„Previously on” Bayreuths neuer Miniserie Der Ring des Nibelungen... Da ich ja genau genommen nicht Wagner bin, muss ich meine Zeit auch nicht für eine Zusammenfassung verschwenden, sondern kann meine Leser stattdessen über Hyperlinks auf meine bisherigen Rezensionen von Das Rheingold, Die Walküre und Siegfried verweisen und zur Kritik des letzten Dramas des Zyklus, Götterdämmerung, übergehen, für das ich wohl eine Spoilerwarnung aussprechen sollte. Obwohl Regisseur Valentin Schwarz in gewissem Maße das Spoilern selbst übernimmt, indem er einen eher feucht-fröhlichen Abschluss für seine Überarbeitung von Wagners Handlung liefert.

Stéphanie Müther und Kelly God (Nornen)
© Bayreuth Festspiele | Enrico Nawrath

Es beginnt jedoch vielversprechend mit einer seiner inspirierteren Ideen. Er zeigt eines der wichtigsten Elemente der Hintergrunderzählung des Komponisten und lässt damit das einzige Mal in der gesamten Inszenierung etwas Fantasy zulässt. Wir sind eine Generation weiter als am Ende der vorangegangenen „Folge”, und Siegfried und Brünnhilde haben inzwischen ein gemeinsames Kind. Seine Gute-Nacht-Geschichte führt zu einem Traum, in dem die drei Nornen als glitzernde Wesen aus dem Bettzeug schlüpfen und ihre Geschichte erzählen.

Siegfried scheint jedoch im verflixten 30. Jahr zu sein, und möchte sich von Brünnhildes Fesseln lösen. Widerwillig nimmt er den alten Familienangestellten Grane als Diener mit auf seine Reise. Zu Granes Leidwesen sind die ersten Menschen, die sie treffen, der Gibichungen-Clan, der gerade in das verlassene Walhalla eingezogen ist und sich als begeisterte Großwildjäger entpuppt – das anthropomorphe Pferd überlebt nicht lange in ihrer brutalen Gesellschaft. Siegfried ist derweil so sehr über Brünnhilde hinweg, dass er sich leicht in Gutrune verliebt und keinen Trank des Vergessens braucht, um sich überreden zu lassen, Gunther dabei zu helfen, seine eigene Frau zu umwerben. Gunther entführt auch das Kind der beiden, das nun offenbar stellvertretend für den Ring und die Liebe zwischen Siegfried und Brünnhilde steht.

Elisabeth Teige (Gutrune) und Michael Kupfer-Radecky (Gunther)
© Bayreuth Festspiele | Enrico Nawrath

Weniger durchschaubar ist Hagens Motivation, Siegfried zu Fall zu bringen, abgesehen davon, dass er nach Fafners Tod von seinem einstigen Freund brüskiert wurde und der Held ein größeres Interesse an Brünnhilde hatte. Man darf nicht vergessen, dass Schwarz Hagen von Anfang an zu einem Opfer von Kindesentführung gemacht hat und er seinen Entführer-„Vater” Alberich kaum wiedererkennt. Weit davon entfernt, die losen Enden des vom Regisseur neu konzipierten Plots um die Rivalitäten innerhalb einer Großfamilie zu verknüpfen, beginnt sich die Endphase des Dramas zu entwirren wie der Schicksalsfaden der Nornen. Man kann die Auswechslung von Hagens Vasallen in einem angeblich zeitgenössischen Drama durch eine andere Art von Versammlung nachvollziehen – Kapuzenmäntel und von Wikingern inspirierte Masken deuten auf eine Art düsteren Geheimbund der Söhne Wotans hin. Dieser mittlere Akt ist auch die einzige wirkliche Darstellung des szenischen Spektakels in der gesamten Vision von Schwarz, mit effektiver Nutzung der gesamten Bühnentiefe, Beleuchtung und Trockeneis.

Chor der Bayreuther Festspiele
© Bayreuth Festspiele | Enrico Nawrath

Auch der dritte Akt beginnt nicht schlecht: Siegfried angelt mit seinem Sohn in den Resten eines verlassenen, trockengelegten Schwimmbads, wo sie von den inzwischen gealterten, arthritischen Rheintöchtern angesprochen werden. Die Jagdgesellschaft des Originals wird kurzerhand zu Gunthers ausschweifendem Junggesellenabschied, und es gibt einen bezeichnenden Moment, in dem Siegfried seinen einstigen Freund Hagen aufgrund des Schlagrings, den er immer noch trägt, wiedererkennt. Hagen tötet Siegfried, als dieser ihm alles über Brünnhilde verrät, und sitzt anschließend grübelnd zur Seite, als ob er seine Tat bereue. Siegfried selbst richtet seine sterbenden Worte des Lobes für Brünnhilde an das Kind, was wiederum auf dessen symbolischen Status hinweist.

Albert Dohmen (Hagen), Michael Kupfer-Radecky (Gunther) und Stephen Gould (Siegfried)
© Bayreuth Festspiele | Enrico Nawrath

Dann fällt alles ziemlich flach. Brünnhilde hält den ersten Teil ihrer Ansprache durch einen Sicherheitszaun, bevor sie sich nach vorne auf die Bühne begibt (ein kleiner Durchbruch durch die vierte Wand, da sie nicht die sichtbaren Zugänge zum Grund des Schwimmbeckens, eine Leiter und ein Wasserrohr, benutzt). Sie findet Granes abgetrennten Kopf in einer Tragetasche und verbringt den Rest ihrer Zeit damit, ihn wie eine Salome zu streicheln, bevor sie sich neben Siegfrieds Leiche hinlegt, um zu sterben. Nachdem das Kind ohne ersichtlichen Grund tot zusammengebrochen ist, erscheint Hagens letzter bedeutungsloser Versuch, den „Ring” zu bergen. Er schleicht einfach davon, um einen weiteren Tag zu leben, während eine Wand aus Leuchtstoffröhren zwar irgendetwas bedeutet, aber wohl kaum das Ende der Welt.

Eigentlich schade, denn vieles in Schwarz' Regie funktioniert im Detail, sei es im Einklang mit der Musik und dem Text oder in spielerischer Unterwanderung, und es werden wichtige Themen eingeführt, die Wagners großes Musikdrama beleuchten. Aber es bleiben Dinge offen – die leuchtende Pyramide zum Beispiel, die vorher so bedeutsam schien, taucht nach dem ersten Akt nicht mehr auf, und der Schluss lässt an den traditionellen ratlosen Ausruf denken, den man am Ende einer langen Dramaserie macht: „War's das?”.

Iréne Theorin (Brünnhilde)
© Bayreuth Festspiele | Enrico Nawrath

Glücklicherweise war die musikalische Seite so stark wie immer, mit Stephen Gould als glasklarem Siegfried und Iréne Theorin in deutlich besserer Stimme als zuvor als Brünnhilde. Albert Dohmen fehlte zwar die übliche dunkle Stimmfarbe eines Hagen, aber er präsentierte ihn ausnahmsweise mit etwas Sympathie. Ólafur Sigurdarson krönte seine feine Darstellung des Alberich, und Michael Kupfer-Radeckys Gunther und Elisabeth Teiges Gutrune waren ergreifend gesungen und als Charakterisierungen wunderbar überzogen. Die Trios der Nornen und Rheintöchter waren alle gut ausbalanciert. Der Chor sang kräftig, und das Orchester spielte unter Cornelius Meisters eindringlichem und einfallsreichem Dirigat erneut vortrefflich.


Ins Deutsche übersetzt von Elisabeth Schwarz.

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