Als „die schlechteste aller Händel'schen Kompositionen” beschrieb Charles Jennens, Händels Freund und Librettist des Messias, Händels einzige Operette Imeneo. Andererseits kommentierte der Cellist Thomas Harris, ebenfalls ein Freund Händels: „Ich glaube aber nicht, dass sie den gebührlichen Beifall gefunden hat, obwohl doch darin eine große Fülle guter Gesänge zu finden sind.“

William Berger (Imeneo) © Theodoro da Silva
William Berger (Imeneo)
© Theodoro da Silva

Ich würde mich der Meinung von Thomas Harris anschließen und es ist eine durch und durch gute Sache, dass Imeneo in diesem Jahr die zentrale Musiktheaterproduktion der Internationalen Händel-Festspiele darstellt. Für ein Publikum des 21. Jahrhunderts sind ihre kurze Spielzeit – gänzlich Händel-untypische zwei Stunden sind machbar – und ihre ungewöhnlich einfache Handlung positive Züge.

Sie beginnt mit einem Schiff voller junger Athener Mädchen, die auf dem Weg zu einem religiösen Fest von Piraten entführt werden. Ungünstigerweise für die Piraten ist eine der weiblichen Gefangenen in Wirklichkeit Imeneo, der sich als Frau verkleidet hat, um seiner geliebten Rosmene nahe zu sein. Die jedoch liebt Tirinto und ist bereits mit ihm verlobt. Also metzelt Imeneo die Piraten nieder, als sie schlafen, und bringt die Damen nach Hause zurück. Erwarten Sie von dieser tollkühnen Geschichte jedoch nicht zu viel, denn nichts davon geschieht auf der Bühne. Stattdessen finden alle drei Akte der Operette in dem gleichen „lieblichen Hain“ statt, in dem der erste Akt beginnt, als Imeneo seine Geretteten an Land bringt und im Gegenzug dafür Rosmenes Hand verlangt, die ihm versprochen wird unter der Voraussetzung, dass Rosmene zustimmt. Die Oper zeigt dann Rosmene, die zwischen ihrer Liebe für Tirinto und ihrer Pflicht gegenüber Imeneo zerrissen ist; ihre beiden Freier versuchen, sie zu überzeugen, während ihre Freundin Clomiri vergeblich versucht, Imeneos Zuneigung zu gewinnen. Um sich etwas mehr Bedenkzeit zu verschaffen, spielt Rosmene kurzzeitig die Wahnsinnige und entscheidet sich schließlich für ihre Pflicht und Imeneo.

Anna Dennis (Rosmene) und Stefanie True (Clomiri) © Theodoro da Silva
Anna Dennis (Rosmene) und Stefanie True (Clomiri)
© Theodoro da Silva

All das birgt für die Regie einige interessante Probleme, und nicht nur das offensichtliche, wie man das Publikum während der drei Stunden unterhalten soll, während eine Frau in einem Garten versucht, sich zu entscheiden. Der Stempel „Operette“ suggeriert eine gewisse Unbeschwertheit, und dafür gibt es einiges an Spielraum, doch wie viel wirkliche Leichtigkeit steckt in einer Geschichte einer Frau, die aus einer Entführung gerettet und dann emotional erpresst wird, zum Preis ihres Retters zu werden? Händel deutet darauf selbst hin, indem er die Rolle des Imeneo für einen Bariton anlegt, wenn es generell die Herren in hohen Stimmlagen sind, die die Frauen abbekommen.

So sollte jede neue Inszenierung faszinierend sein, und Sigried T'Hoofts Neuproduktion ist das eindeutig. Es scheint zunächst, dass sie kein Freund des Kompakten ist; sie hat das Werk noch erweitert, indem sie getanzte Zwischenspiele ihrer barocken Tanzkompanie, Corpo Barocco, eingefügt hat, deren Musik aus anderen Kompositionen wie der Wassermusik und den Cembalosuiten stammt. Die wirklich markanten Elemente sind jedoch die optischen. Die Sänger verwenden barocke Gesten, die von einem atemberaubenden, von Kerzen erleuchteten Bühnenbild und Kostümen (Stephan Dietrich) in barockem Stil ergänzt werden. Ungemein üppig und unerhört hell sieht das Ganze aus wie eine von Watteaus Fêtes galantes, bunt und in Farbe.

James Laing (Tirinto) und Anna Dennis (Rosmene) © Theodoro da Silva
James Laing (Tirinto) und Anna Dennis (Rosmene)
© Theodoro da Silva

Ob all das funktioniert, ist eine zweischneidige Sache. Zunächst zu den getanzten Zwischenspielen: sie sind prädestiniert für geteilte Meinungen, doch die Übergänge sind weich und die Anspielung auf die frühe Opernpraxis, in der Vorstellungen mit getanzten intermedi durchsetzt waren, macht Spaß. Auch die barocken Gesten sehen in diesem Bühnenbild enorm richtig aus, doch ohne praktische Kenntnisse der Bedeutung hinter jeder der immens stilisierten Posen scheinen manche dramatisch unerklärlich. Warum beispielsweise erstarrt William Bergers ausgezeichneter Imeneo mit kaltem Lächeln, nach außen gedrehten Füßen und einer Hand auf der Hüfte, als Stefanie Trues aufgeweckte Clomiri schwört, dass sie für ihn sterben würde? Wer jedoch von der gepeinigten Würde, mit der Anna Dennis' Rosmene letztlich ihre Heiratswahl verkündet, nicht bewegt war, der muss den Abend mit geschlossenen Augen erlebt haben. Der Produktion gelingt es tatsächlich, eine elegante Balance zwischen großteils leicht aber nicht komödiantisch zu wahren und Rosmenes Opfer anzuerkennen. Wenn Berger und James Laing als Tirinto am Ende einen komödiantischen Coup landen und in gegenseitigem Nachäffen ihre Stimmparts tauschen, ist der Effekt dafür mit Überraschungsfaktor umso komischer.

William Berger (Imeneo) und Corpo Barocco © Theodoro da Silva
William Berger (Imeneo) und Corpo Barocco
© Theodoro da Silva

Die musikalischen Leistungen dieses Premierenabends waren gleichermaßen durchwachsen. Die kammermusikalische Textur im Großteil der Orchesterpartitur bot einige wunderbare Solomomente für die Musiker des FestspielOrchesters Göttingen unter Laurence Cummings, und Anna Dennis glänzte stimmlich von Anfang bis Schluss. Wäre man Cummings und dem Orchester gerecht geworden, hätte Tirintos Eifersuchtsarie ein glühender Höhepunkt sein müssen, doch Laing schien einen schlechten Tag zu haben und riss das Steuer erst wirklich für sein letztes „Per le porte“-Duett mit Dennis herum. Das allerdings war ein wahrlich denkwürdiger Moment im positivsten Sinne, die beiden Stimmen eine perfekte farbliche Verbindung mit hinreißenden Verzierungen. Schon allein für dieses eine Duett würde ich jeden Abend wiederkommen, wenn ich könnte.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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