Sofia Gubaidulina hat in ihren späteren Jahren eine Art Renaissance erlebt. Als junge Komponistin in der Sowjetunion auf die schwarze Liste gesetzt, erhielt die Russin in den 1980er Jahren breite Anerkennung, und das großteils dank Gidon Kremer, dem Meister ihres Ersten Violinkonzertes Offertorium. Letztes Wochenende, zur Feier des 85. Geburtsjahres der Komponistin, taten sich der lettische Violinist und die Berliner Philharmoniker für eine Aufführung ihres zweiten Konzertes, In tempus praesens, zusammen.

Gidon Kremer © Paolo Pellegrin | Magnum Photos
Gidon Kremer
© Paolo Pellegrin | Magnum Photos

Nachdem das Orchester das Stück 2007 mit Anne-Sophie Mutter unter Simon Rattle uraufgeführt hatte, standen die Berliner Philharmoniker an diesem Abend unter der Leitung von Christian Thielemann, einstmaliger Kandidat für die Nachfolge Rattles, wenn dieser Berlin 2018 verlässt, und ein weiterer Meister von Gubaidulinas Musik. Nächstes Jahr wird Thielemann Der Zorn Gottes mit seiner Staatskapelle Dresden uraufführen, bei der die Komponistin, die nun in Hamburg lebt, derzeit Capell-Compositrice ist.

Wenngleich das Werk zum Teil mathematisch konzipiert wurde (in der Dokumentation Sophia – Biography of a Violin Concerto zeigt die Komponistin, wie sich das Werk aus ihrer Entdeckung von Fibonacci-artigen Sequenzen in Bach entwickelt hat), ist In tempus praesens emotional roh und körperlich. Eine Reihe von elliptischen Äußerungen der Violine werden von orchestralen Verdeutlichungen gleich einem spirituellen Nachglanz begleitet. Eines der Schlüsselmotive des Werkes, eine aufwärts greifende Linie der Violine, wird begleitet von einer blühenden Orchesterfigur. Wie viele andere taucht diese Phrase oftmals wieder auf und gibt dem Stück ein Gefühl von Zirkularität. Dadurch hofft die Komponistin, unser Erleben von Zeit zu transformieren und uns auf den gegenwärtigen Moment auszurichten– In tempus praesens.

Kremer besitzt eine ruhige, konzentrierte Präsenz, doch gab in der Philharmonie eine emotional intensive und herausfordernde Interpretation des Konzertes, von der eng gewandten Beschwörung am Anfang des Stückes an. In der ritualistischen Rage im Kern des Stückes spielte Kremer sich in eine Trance. Unter Thielemann arbeiteten die Berliner Philharmoniker die expressionistische Komplexität dieser farbigen Partitur mit großer Präzision heraus.

Wie Gubaidulina war Anton Bruckner tief gläubig. Gegenüber dem gläubigen Katholiken beklagten sich seine Freunde, er habe neben der Musik und der Religion keine Interessen. Seine Messe Nr. 3 in f-Moll entstand, kurz bevor er seine provinzielle Lehrposition in Linz für das vielversprechende Wien verließ. In dichter Folge nach seiner Ersten Symphonie versöhnt sein aufkeimender symphonischer Stil mit einer feierlichen, frommen Absicht.

Thielemanns Interpretation war gemäßigt, mit brillanten Momenten. Er achtete sorgsam darauf, sich auf die strenge Erhabenheit des Kyrie zu setzen und schuf dann einen scharfen Kontrast mit einer zügigen Lesart des überschäumenden Gloria – etwas unbändige Streicher machten es nur noch aufregender. Das Credo, als schnellen Marsch genommen, begann mit verhaltenem Jubel und ließ Raum, um in der Auferstehung blendendes Strahlen aufzubauen.

Der Rundfunkchor Berlin zeigte sich im Ganzen diszipliniert mit vollem Ton, und während die flüchtigen Soli wenig mehr als Dekoration sind, war das Vokalquartett vortrefflich. Das Orchester spielte selbstredend durchweg strahlend und bedeutsam, umso mehr mit dem zusätzlichen Gewicht der Orgel der Philharmonie. Thielemann arbeitete im abgeklärten Benedictus etwas zu viel und in den letzten Momenten verlor das Zusammenspiel die Straffheit, mit der das Konzert begonnen hatte. Aufs Ganze gesehen jedoch bot er Luzidität und eine stete Hand in zwei Werken, die – jedes auf seine eigene Weise – tief spirituell sind.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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