Andreas Kriegenburgs Götterdämmerung ist ganz anders als der Rest seines Rings. Bisher schien die Inszenierung sich auf die Bühnenästhetik konzentriert zu haben, mit Tänzern, die mit ihren Körpern wundervolle Kulissen für die Handlung formten. Doch das war in der alten Welt der Götter, der Natur und der Helden. Jetzt ist das Ende der Welt gekommen: weg mit den Bäumen, her mit den Wolkenkratzern! Die letzte Oper des Zyklus ist hässlich und konzeptionell streng. Sie ist das, was manche Kritiker „Eurotrash“ nennen. Und sie macht viel Spaß.

Stephen Gould (Siegfried) © Wilfried Hösl
Stephen Gould (Siegfried)
© Wilfried Hösl

Dass das Ende der Welt nahe ist, sehen wir durch eine Kollage von Nachrichtenbeiträgen. Natur- und vom Menschen gemachte Katastrophen nehmen auf kleinen Bildschirmen ihren Lauf, die die Bühne füllen. Die Nornen weben nach einer Atomkatastrophe in einem Schutzbunker. Schockierte Überlebende starren zu Boden, als Arbeiter in Schutzanzügen kontaminierte Telefone und Accessoires beschlagnahmen.

Auch der Kapitalismus zerstört die Welt. Die adlige Familie der Gibichungen bewohnt ein gläsernes Bürogebäude mit einer gut ausgestatteten Bar und einem ebensolchen Kleiderschrank, der ausschließlich Anzüge in verschiedenen Blautönen beinhaltet. Gutrune und Gunther schmieden kaltschnäuzig Pläne, um voranzukommen, machen den Bediensteten Arbeit und begrapschen einander lustvoll. (Ich bin nicht sicher, was ich von diesem ironischen Gebrauch von Inzest als Zeichen des Verfalls halten soll, wenn man bedenkt, was in den früheren Ring-Opern geschieht!) Siegfried stolpert in brauner Jagdkleidung in ihre Welt, Nothung auf dem Rücken. Urkomisches folgt: Er hat keinen blassen Schimmer, was er mit den Glastüren, den Sofas, den Zigarren oder den Cocktails anfangen soll.

Symbolismus gibt es im Überfluss, und er ist nicht subtil: Gutrune begrüßt Siegfried in einem grellroten Gewand mit langer Schleppe, während sie auf einem goldenen Schaukelpferd in Form eines Euro-Symbols schaukelt. Der Esstisch nimmt dieselbe Farbe und Form an. Die Männer und Frauen des Chores in einheitlichen Geschäftsanzügen können kaum dazu veranlasst werden, von ihren Mobiltelefonen auszusehen. Wenn sie es doch tun, dann nur, um genau diese Telefone als „Waffen“ anzubieten, oder um die skandalträchtigeren Momente der Oper damit aufzunehmen – vermutlich, um sie dann in sozialen Netzwerken zu teilen (wahrlich eine mächtige Waffe).

Wichtiger noch als Kriegenburgs Bühnenbild und Konzept ist die Tatsache dass sie den Sängern etwas geben, mit dem sie darstellerisch spielen können... und wie sie spielten! Als Gutrune riss Anna Gabler ihre Rolle in einer klaren, aber scharfkantigen Stimme herunter und stolzierte, verführte und stolperte ihren Weg umher in Kleidern mit Schleppen so lang wie die Bühne. Alejandro Marco-Buhrmester war perfekt als prahlerischer aber feiger Gunther, klang und sah absolut selbstsicher aus, bis er es urplötzlich nicht mehr war. Er besitzt genau die richtige Stimme für diese Rolle, sie ist ausdrucksstark und trägt gut, ohne übertrieben heldenhaft zu klingen. Die überwältigende Stimme in der Familie allerdings kam von Hans-Peter Königs Hagen. Er brauchte ein paar Szenen, um warmzulaufen, doch dann zeigte er, was ein rechter Wagner-Bass ist: laut und dröhnend, ohne die geringste Spur von Unebenheit. Sein untertriebenes Schauspiel passte perfekt zu Hagens hasserfülltem, aber geduldigem Charakter und bildete einen schönen Kontrast zu Tomasz Koniecznys erregbarem Alberich.

Auch Wotans Brut spielte ihre Rollen gut. Stephen Goulds Siegfried passte hier besser als in seiner Titeloper, vielleicht, weil er nicht so sehr gegen das Orchester ankämpfen oder derart ins Extrem gehen musste. Seine ausgezeichneten stimmlichen und darstellerischen Entscheidungen machten seine lange Erzählszene fesselnd. Für diese Oper bekamen wir abermals eine neue Brünnhilde, und Petra Lang ging ganz anders an diese Rolle heran als Naglestad oder Herlitzius. Sie ließ sie nicht leicht erscheinen, ganz im Gegenteil: manchmal schien es, als käme sie allein mit reiner Willenskraft durch ihre Zeilen, und ihrer Stimme, zweifellos kraftvoll, fehlte es in den Höhen an Ausdruck. Auch ihre Darstellung schien angestrengt, und ihre konstante Bewegung und überzeichnete Mimik waren in den Anfangsszenen zu viel. Am Ende der Oper allerdings waren sie genau richtig. (Es ist schwer, bei Siegfrieds Tod überzureagieren!). Okka von der Dameraus Auftritt als Waltraute schließlich gab ihr abermals die Gelegenheit, ihre große und doch sensible Stimme mit ihren zahllosen Texturen zur Schau zu stellen. Diese einzelne Szene machte sie ebenso zum Publikumsliebling wie die anderen Protagonisten.

Wie schon zuvor in diesem Zyklus war es jedoch Kirill Petrenko, der allen die Schau stahl. In Wagners Orchestrierungen passiert immer eine Menge, aber unter Petrenkos Leitung war jedes Register des Staatsorchester perfekt mit den anderen ausbalanciert. Die Musiker spielten frisch, mit unglaublich sauberen Einsätzen und Abschlüssen. Petrenko hatte diesen Ring bisher recht zügig genommen, und bei der Götterdämmerung machte er keine Ausnahme; es gelang ihm dabei, das Staatsorchester für die etwas innigeren Momente der Oper zu entschleunigen, ohne dabei an Schwung zu verlieren.

Alles in allem war ich beeindruckt. Kriegenburgs Inszenierung war kaum überragend originell, doch sie war unterhaltsam, ohne abzulenken. Sänger und Orchester lieferten zuverlässig; ein starkes Ende für den Münchner Ring.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck