Opernabende wie dieser geschehen nur alle heiligen Zeiten. Eine Verdi-Partitur voller großartiger Musik, gesungen von großen Namen, großen Stimmen und großen Persönlichkeiten. Und keine Absagen. Aufgeregtes Stimmengewirr im Foyer. Selbst die grauhaarigen Kritiker schnurrten. Es ist selten, dass die Sterne so umwerfend richtig stehen wie für die Neuinszenierung von La forza del destino am Royal Opera House. Kein Wunder also, dass es so heiße Tickets waren, die zu irrwitzigen vierstelligen Summen auf diversen Webseiten geführt hatten, und Gerüchten, dass Förderern ihre ROH Mitgliedschaft entzogen wurde. An diesem Abend war das Singen unbezahlbar.

Jonas Kaufmann (Don Alvaro) und Anna Netrebko (Leonora) © ROH | Bill Cooper
Jonas Kaufmann (Don Alvaro) und Anna Netrebko (Leonora)
© ROH | Bill Cooper

Das letzte Mal, dass Anna Netrebko und Jonas Kaufmann gemeinsam auf der Bühne in Covent Garden standen, liegt viele Jahre zurück, als sie mit Dmitri Hvorostovsky 2008 ein unvergessliches Triumvirat in La traviata bildeten. Diese Forza übertrumpft sogar diesen Abend, hauptsächlich weil die Anforderungen an die Sänger größer und tiefer sind in dieser ausladenden Oper. Selbst kleine Rollen wurden luxuriös besetzt: keine geringere als Roberta Alexander als Leonoras Kammerzofe; und der Bass-Altstar Robert Lloyd als nasaler Marchese di Calatrava, eine Rolle die er erstmals 1973 hier gesungen hatte! Es ist beinahe Fantasy Casting, mit der Ausnahme von Preziosilla, aber Mezzos nehmen ohnehin nur selten die Rolle der aufhetzerischen Zigeunerin an sobald sie einen gewissen Star-Status erreicht haben.

Es war Netrebkos Rollendebüt als Leonora und sie passt ihr wie angegossen. Die laserscharfen Höhen ihres Spintos nageln einen in den Sitz und sie spannt Phrasen als gäbe es kein Morgen. Ihre pechschwarzen Tiefen weisen eine verführerische Qualität auf, die nahelegen, dass sie selbst Mezzorollen wie Eboli in Angriff nehmen könnte, wenn sie wollte. Manchmal tendiert sie zu Übertreibungen, so sehr gibt sie sich der Porträtierung hin. Die Szene im Kloster, mit Ferruccio Furlanettos knorrigem Padre Guardiano, war ergreifend. „Pace, pace, mio Dio”, Leonoras Gebet, Frieden im Tod zu finden, war genauso überwältigend.

Anna Netrebko (Leonora) und Ferruccio Furlanetto (Padre Guardiano) © ROH | Bill Cooper
Anna Netrebko (Leonora) und Ferruccio Furlanetto (Padre Guardiano)
© ROH | Bill Cooper

Sobald Leonora ihr Leben als Einsiedlerin beginnt, dreht sich der Abend ganz und gar um die drei Tenor-Bariton-Duette. Don Alvaro ist der Liebhaber Leonoras, mit dem sie weglaufen wollte, bevor er unglücklicherweise ihren Vater tötet (ein Moment, der in Slow Motion-Videoprojektionen festgehalten wird), während ihr Bruder Don Carlo den Abend damit verbringt, ihn zu jagen. Kaufmann hatte Alvaro zuvor in München an der Seite Ludovic Téziers Carlo gesungen. Es ist wahrlich eine besondere Partnerschaft, die einen an Franco Corelli und Ettore Bastianini im Goldenen Zeitalter der 1950er zurückerinnern lässt. Ihre Stimmen mischen sich wie Kaffee und Obers und irgendwie hauchen sie dramatisches Leben in den jeweils anderen ein, wenn sich die zwei in ihrem Streben nach Vergeltung antreiben.

Als notorischer Langsamstarter bekannt, ging Kaufmann hier sofort mit Begeisterung an die Sache, er sprang mit Stolz und Prahlerei durch das Fenster, und begann sofort einen Fluss an bronzenem Ton. Seine unbesonnene mezza voce beschränkte sich auf das Duett mit Carlo nachdem Alvaro im Kampf verwundet worden war; ansonsten gab es ausreichend Muskeln. Tézier ist Bariton-Gold. „Urna fatale”, seine Arie, wenn Carlo zwischen seiner Loyalität zu seinem neugefundenen Freund und dem Verdacht, dass er Leonoras Verführer sei, hin- und hergerissen ist, war in langen aristokratischen Linien mit poliertem Ton phrasiert.

Jonas Kaufmann (Don Alvaro) und Ludovic Tézier (Don Carlo) © ROH | Bill Cooper
Jonas Kaufmann (Don Alvaro) und Ludovic Tézier (Don Carlo)
© ROH | Bill Cooper

Zu Furlanettos noblem Padre gesellte sich im Kloster Alessandro Corbelli, ein komischer die Schau stehlender Dieb als jähzorniger Fra Melitone, der diese Inszenierung bei der Premiere 2017 in Amsterdam sang. Eine weitere Sängerin der Premiere erschien an diesem Abend; Veronica Simeoni hat jedoch nicht wirklich die Stimme für eine aufhetzerische Preziosilla. In der Eröffnungsszene des zweiten Akts schoss sie die Noten nur so heraus, allerdings feuerte sie weitgehend mit Platzpatronen. Sie hat zweifellos Charisma und war besser in ihrer zweiten Szene, wenn die bauchtanzende Wahrsagerin den Chor zu einem Lobgesang des Soldatenlebens aufpeitscht. Umherschweifende Scheinwerfer weisen währenddessen auf der Bühne auf die Schrecken des Kriegs hin.

Antonio Pappano zeigte eine pulsierende Interpretation von Verdis lebhafter Partitur mit nur wenigen Fehltritten in der Orchestergraben-Bühnen-Koordination. Die Streicher der ROH heizten wenn nötig die glühende Intensität an und das Klarinettensolo, das den dritten Akt einleitet war saftig und reif. Der Chor sang geradezu überschäumend, und stürzte sich tapfer in die Choreographie Otto Pichlers.

Veronica Simeoni (Preziosilla) und Anna Netrebko (Leonora) © ROH | Bill Cooper
Veronica Simeoni (Preziosilla) und Anna Netrebko (Leonora)
© ROH | Bill Cooper

Und Christof Loys Inszenierung? Harmlos aber nicht unvergesslich. Es ist eine alberne Handlung – weniger vom Schicksal als von einer Reihe an ungeheuerlichen Zufällen getrieben – aber Loy spielt es geradlinig. In der Ouvertüre wird ein Hauch von psychologischer Tiefe versprochen, wo wir Leonora und Don Carlo als Kinder sehen, der Bruder jagt der Schwester Angst ein, sie wiegt ihren anderen Bruder – der, wie wir von Loys Notizen erfahren, stirbt – wie das Abbild einer Pietà. Es wird auch gezeigt, wie Don Carlo das Elternhaus vor der Nacht des verhängnisvollen Unfalls seines Vaters verlässt. Der Großteil der Handlung spielt im Anwesen der Calatrava-Familie, eine Wand gleitet zur Seite und gibt ein riesiges Kruzifix frei. Christian Schmidts Design vermischt verschiedene Epochen miteinander, die Kostüme erscheinen wie aus einem Glückstopf hervorgezogen, allerdings nicht ungeschickt. Das eindrucksvollste Bild ist, wenn die Mönche Leonora Zuflucht gewähren und sie in einem blauen Mantel wie eine Madonna vor einem Meer von Kerzen steht. Aber an diesem Abend ging es nicht um die Inszenierung, es ging um das Singen, und dieses was unvergesslich.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

*****