 80 Millionen Euro gebaut und pünktlich fertiggestellt wurde? Die Zeit wird es zeigen.

Die Elbphiharmonie © Maxim Schulz
Die Elbphiharmonie
© Maxim Schulz

Da hat man sich also ein funkelnagelneues Gebäude aus rotem Stein, Stahl und Glas gebaut, das sich 100 Meter über die Hafengegend erhebt, und die nächste Hürde, die man überwinden muss, ist die, wie man den ersten Abend mit passender Musik füllt. Wie beginnen? Eine Gelegenheitsouvertüre wie Beethovens Weihe des Hauses oder Brittens The Building of the House? Und was setzt man noch aufs Programm? Ein Auftragswerk (kurz, mittel, lang)? Ein großes, spektakuläres symphonisches Opus als Kernstück, wie Beethovens Chor- oder Mahlers Auferstehungssymphonie? Eine Präsentation von Werken berühmter Söhne der Stadt wie Mendelssohn und Brahms, ganz zu schweigen von denen, die hier wie Telemann und CPE Bach erste musikalische Erfahrungen gesammelt haben, oder zeitgenössische Komponisten wie Ligeti, Schnittke und Gubaidulina, die die Stadt zu ihrer Wahlheimat gemacht haben? Es ist ein wenig so, als suche man ein Geburtstagsgeschenk für jemanden, der schon alles hat.

Der Große Saal © Michael Zapf
Der Große Saal
© Michael Zapf

Obwohl Hamburg international nie als große Musikstadt betrachtet wurde, besitzt es eine lange musikalische Tradition, die bis ins Jahr 1628 zurückreicht und Deutschlands erstes Opernhaus außerhalb eines Hofes etabliert hat. In jüngerer Zeit haben Verbindungen zu Großbritannien zu dieser Tradition beigetragen: Es war ein Major der britischen Armee, Jack Bornoff, musikalischer Leiter fürs Radio in der britischen Besatzungszone, der nur wenige Wochen nach Beginn des Waffenstillstandes Hans Schmidt-Isserstedt dazu einlud, ein neues Radio-Symphonieorchester zu gründen. Zunächst Sinfonieorchester des Nordwestdeutschen Rundfunks genannt (es gab eine Überschneidung mit dem Staat Nordrhein-Westfalen) wurde es 1956 zum NDR Sinfonieorchester und 2015 zu NDR Elbphilharmonie Orchester umbenannt, nachdem es eine zehnjährige Residenz im neuen Konzerthaus erhielt. Aber Namen sind Schall und Rauch.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester © Michael Zapf
Das NDR Elbphilharmonie Orchester
© Michael Zapf

Genaue Details zum Programm, das Chefdirigent des Orchesters (seit 2011) Thomas Hengelbrock ersonnen hat, wurden bis zum Eröffnungstag bewusst unter Verschluss gehalten, und die letztendliche Auswahl wurde erst nach ersten Proben im neuen Saal getroffen. Die meisten der elf Werke wird für Ohren, die an festlichere Töne gewöhnt sind, eher eine Herausforderung gewesen sein, doch dieses Unkonventionelle hatte den besonderen Zweck, den Gedanken des Klanges selbst ins Zentrum zu rücken und ihn in dramaturgischer Folge ohne Applaus zwischen einzelnen Programmpunkten zu präsentieren. Ganz zu Anfang spielte Oboist Kalev Kuljus im abgedunkelten Saal Pan, die erste von Brittens Sechs Metamorphosen nach Ovid. Ungewöhnlicherweise schrieb der Komponist dieses Werk ohne Taktvorgabe, was dem Solisten ein hohes Maß an Expressivität zugesteht. Dem folgte Dutilleuxs Mystère de l’instant, in dem die Liebe zum Klang um des Klanges Willen ein prägendes Merkmal ist, gespickt mit Einwürfen des Cimbaloms und anderen Perkussionsinstrumenten, die sich aus den Streichertexturen erheben.

Großer Saal: „Weiße Haut“ © Oliver Heissner
Großer Saal: „Weiße Haut“
© Oliver Heissner

Philippe Jarousskys erstes Solo für Countertenor und Harfe war ein Stück des Renaissance-Komponisten Emilio de’ Cavilieri und in einem weiteren monodischen Beitrag sang er das Madrigal Amarilli, mia bella, verfasst von einem der Schöpfer des barocken Stils, Giulio Caccini. In einem Tribut an einen der frühen musikalischen Söhne der Stadt, Jacob Praetorius, interpretierten Musiker des NDR Orchesters seine Motette Quam pulchra es. Die übrigen Werke der ersten Konzerthälfte boten scharf kontrastierende Beispiele der Art und Weise, wie Komponisten sich der musikalischen Tradition entziehen, doch gleichzeitig ihre darin gewachsenen Wurzeln anerkennen. Bernd Alois Zimmermanns Präludium für großes Orchester Photopsis mag sein charakterisierendes Werk sein, eine Melange von schillernden Orchesterfarben und scharfen Akzenten von Blech und Perkussion mit Reminiszenzen an Bach, Beethoven, Tschaikowsky, Wagner und Scrjabin, die ein Ohrenschmaus sind. Eine bedeutende Persönlichkeit des Hamburger Musiklebens nach dem Zweiten Weltkrieg, Rolf Liebermann, der der Staatsoper 17 Jahre lang als Künstlerischer Leiter vorstand, wurde mit seinem Orchesterstück Furioso geehrt, in dem ein Posaunenostinato, toccatengleiche Passagen für Klavier und hämmernder rhythmischer Kontrapunkt ein Gefühl von ungezügelter Energie vermitteln. Sinnlichkeit und orgiastisches Vergnügen in vollem klanglichem Potential zeigten sich im zehnten und letzten Satz von Messiaens Turangalîla.

Die zweite Konzerthälfte begann mit den himmlischen Klängen von Wagners Vorspiel zu Parsifal, gefolgt von einem Auftragswerk zu diesem Anlass, Wolfgang Rihms 15-minütige Reminiszenz für großes Orchester (einschließlich Orgel) und Tenorsolist. Ursprünglich für Jonas Kaufmann komponiert, meisterte dessen Vertretung Pavol Breslik den großen Ambitus und die langen Atem voraussetzenden Kantilenen souverän.

Elbphilharmonie Plaza © Oliver Heissner
Elbphilharmonie Plaza
© Oliver Heissner

Ein Abend also ohne Zerstückeltes? Nein, etwas muss es geben, und es war der vielleicht am wenigsten überraschende Programmpunkt. Dieses Eröffnungskonzert endete mit dem Finale zu Beethoven Neunter Symphonie, in der Sir Bryn Terfel das Solistenquartett (Hanna-Elisabeth Müller, Wiebke Lehmkuhl und Pavol Breslik) autoritär anführte, mit den Chören des Norddeutschen und Bayerischen Rundfunks.

Letzten Endes hängt der Erfolg eines neuen Konzertsaals nicht von all dem Geld, das man dafür ausgegeben hat, seinem äußeren Erscheinungsbild oder seiner Lage noch von seiner Innenarchitektur ab, sondern von der Qualität des Musizierens in seiner innersten Schale. Mit Besuchen der Berliner, New Yorker und Wiener Philharmoniker in den kommenden Monaten sowie einem kompletten Beethoven-Zyklus des Simon Bolivar Orchesters unter Dudamel – um nur einige wenige Höhepunkte zu nennen – ist Qualität in der künstlerischen Planung sichtlich ein zentrales Thema. „Elphi“ (der Konzertsaal hat bereits einen Spitznamen), willkommen in dieser Welt!

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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