In seinen halbernsten „Zehn Goldenen Regeln” für Dirigenten aus den frühen 1920er empfiehlt Richard Strauss Salome und Elektra so zu dirigieren „als wären sie von Mendelssohn: Elfenmusik”. Er gab keine ähnlichen Anmerkungen zu Die Frau ohne Schatten, die ohne Zweifel Elfenmusik ist, auch wenn nicht in der Mendelssohn’schen Form. Aber Kirill Petrenkos erstaunliches Dirigieren der Partitur (vollständig, sofern mich nicht alles täuscht) bei dieser Aufführung schaffte es, dieses große Werk mit einer Feinheit, übersät von Schlägen in die Magengrube wenn nötig, zu zeigen, die eine Offenbarung war.

Elena Pankratova (Frau von Barak, dem Färber) © Wilfried Hösl
Elena Pankratova (Frau von Barak, dem Färber)
© Wilfried Hösl

Die Vorstellung strotzte vor abgeklärten und entknoteten Strukturen, und obwohl einige Passagen ungewöhnlich rasch waren – der „Erdenflug” im ersten Akt war nach dem Abstieg teuflisch schnell, während die Motive der Schlafzimmerszene der Kaiserin im zweiten Akt leichtfüßig und agil herumwirbelten – fühlte sich nichts gedrängt an. Das Spiel des Orchesters, auf einem atemberaubenden Niveau der Virtuosität, erreichte eine fast übernatürliche Balance an Transparenz und Schub, jede Melodie wurde behutsam geformt und vorzüglich gedreht – besonders in der Begleitung in der großen Szene des Kaisers im zweiten Akt, herausragend vom Solocellisten Emanuel Graf.

Nur im letzten Akt hatte ich einige Male das Gefühl, dass uns Petrenko vielleicht einen etwas reicheren und konventionelleren Strauss gab. Das einleitende Violinsolo zur letzten Szene der Kaiserin war zum Beispiel seltsam blass, obwohl es von einem Hornspiel zartschmelzender Schönheit beantwortet wurde, während die Verschiebung der harmonischen Gänge zum zerschmetternden Höhepunkt des Werkes die unheilvolle Kraft nicht ganz zum Ausdruck brachte. Bei der Lautstärke gab es kein Zurückhalten, aber ich vermisste das Gefühl für das volle, donnernde, post-wagnerianische Gewicht.

Elena Pankratova (Frau von Barak, dem Färber) © Wilfried Hösl
Elena Pankratova (Frau von Barak, dem Färber)
© Wilfried Hösl

Dieses Gefühl hatte möglicherweise auch etwas mit Krzysztof Warlikowskis aufwendiger Produktion von 2013 zu tun, welche kaumetwas anderes als ein geradliniges Lesen der letzten Seiten zulässt. Eine Schar an Kindern strömt auf die Bühne und die zwei Paare genießen ein wohlverdientes Glas Prosecco. Verschiedenste kulturelle und religiöse Bilder werden auf die riesige geflieste Wand von Małgorzata Szczęśniaks Bühnenbild in einer Art multi-konfessionellen Apotheose projiziert.

Warlikowski ließ den Abend mit einem ausgedehnten – und größtenteils unnötigen – Prolog beginnen, projizierte dabei Szenen aus Alan Resnais’ Film Letztes Jahr im Marienbad aus dem Jahr 1961. Danach schien er zufrieden damit zu sein, keinerlei Ordnung in Hofmannsthals Szenario zu bringen, stattdessen bot er eine Reihe von eindrucksvollen und provozierenden Bildern mit vielfachen Freudschen Zwischentönen, aus denen wir unsere eigenen Schlüsse ziehen konnten. Die Wände des Bühnenbilds konnten geschlossen werden, um einen klugen, furnierten Hintergrund und eine vorherrschende Atmosphäre imposanten Reichtums zu bieten. Es wurden durchgängig Videos wirkungsvoll eingesetzt (Denis Guéguin), sowie alte (großteils in der Gestalt von Dienern) und junge (oft mit Vogelköpfen) Statisten. Die Betonung lag außerdem auf den ruhigen, höflichen Begegnungen, wie der zwischen dem Kaiser und dem Falken während seiner Szene im zweiten Akt.

Ricarda Merbeth (Die Kaiserin) und Burkhard Fritz (Der Kaiser) © Wilfried Hösl
Ricarda Merbeth (Die Kaiserin) und Burkhard Fritz (Der Kaiser)
© Wilfried Hösl

In diesem Kontext wurde das kaiserliche Paar durchaus vieldeutig gezeichnet. Ricarda Merbeths Kaiserin war beachtenswert, jedoch, was ihre dramatische Intensität angeht, gebunden an eine unerschrockene Stimme mit diamantener Schärfe (wenn auch zu Beginn mit einer leicht unzuverlässlichen Genauigkeit). Burkhard Fritz war ein feinfühliger, musikalischer Kaiser, Wolfgang Koch gab einen bewegenden, aufrichtigen Barak und Elena Pankratova seine aufregende Frau, obwohl ihre Deutsche Aussprache manchmal in Richtung Moskau anstatt München abschweifte im ersten Akt. Michaela Schuster war eine übergroße Amme, hier als hochmütige Wasserstoffblondine dargestellt.

Die Besetzung zeigte über die fünf Solisten hinaus hohe Qualität. Sebastian Holecek fiel mit seinem kraftvollen Geisterboten besonders auf, während ich selten zuvor ein so bewegendes und honigsüßes Wächter-Trio im Theater hören durfte – nicht einmal als Aufnahme. Münchens großzügige Ressourcen lieferten zufriedenstellende großzügige Resultate, aber in Erinnerung bleiben wird mir die erstaunliche Orchesterleistung unter Petrenko, mehr als Warlikowskis visuell bemerkenswerte, aber am Ende doch zurückhaltende Inszenierung.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz

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