Denkt man an Boris Jelzin, kommt einem wahrscheinlich ein Bild in den Sinn: 1996, während seiner Kampagne für die Wiederwahl ins Amt des russischen Präsidenten, tanzte er trotz aller Gerüchte über seine Gesundheit bei einem Rockkonzert in Rostow. Es ist ein Kultbild, für das der Photograph den Pulitzer-Preis gewann: ein schrulliger alter Mann, wahrscheinlich sturzbetrunken an Wodka, versucht sich in oberpeinlichem Gewackel... aber es brachte ihm die Zuneigung einer Nation ein, die fest entschlossen war, nicht wieder unter kommunistische Herrschaft zu geraten. In dieser gewitzten Aktualisierung von Rimsky-Korsakows letzter Oper Der Goldene Hahn der Deutschen Oper am Rhein verwandelt Dmitri Bertman den tolpatschigen König Dodon in eine Jelzin-ähnliche Figur.

Antonina Vesenina (Königin von Schemacha), Boris Statsenko (König Dodon) und Tänzer © Hans Jörg Michel
Antonina Vesenina (Königin von Schemacha), Boris Statsenko (König Dodon) und Tänzer
© Hans Jörg Michel

Bertman stammt aus Moskau und ist künstlerischer Leiter der dortigen Helikon Oper, steckt also genauso in der russische Politik wie es der Komponist tat. In Puschkins Geschichte, auf der Rimsky-Korsakow seine Oper basierte, ist König Dodon ein unglückseliger Anführer, der versucht, die Grenzen seines Reiches zu schützen, der es jedoch vorzieht, von seinem Bett aus zu regieren, indem er sich auf den gekrähten Rat eines goldenen Hahns verlässt. Rimsky-Korsakows Oper war entzdündlicher Stoff und ein kaum verhohlener Schlag gegen Nikolaus II. Nach dessen demütigender Niederlage im Krieg gegen Japan. Da nimmt es nicht Wunder, dass Der Goldene Hahn 1907 dem Reichszensor in Konflikt geriet.

In seiner Inszenierung erfreut Bertman dadurch, dass er den König als Hanswurst präsentiert. Dodon teilt sich die Badewanne mit seinen Söhnen und seinem General, trinkt Milch aus einer Babyflasche und glaubt naiv, dass das Geschenk eines goldenen Hahns ein Frühwarnsystem für Angriffe der Nachbarn bieten würde. Er ist so überarbeitet, dass Amelfa, seine persönliche Assistentin, alle Telefonhörer abnimmt, damit er in Ruhe ein Nickerchen an seinem Schreibtisch machen kann.

Boris Statsenko (König Dodon) and Renée Morloc (Amelfa) © Hans Jörg Michel
Boris Statsenko (König Dodon) and Renée Morloc (Amelfa)
© Hans Jörg Michel

Als sein Sohn nicht aus dem Kampf zurückkommt, macht sich Dodon selbst auf, landet aber in einem Pariser Nachtclub, wo er von der Königin von Schemacha, ein Kabarettmädchen in goldenem, nach vorne offenem Faltenrock und glitzerndem Kopfschmuck, verführt wird. Sie befiehlt ihm, zu tanzen – der Einsatz für die Jelzin-Moves – und er bietet ihr sowohl sein Herz als auch sein Reich. Doch als der Astrologe die Königin als seine Belohnung fordert, ist die Hölle los. Dodon tötet den Astrologen, dann hackt (üblicherweise) der Hahn den König zu Tode. Doch hier sieht man Amelfa den Vogel zu Beginn des dritten Aktes verschlingen, also taucht am Ende des Epilogs, in dem der Astrologe wieder auftritt, um die Moral der Geschicht' zu erklären, taucht Dodon unerschrocken wieder auf – ein politischer Führer, rosig wiedergeboren.

Bertman beruft sich auf einen weiteren russischen politischen Führer – Boris Godunow – in einer Szene, in der Bauernchor genau im Moment von Dodons Heiratseroberung um Brot bittet. Rimsky-Korsakow und Mussorgsky haben sich einmal für eine Weile ein Zimmer geteilt, und da Korsakow Boris überarbeitet und neu orchestriert hat, war dies eine elegante Parallele.

Eva Bodorová (Goldener Hahn) und Cornel Frey (Astrologe) © Hans Jörg Michel
Eva Bodorová (Goldener Hahn) und Cornel Frey (Astrologe)
© Hans Jörg Michel

Axel Kobers lebhafte Tempi hielten die farbenprächtige Musik in Schwung, mit sehnigen Holzbläsersoli und dem durchdringenden Motiv des krähenden Hahnes in den Trompeten, abgesehen von einem Verspieler im allerersten Takt der Oper (nachdem beim Warmspielen jeder Ton wiederholt getroffen worden war!).

Dass die Präsentation der Deutschen Oper am Rhein diese Oper so gut ist, ist erstaunlich. Nur Antonina Vesenina, die Königin von Schemacha, ist kein Ensemblemitglied. Sie zählt zum Ensemble des Mariinski sang großartig. Sie erinnert mich an Anna Netrebko in ihren frühen Kirow-Tagen, als sie noch „leichtere“ Rollen wie Glinkas Ludmila sang. Veseninas Höhe ist laserähnlich und sie singt Rimsky-Korsakows gewunden-chromatische Schlenker mit großer Leichtigkeit. Ihre „Hymne an die Sonne“ - gesungen auf Französisch und Englisch, was Dodon und Polkan in ihre Textbücher blicken ließ – war der gesangliche Höhepunkt des Abends.

Sami Luttinen (General Polkan), Antonina Vesenina (Königin von Schemacha) & Boris Statsenko (Dodon) © Hans Jörg Michel
Sami Luttinen (General Polkan), Antonina Vesenina (Königin von Schemacha) & Boris Statsenko (Dodon)
© Hans Jörg Michel

Boris Statsenko warf der Rolle des Königs Bassgewicht und wunderbar komisches Spiel entgegen, und Sami Luttinens grummeliger Bassbariton als alkoholgetränkter General Polkan stand ihm in nichts nach. Die Rolle des Astrologen wurde für einen sehr hohen Tenor geschrieben, nicht die natürliche Habitat von Cornel Frey, dessen Leistung lobenswert war, selbst wenn sein mutiger Versuch eines hohen Es (!) in Bruststimme gegen Ende gequetscht war. Eva Bodorovás munterer Hahn sang punktgenau von beiden Seiten des Balkons des einfachen, aber eleganten Auditoriums.

Corby Welch und Roman Hoza leisteten ausgezeichnete Arbeit als sich bekriegende Söhne des Königs und verlieren nur im alkoholischen Sinne den Kopf (normalerweise geschieht das im Kampf), kehren also im dritten Akt in T-Shirts mit dem Aufdruck „ I ♥ Paris“ nach Moskau zurück. Renée Morlocs anzüglicher Mezzo holte aus Amelfa – der Macht hinter dem Thron – das Beste heraus und der Chor sang durchweg solide.

Diese einfache, aber elegante Inszenierung von Rimsky-Korsakows Satire zeigt eine großartige Ensembleleistung. Wenn Sie die Produktion in diesem Frühjahr nicht in Düsseldorf sehen können, sei sie für die kommende Spielzeit empfohlen, wo sie mit überwiegend gleicher Besetzung wiederaufgenommen wird.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

****1