Trotz der Aufmerksamkeit, die man Frank Castorfs kontroverser, „postdramatischer“ Inszenierung des Rings unweigerlich schenkt, drehten sich diese Vorstellungen in Bayreuth letztendlich um die Musik. In Götterdämmerung blieben das starke Gesangsensemble und das beeindruckende Dirigat der vorangegangenen Zyklusteile erhalten. Catherine Foster krönte ihr Portrait der Brünnhilde mit technischer Kontrolle, reicher Klangfarbe und Ausdauer, die bis zum Ende der Opferszene reichte. Stefan Vinke, noch immer etwas nasal im Klang, nuancierte seinen Ausdruck auf andere Weise und hielt, im Einklang mit Castorfs Gedanken, den unreifen Rüpel-Zug seiner Figur bis zuletzt aufrecht.

Catherine Foster (Brünnhilde) und Marina Prudenskaya (Waltraute) © Enrico Nawrath
Catherine Foster (Brünnhilde) und Marina Prudenskaya (Waltraute)
© Enrico Nawrath

Albert Pesendorfer war nur zwei Tage vor der Vorstellung für den erkrankten Stephen Milling eingesprungen und ging voll in seiner Rolle auf, sein Bass passend dunkel und bedrohlich, seine Präsenz überschattend und stark. Markus Eiche, einer der beeindruckendsten Wagner-Baritone unserer Zeit, zeigte mit Gesang von unermüdlicher Haltung mehr von der Aggression in Gunther als man üblicherweise sieht. Allison Oakes' Gutrune mit Beehive-Frisur machte einen guten Eindruck und die russische Mezzosopranistin Marina Prudenskaya gab eine sonore Waltraute – ihre Szene mit Brünnhilde war einer der Höhepunkte des Abends. Die Trios der Nornen und Rheintöchter, in überlappender Besetzung, rundeten eine beinahe ideale Besetzung ab.

Marek Janowskis Dirigat war durchweg eine Offenbarung – energiegeladener und glühender noch als man es nach seinen zwei Aufnahmen des Zyklus' erwartet haben mochte. Ein Großteil davon rührte von der verführerischen Anziehung des Bayreuther Festspielorchesters her – praktisch ein bunt zusammengewürfeltes Orchester mit den besten Musikern aus Orchestern aus ganz Deutschland, dessen Klang und Aura jedoch ganz eigen sind, von einzelnen Holzbläsersolisten und seidenen Streichern zur schieren Kraft der versammelten Blechbläser. Es gab einige Wackler in dieser Götterdämmerung, besonders, als die drei Rheintöchter ihren ersten Einsatz verpassten, doch der Gesamteindruck war der einer meisterhaften Gestaltung dieser enormen Musik.

All die Themen und sich überlagernden Ideen von Castorfs Interpretation trugen an diesem letzten Abend Früchte: Revolution, die Ausbeutung anderer Menschen und der Ressourcen der Erde (das Leitmotiv Öl wird durch eine petrochemische Fabrik verdeutlicht) und die überschattende Macht von Vermögen (die letzten Szenen ereignen sich vor einem Faksimile der Wall Street). Es gibt weitere Verweise auf die deutsche Geschichte – die Vasallen beispielsweise schwenken die Flaggen der vier Besatzungsmächte, und die Nahrungsmittelknappheit dieser Jahre ist ein zentrales Element – und der „Running Gag“ von Verweisen auf große Filme im gesamten Zyklus zeigt sich, als in Hommage an Panzerkreuzer Potemkin ein Kinderwagen eine lange Treppe hinunterstürzt. Mit dem Bayreuther Proszenium, das so hoch wie breit ist (Wagner mag seiner Zeit als Dramatiker voraus gewesen sein, aber das Breitbildformat hat er nicht kommen sehen), konnten Regisseur und Bühnenbildner (Aleksander Denić) die Handlung sowohl vertikal als auch in der Tiefe streuen – mit fesselnden Ergebnissen in Anbetracht der Tatsache, dass jedes mehrseitige Bild, auf einer Drehbühne, gebaut ist wie ein Labyrinth von verbundenen Ebenen und Handlungsarenen.

Catherine Foster (Brünnhilde) © Enrico Nawrath
Catherine Foster (Brünnhilde)
© Enrico Nawrath

Eine wichtige, und großteils unerwähnte Position (zumindest im gedruckten Programmheft) kommt Castorfs Assistent und Dramaturg Patric Seibert zu, der im Laufe des Rings verschiedene stumme Rollen von Barkeeper über Revolutionsführer bis hin zum Verkehrstoten spielt und als Boxsack für die Aggressionen der anderen Figuren dient. Gleichzeitig bietet er oft komische Aparte (zu sehen im live-Film), die einige der intensiveren musikalischen Episoden kontrastieren. Castorfs Personenführung ist sicherlich markant – es gibt einen misogynen Zug in fast allen seinen weiblichen Figuren, als Opfer oder sexuell ungehemmt – nur Brünnhilde scheint darüberzustehen. Doch es ist seine Neuschöpfung von Siegfried selbst, die am meisten zu denken gibt: dieser Siegfried ist ein junger Mann ohne rettende Eigenschaften – er reift nicht, ist zügellos und hat einen Hang zu sinnloser Gewalt; er schlägt einen Obdachlosen zusammen und nichts was er tut rechtfertigt Brünnhildes Vertrauen in ihn – in anderen Worten, er ist der genaue Gegensatz eines „Helden“.

Stephanie Houtzeel, Christiane Kohl und Wiebke Lehmkuhl (Nornen) © Enrico Nawrath
Stephanie Houtzeel, Christiane Kohl und Wiebke Lehmkuhl (Nornen)
© Enrico Nawrath

Man muss sich ein wenig Mühe geben, um sich an Castorfs Art, die Dinge zu präsentieren, zu gewöhnen – sie will provozieren und herausfordern. Doch die Mühe lohnt sich, denn man erkennt, dass seine Überlagerungen ein Netz von aufeinander bezogenen Leitmotiven sind und genauso detailliert und komplex gearbeitet wie die, die Wagner in seine Musik webt. Mal beißt es sich, mal nimmt es Form an, doch vor allem regt Castorf zum Nachdenken an – und das war auch Ziel des Komponisten, als er sein Meisterwerk schuf.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.