Händels Oper Lotario ist das Kernstück der diesjährigen Festspiele in Göttingen. Obwohl die Handlung nicht verworrener als die anderer Barockopern ist, besitzt sie selbst ein paar Eigenartigkeiten, so wie auch Carlos Wagners Inszenierung.

Sophie Rennert (Lotario) und Marie Lys (Adelaide) © Alciro Theodoro da Silva
Sophie Rennert (Lotario) und Marie Lys (Adelaide)
© Alciro Theodoro da Silva

Lotario ist Deutscher König und strebt nach der zurzeit umstrittenen italienischen Krone. Der bisherige König wurde vom boshaften Paar, dem Herzog (Berengario) und dessen Frau (Matilde), ermordet, die beide, besonders aber sie, wollen, dass des Königs Witwe Adelaide ihren Sohn Idelberto heiratet. Idelberto ist zwar in Adelaide verliebt, aber ist trotz dieser Umstände im Herzen ein anständiger Kerl und möchte nur, dass sie glücklich ist. Fünf Arien später gelingt es Lotario irgendwie in den Palast der Berengario Famile einzudringen und er und Adelaide verlieben sich trotz ihrer tiefen Trauer ineinander. Natürlich finden sie am Ende zueinander und die Berengarios erhalten ihre wohlverdiente, aber gnädig ausgeführte, Strafe.

Die Inszenierung des Venezolanischen Regisseurs ist ziemlich komplex, obwohl die Handlung per se klar genug ist. Rifael Ajdarpasics Bühne besteht aus einer einzigen Kammer mit mehreren Ansichten. Große Bilder mit gewaltvollen Szenen hängen an den Wänden und es gibt eine höhergelegene Plattform im Hintergrund, dessen rechtsseitig angebrachte Stufen eine höhere Galerie andeuten; eine niedrigere Plattform, die links aus- und eingeschoben wird dient als Sockel für die Krone und den Katafalk; und mehrere am Boden verteilte Leinwände und Farbkübel deuten ein Atelier an.

Jud Perry (Idelberto) und Sophie Rennert (Lotario) © Alciro Theodoro da Silva
Jud Perry (Idelberto) und Sophie Rennert (Lotario)
© Alciro Theodoro da Silva

Die Kostüme erinnern an das 18. Jahrhundert, Berengario trägt eine rotbraune Jacke mit einem Astrachan-Revers über Kniebundhosen und Stiefeln. Matilde hat ein aufwändiges weißes Kleid mit einer Vorhang-ähnlichen Struktur auf der Vorderseite, durch die man enge hohe Stiefel erkennen kann. Idelberto streift in einem voluminösen weißen Nachthemd herum, mit furchtbaren blonden Kammfrisur. Adelaide trägt zunächst einen schwarzen Mantel über einem schimmernden schwarzen Abendkleid; als sie am Ende Königin von Allem ist, kleidet Sie sich in einem anderen schwarzen Kleid, das eine Version von Matildes Vorhangkleid zu sein scheint. Lotario ist, da er der Held der Geschichte ist, in einer glitzernden silbernen Jacke gekleidet. Die Figur des Clodomiro ist im originalen Libretto ein General in Berengarios Armee, aber in dieser Version ist er ein Priester im schwarzen Priestergewand.

Jorge Navarro-Colorado (Berengario) und Jud Perry (Idelberto) © Alciro Theodoro da Silva
Jorge Navarro-Colorado (Berengario) und Jud Perry (Idelberto)
© Alciro Theodoro da Silva

Das Werk wurde fast gänzlich, bis auf  „Viva, e regni fortunato” im ersten Akt aufgeführt. Das FestspielOrchester Göttingen unter Laurence Cummings spielte mit seinem üblichen Stil und Grazie. Besonders zu erwähnen sind die Oboen in der Ouvertüre (Susanne Regel und Kristin Linde), und sie steuerten an diesem Abend viel bei.

Die stimmliche Ehre gebührt der schweizer Sopranistin Marie Lys als Adelaide mit einer klaren, durchdringenden Stimme und einer exzellenten Technik. Ihr Singen war geradezu eine Bilderbuch-Darstellung barocken Gesangs, mit einem direkten Ton, aber auch sensibel eingesetztem Vibrato bei Koloraturen; hübsche Verzierungen bei Betonungen, gut artikulierte Koloraturen und einige entzückende Kadenzen. Sie zeigte auch ihr schauspielerisches Können, als sie sich wutentbrannt gegen den fiesen Berengario stellt. „Scherza in mar la navicella” war eine besondere Tour de force. Lotario wurde von der österreichischen Mezzosopranistin Sophie Rennert gesungen, und zeigte besonders die heroischen und weniger heroischen Eigenschaften des Charakters auf. Ihre Stimme ist nicht sonderlich groß, besonders an diesem Punkt in ihrer Karriere, aber sie produzierte einen warmen gleichmäßigen Klang und einige glänzende hohe Noten in „Vedrò più liete”. Im Duett mit Adelaide waren die Sängerinnen gut aufeinander abgestimmt.

Todd Boyce (Clodomiro) und Ursula Hesse von den Steinen (Matilde) © Alciro Theodoro da Silva
Todd Boyce (Clodomiro) und Ursula Hesse von den Steinen (Matilde)
© Alciro Theodoro da Silva

Die Rolle der Mathilde ist ein schauspielerisches Geschenk – Ursula Hesse von den Steinen aus Deutschland nahm die Gelegenheit mit beiden Händen an. Zu Beginn klang ihr Gesang weniger überzeugend als ihr Rezitativ, aber im Laufe des Abends wurde es besser. Ihre Stimme hat eine dunkle Klangfarbe mit einigen sehr eindrucksvollen tiefen Noten, und einigen klaren höheren. Berengario wurde vom spanischen Tenor Jorge Navarro-Colorado gesungen, der im Lauf der Oper immer robuster klang. Seine letzte Arie „Vi sento” war gut gesungen, wenn man bedenkt, dass er herunterfallen und von Matilde wieder aufgerichtet werden musste.

Der Amerikaner Jud Perry übernahm die Rolle des Idelberto, den unterdrücktesten Charakter, aber mit einem moralischen Kompass. Aus irgendeinem Grund schneidet er seine Hand am Schwert und überzieht sein weißes Hemd mit Blut, wodurch er am Ende wie ein Flüchtling aus Lucia di Lammermoor aussieht. Nach einem leicht wackligen Start sang er durchaus fein, besonders im berührenden „S’e delitto trar da’ lacci”. Ein anderer amerikanischer Sänger sang die Bassrolle des Clodomiro, in dieser Inszenierung ein Priester, der den anderen Darstellern mehr oder weniger gute Ratschläge erteilt. Seine klangvolle Stimme und stetige Präsenz trug viel zur Inszenierung bei, was herzlich aufgenommen wurde.

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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