Ein Muezzin ruft zum Gebet. Elvira schafft es nicht, Mustafas Lust zu entfachen, während ein verliebtes Kamel in einem animierten Ballett im Bilderrahmen über dem Ehebett herumspringt. Auch im Bauchtanz versagt sie und so stopft sich die entmutigte Elvira mit Türkischem Honig voll. Das alles passiert gerade einmal während der Ouvertüre, doch bereits hier ist klar, dass Moshe Leiser und Patrice Caurier eine Menge Spaß mit L'italiana in Algeri haben werden. Und warum auch nicht? Rossinis Opern-Farce ist herrlich albern. Gefüllt mit zischenden Melodien, ist es ein Geschenk an die talentierte Besetzung bei den Salzburger Festspielen, angeführt von der großartigen Cecilia Bartoli.

José Coca Loza (Haly), Cecilia Bartoli (Isabella) und Alessandro Corbelli (Taddeo) © Monika Rittershaus
José Coca Loza (Haly), Cecilia Bartoli (Isabella) und Alessandro Corbelli (Taddeo)
© Monika Rittershaus

Wie auch bei Mozarts Entführung kann es für Regisseure unangenehm sein, den Muslim in L'italiana als komische Figur darzustellen. Im Programmheft erklärt Leiser, dass die Oper im Grunde genommen von den absurden Dingen handelt, die Leute tun, wenn sie unter dem „Bann der Lust” stehen. Er und Caurier schrecken nicht davor zurück, die Handlung im heutigen Algier spielen zu lassen, aber anstatt eines Beys stellen sie Mustafà als einen zwielichtigen Dealer dar, der jedem italienischen Rockzipfel hinterherjagt und seine wohlverdiente Strafe erfährt. Er ist nicht der Einzige. Taddeo verkleidet sich während ihrer Suche nach Lindoro als Isabellas „Onkel”, ist aber davon überzeugt, dass sie in Wahrheit ihn liebt. Die Oper ist eine Studie in zurückgewiesenem Verlangen

Eine Straße in Algier vermischt das Alte mit dem Neuen: ein Ziegenhirt treibt seine Herde an einer mit Satellitenschüsseln zugepflasterten Fassade vorbei; Wäsche hängt von den Balkonen; Isabella hat ihren nicht ganz so großen Auftritt auf einem aufgeblähten Kamel. Leiser und Caurier arbeiten oft mit Bartoli zusammen. Gemeinsam entwarfen sie Rossinis „Rückspiel” Il turco in Italia an der Royal Opera (2005) und diese Inszenierung teilt dessen Geist. Wo dort Selim auf seiner Luxusyacht posierend ankommt, flüchten Isabella und ihr Liebhaber auf einem Kreuzfahrtschiff, gemeinsam mit Taddeo und Mustafàs italienischen Sklaven (in Fußballdressen des Nationalteams gekleidet). Bartoli und Egardo Rochas Lindoro zogen sogar eine kitschige Titanic-Pose am Bug ab. Auch ein, zwei Schafe sind an Deck geklettert. Breites Grinsen überall.

Edgardo Rocha (Lindoro) und Cecilia Bartoli (Isabella) © Monika Rittershaus
Edgardo Rocha (Lindoro) und Cecilia Bartoli (Isabella)
© Monika Rittershaus

Alles ist genaustens choreographiert. Es hilft, dass Mustafà und Taddeo von Sängern mit großem komischen und schauspielerischen Talent gespielt werden.  Ildar Abdrazakovs anzüglich grinsender Mustafà watschelt in seiner Unterwäsche herum, mit glotzenden Augen als er Isabella in der Badewanne erspäht. Am Premierenabend war der russische Bass in reicher stimmlicher Form, jedoch vollkommen imstande, das Geplapper in vollem Tempo abzuliefern. Alessandro Corbellis langjährige Beziehung zu dieser Oper reicht bis 1987 zurück, als er in der berühmten Jean-Pierre Ponnelle-Inszenierung an der Wiener Staatsoper Haly sang. Er ist ein Meister der Zweideutigkeit und sein Taddeo ist nicht nur stürmisch italienisch, sondern auch ein sympathischer Charakter – vergessen wir nicht, dass ihn Isabella emotional ausnutzt, einem älteren Mann etwas vormacht, wenn es ihrem Zweck dient. In einem pinken Trainingsanzug vorgeführt als er zum „Kaimaken” geehrt wird, macht Taddeo eine zerknirschte Figur.

Ildar Abdrazakov (Mustafà) und Cecilia Bartoli (Isabella) © Ruth Walz
Ildar Abdrazakov (Mustafà) und Cecilia Bartoli (Isabella)
© Ruth Walz

Bartolis Isabella ist eine emanzipierte Frau, die die Männer geschickt nach ihrem Geheiß manipuliert. Nicht einmal die Aussicht, als Sexsklavin verkauft zu werden, lässt sie mit der Wimper zucken: „Ich werde mich davon nicht runterziehen lassen!”, schüttelt sie es ab. Bartolis Mezzosopran ist noch immer in bester Form – etwas verhüllt in der Höhe und bekannt gehaucht – aber ihre tiefe Stimmlage (und Isabella sitzt tief) ist fruchtig reif und sie feuert die Koloraturen mit einer solchen Leichtigkeit ab als ob sie den Milchschaum von einem Cappuccino blasen würde. Eine Rossini-Lehrstunde.

Edgardo Rochas Lindoro war dahinfließend, sein heller Tenor kletterte ohne Mühe in die Höhe. Rebeca Olveras kecker Sopran holte viel aus Elvira heraus, die schlussendlich die Gunst ihres Mannes zurückgewinnt, und José Coca Lozas Haly beeindruckte in seiner kurzen Arie, in der er die italienischen Frauen preist – mit einem Video von Anita Ekberg im Hintergrund, die in Fellinis La dolce vita im Trevi-Brunnen herumtollt.

José Coca Loza (Haly) © Bernd Uhlig
José Coca Loza (Haly)
© Bernd Uhlig

Im Orchestergraben entfachte Jean-Christophe Spinosis Dirigat ein angriffslustiges historisches Spiel seines Ensembles Matheus, staubtrockener Streicherklang und spitze Attacken entspannten sich später zum warmen italienischen Sonnenschein der Musik. Das Salzburger Haus für Mozart wurde für eine kurze Zeit ins Casa per Rossini verwandelt.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz

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