Muss Schuberts Winterreise noch mit Bildern veranschaulicht werden? Nicht, wenn ein brillianter Interpret wie Matthias Goerne sie sing. Stimme und Klavier reichen völlig aus, um die Reise des verlassenen Liebenden durch eine gleichgültige, gefrorene Landschaft nachzubilden. Aber Pianist Markus Hinterhäuser, der auch Direktor der Wiener Festwochen ist, kam die Idee, den vielseitigen, südafrikanischen Künstler William Kentridge einzuladen, dem Ganzen eine visuelle Dimension zu geben: 24 animierte Filme begleiten die 24 Lieder in diesem Höhepunkt der romantischen Liedkomposition. Kentridge entschied sich, Wilhelm Müllers Gedichte nicht bildlich umzusetzen, wie der tief betrübte Wanderer begibt er sich vielmehr auf seine ganz eigene Reise. Das Ergebnis ist eine einzigartig erinnernswerte Winterreise

Kentridges charakteristische Animationen in schwarz-weiß mit vereinzelten Farbakzenten wurden äußerst sorgsam durch einen Prozess von zeichnen, verwischen, radieren und wieder zeichnen geschaffen und beinhalten auch einfache aber bezaubernde Effekte wie Daumenkino und animierte Handschrift. Manchmal dauert es einen ganzen Tag, um zehn Sekunden Film zu produzieren, und die verschiedenen Schichten von Kohlezeichnung, Ausschnitten und Schaffen haben eine satte Textur und bewegen sich organisch. Inspiriert von den Themen der Winterreise wie Gehen, Erinnerung und der Unfähigkeit der Landschaft, Erinnerungen zu erhalten, wählte Kentridge Filme aus, die er für andere Gelegenheiten erstellt hatte, und fügte neues Material hinzu. Alle Filme sind assoziativ mit Müllers Text verbunden. Manchmal ist es eine gemeinsame, kulturelle Assoziation, beispielsweise der wunderschöne Baum, der den Himmel in Caspar David Friedrichs Gemälde „Krähen auf einem Baum“ durchzieht. Auch Kentridges persönliche Assoziationen mit seinem persönlichen Leben und seinem Heimatland finden sich darin: Die Krähe im gleichnamigen Lied ist ein Ibis der Subsahara, und zum Ende hin wird der Baum zur grausigen Bezug zu Südafrikas gewaltgeprägter Vergangenheit.

Die Bilder sich zudem rhythmisch mit den Liedern verbunden; sie bewegen sich zur Musik, werden zu Papierwindmühlen in den Böen des „Stürmischen Morgen“. In einem der wortgewaltigsten Abschnitte wirbelt Schnee aus schwarzem Konfetti im nervösen Rhythmus von „Erstarrung“ und formt flüchtige Bilder. Wir sehen Zeichnungen von Kentridge selbst, wie er über die Seiten eines Wörterbuchs geht und tanzt. Buchstaben materialisieren, drohen, Wörter zu bilden, schmelzen aber, bevor es dazu kommt. Kentridge scheint zu sagen, dass, obwohl man den Text vielleicht nicht vollständig versteht, so flicht die Musik Sinnes- und emotionale Verbindungen, flüchtig, aber im Gedächtnis festgehalten. Ein paar der Animationen haben ein so starkes narratives Element, dass man aufhört, der Musik bewusst zuzuhören. Eine davon ist „Memo“, projiziert zu „Im Dorfe“, in dem ein Mann am Schreibtisch versucht, die Einzelheiten seines Lebens im Griff zu behalten, die sich ihm aber in Form von ausreißenden Gummistempeln und auslaufender Tinte widersetzen. Ein anderes Mal verschmelzen die Bilder mit den Gedicht, so zum Beispiel die rotierenden Pianola- oder Drehleierrollen in „Gefrorene Tränen“, die Tränen durch flüchtige Lichtstreifen symbolisiert, die Vergänglichkeit sowohl der Musik als auch der Zeit betrauernd.

Bariton Matthias Goerne bewegte sich nur wenig und sehr bewusst, wird manchmal Teil des Films wie in „Wasserflut“, in dem sein Schatten in einem projizierten Badezimmer stand und duschte. Goernes Gesang verband beeindruckend ein kompromissloses Legato mit makelloser Diktion, aber erst seine glühend heiße, dramatische Intensität macht seine Winterreise unvergesslich. Er singt mit seinem ganzen Körper, beugt und wiegt sich, lehnt sich über das Klavier, mit eiserner Stimmkontrolle. Ohne Blickkontakt mit dem Publikum aufzunehmen, zieht er unvermeidlich alle Aufmerksamkeit auf sich, trotz der Videoprojektionen. Seine Stimme, obwohl nicht im konventionellen Sinne schön, ist dicht und mit komplexen Klangfarben von Cognac und weichem Leder, und ist ebenso eindringlich, wenn sie süße Erinnerung und völlige Verzweiflung ausdrückt. Sein gequälter Wanderer schwelgte sicherlich in seinen Gefühlen. „Der Wegweiser“ war mit viel Verlangen gesungen, als wäre es ein Liebeslied an die Einsamkeit. Doch auch für Momente der Reflektion bot Goerne Platz, nahm Lieder wie „Der Lindenbaum“ und „Der Greise Kopf“ in sehr langsamem Tempo und versuchte so, nicht nur mit größtmöglicher Intensität zu fühlen, aber diesen Gefühlen auch nachzuhängen und über den nächsten Abschnitt der Reise nachzudenken. Markus Hinterhäuser am Klavier nahm eine bewusst untergeordnete Rolle ein und folgte Goerne in Phrasierung und Tempo. Er spielte mehr schmerzlich denn schön, sogar in den nostalgischen Stücken wie dem „Frühlingstraum“, die leichtfingerigen Passagen waren nicht immer makellos, aber er bildete das müde Dahintrotten im Schnee und die Herzensschwere wunderschön in den gemäßigten Rhythmen nach.

Goernes und Kentridges Reise an diesem Abend endete in einem Versprechen von Möglichkeit. Bei „Der Leiermann“ stand der Sänger in der Bühnenmitte und war fest entschlossen, sich dem Leiermann auf der Straße anzuschließen, während eine Prozession von graziösen Silhouetten in einer afrikanischen Landschaft hinter ihn strömten. Der stoische Leiermann war kein Todesbote, sondern ein weiterer Wegweiser, eine Personifikation des unaufhaltsamen Fortschreitens der Zeit, des Lebens, und der Musik. Dann hörten die Prozession, das Spiel und der Gesang auf, nur die Erinnerung daran bleibt. Aber was für eine Erinnerung!


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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