Als Antonio Vivaldis Oper La Verità in Cimento 1720 uraufgeführt wurde, drehte sich das Libretto um einen „Sultan“ und seine Familie. Die aktuelle Zürcher Produktion (Jan Philipp Gloger) wendet das hin zu niederem Landadel der Moderne. Die Geschichte beginnt, als zwei Neugeborene vertauscht werden: der rechtmäßige Erbe eines Familienvermögens wird mit dem Kind der Geliebten des Vaters vertauscht, sodass das uneheliche Kind eines Tages den Reichtum und die gesellschaftliche Stellung bekäme, die seiner Mutter verwehrt geblieben sind.

Ein Babytausch ist keine Voraussetzung, die sehr vielversprechend klingt, besonders deshalb, weil nur der wohlhabende Mamud und seine Geliebte Damira von diesem Plan wissen. Aber dies ist Barockoper von der Sorte, die im frühen 18. Jahrhundert enthusiastische Massen nach Venedig lockte. Die Intrige entfaltet sich dreißig Jahre später, wenn beide jungen Männer sich in die gleiche wankelmütige Frau, Rosane, verlieben, die den „vermutlichen“ Erben Melindo heiraten sollte. Wie zu erwarten gewinnt schließlich Mamuds Schuld; er ist bereit, zu gestehen, und die Dinge zu berichtigen.

Die Inszenierung für diese allererste Inszenierung von La Verità in Zürich war äußerst originell. Verschwunden Vivaldis östliche Opulenz, stattdessen gab es schwarz gerahmte Räume einer blanken Hausfassade. Das Publikum folgte der Handlung in den Räumen, als sie sie ein Schieberegler an ihnen vorbeizogen: ein elegantes Foyer zwischen einem vornehmen Esszimmer und dem Arbeitszimmer des Ehemannes, ein pfirsichfarbenes Schlafzimmer, und eine Betongarage mit einem hübschen Porsche darin. Das dezent gefärbte Interieur des Bühnenbilds zeigte Lichtdesigner Franck Evin als wahren Meister seiner Zunft.

Die elegante Alltagskleidung (Kostüme:Karin Jud) zeigte die Familie bereit für einen Tag im Club. Nur der rechtmäßige Erbsohn Zelim (Anna Goryachova) fügte sich der Norm nicht und trug stattdessen einen schwarzen Grufti-Look mit weichem Kapuzenmantel. Goryachovas Figur versuchte vergebens, die Liebe, die sie einst mit Rosane geteilt hatte, wiederzugewinnen, obwohl das ambitionierte Mädchen fest entschlossen war, bei Melindo zu bleiben – dem Sohn, von dem sie glaubte, dass er zu großem Geld kommen würde.

Zu Zelims großer Erniedrigung stellen die beiden ihre sexuellen Freuden direkt vor ihm zur Schau; sie setzt sich auf ihn mit beiden Knien neben seinem Kopf, während er ihre Oberschenkel küsst. Vivaldi hat dieses Liebesspiel vielleicht nicht ganz so – überzeugend dargestellt. Aber Fuchs nahm sich die Freiheit: ihr Kleid zeigte viel Haut, ihre Tremolos waren zart und federleicht in ihrer Verführung, und ihre Bruststimme zeigte sie stark in ihrer Überzeugung. „Ich habe Liebe mit Zukunft gefunden,“ singt sie zu Zelim, „aber wenn es (mit der Hochzeit) nicht klappt, komme ich zu Dir zurück, versprochen.“ Es war eine so törichte Aussage, dass dem Publikum ein kräftiges Lachen entfuhr.

Auch die Rollen der beiden Halbbrüder waren brillant gesungen. Countertenor Christophe Dumaux als Melindo bezichtigte Zelim geheimer Ansprüche, und seine schimmernde Technik brachte großzügigen Applaus. Anna Goryachova war als sitzengelassener, depressiver Zelim höchst überzeugend; ihre überragende Stimme sollte man in Zürich öfter hören.

Der „gequälte“ Ehemann Mamud (Richard Croft) erstaunte mit seiner Koordination von turbulenter Handlung und gesanglichen Herausforderungen, während Damira (Delphine Galou) eine so überzeugende Hexe war wie Almira Gulch im Zauberer von Oz. In ihrem erbarmungslosen Plan gab sie komische Abwechslung und sang gut, abgesehen von bescheidenen Problemen mit ihrer Tonart, wenn sie lediglich vom Cembalo begleitet wurde. Sie hatte zudem eine Konfrontation mit Mamud, in der sie einen verzweifelten Striptease machte und Federn aus einem Kissen auf sein Ehebett streute. Diese Passage war ein abgedroschenes Stück Drama und hätte mit subtilerer Inszenierung bessere Wirkung entfaltet.

Und doch erzählt Damira Rustena vom Babytausch ihres Ehemanns. Als betrogene Ehefrau und Mutter versuchte Rustena (Wiebke Lehmkuhl) vergeblich, ihre Würde zu bewahren, zeigt sie dann in ihrer „Bitterkeit und Sorgen des Leidens“-Arie digitale Bilder der beiden Kleinkinder, die zusammen aufwuchsen. Es war einer der berührendsten Augenblicke der ganzen Vorstellung und ein herzzerreißendes Wiegenlied. Rustena war schließlich das wahre Opfer von Mamuds Tat: „Treue, die nur Leid verursacht, löst sich in Luft auf, wenn sie von süßer Liebe erobert wird.“

Unter der Leitung von Ottavio Dantone spielte das Orchestra La Scintilla Vivaldis Musik mit höchster Präzision, gab uns aber auch weniger als das übliche Happy End. Als das Geheimnis um die Identitäten gelüftet wird, ist das Melindo gegebene Versprechen des Erbes dahin, und er geht an die Decke. In ihrem Gerangel gibt Rosane versehentlich einen Pistolenschuss ab, der ihn tötet, bevor sie die Waffe gegen sich selbst richtet. Wie so oft zu Vivaldis Zeit wurde die Musik dem Drama angepasst, die der Dramaturg (Claus Spahn) dafür auswählte. Und die Begleitung zur letzten Arie, entlehnt aus Vivaldis tragischer Komposition zu L´incoronazione di Dario, rührte zu Tränen. Sie wies darauf hin, dass der unaufrichtige Plan eines Mannes nach hinten losgegangen ist und seine gesamte Familie mit ihm ins Verderben gerissen hat.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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