Die Neuinszenierung von Macbeth an der Staatsoper Berlin ist wohl kaum ermutigend für die Zukunft der Oper. Der Regisseur und der Sänger der Titelrolle sind, laut offiziellen Angaben, 82 beziehungsweise 77. Daniel Barenboim, der für seine zweite neue Verdi-Inszenierung der Saison auf dem Podium steht, ist mit seinen 75 Jahren dagegen fast ein Grünschnabel.

Plácido Domingo (Macbeth) und Anna Netrebko (Lady Macbeth) © Bernd Uhlig
Plácido Domingo (Macbeth) und Anna Netrebko (Lady Macbeth)
© Bernd Uhlig

Der Sänger der Titelrolle ist, natürlich, Plácido Domingo. Und, alles in allem, kann er noch immer einige bemerkenswerte Dinge auf der Opernbühne anstellen, zumindest in der zweiten Aufführung dieser Produktion. Die Stimme hat eine beeindruckende Frische und Kraft behalten, und er versteht es noch immer, die Bühne in den dramatischsten Momenten zu beherrschen. Die Tatsache, dass es grundsätzlich die falsche Stimme ist, stört mich anscheinend mehr als andere – nicht zuletzt die Opernhäuser, die die Notwendigkeit einer passenden Besetzung gegen den Nutzen eines unerreichten Kassenmagnets abwägen, der der ehemals großartigste Tenor der Welt noch immer ist.

Plácido Domingo (Macbeth) und Kwangchul Youn (Banquo) © Bernd Uhlig
Plácido Domingo (Macbeth) und Kwangchul Youn (Banquo)
© Bernd Uhlig

Aber obwohl Domingo in den großen Nummern durchaus überzeugend war, wirkte er in den Momenten dazwischen um einiges unsicherer, in den kleinen Details, die der Regisseur, Harry Kupfer, versucht hatte, zwischen ihm und seiner vampy Lady Macbeth, Anna Netrebko, einzuführen. Zu Beginn der Bankettszene war er etwas wackelig und schwach und seine Darstellung erschien mir in anderen Momentan steif und schablonenhaft. Das gehetzte Ausziehen und Aufeinanderspringen des Königspaares, wenn sie am Ende des dritten Akts „vendetta” singen, ist gleichermaßen vorhersehbar (die Verbindung von Sex und Gewalt in diesem Werk ist wohl kaum neu) und nicht überzeugend.

Tatsächlich hatte Kupfers Inszenierung selbst ihre wackeligen Momente. Banquos Sohn schafft es, zum Beispiel, davonzulaufen, da die Mörder harmlos wie angewurzelt stehenbleiben, und sein Vater wird (gewollt) anschaulich mit einem unhandlich großen Gerät umgebracht. Diese gesamte Szene spielt auf einem Baugelände – mit einer entfernten Stadt im Hintergrund und einer herabhängenden überdimensionalen Baggerschaufel – während der Mörder, der Macbeth in der folgendenen Szene Bericht erstattet, der Sache dienlich in einer Warnweste erscheint: Arbeitsschutz wird hier ernst genommen.

Anna Netrebko (Lady Macbeth) © Bernd Uhlig
Anna Netrebko (Lady Macbeth)
© Bernd Uhlig

Ansonsten wechselt Hans Schavernochs Bühne zwischen den Szenen, indem er den neuen Bühnenmechanismus der Staatsoper ausnutzt, um sich zwischen dem Ödland oben und dem schicken Schloss unten – weiße Ledersofas und glänzende Böden – zu bewegen. Thomas Reimers Video bietet unterschiedliche Kulissen von wechselnder Wirkung und Relevanz. Yan Tax’ Kostüme sind modern, und wir werden stark an die Wurzeln der Handlung erinnert, die im Krieg liegen: Kupfer unterstreicht die zyklische Natur solcher Tragödien, die ewige Gefahr von Macht und Korruption.

Trotz dieser ernsten Ideen ist der generelle Ton der Inszenierung jedoch inkonsequent. Macbeth stolpert, aus einer Flasche saufend und von einem aufgeregten Krankenschwestern-Trio umgeben, zu Beginn des dritten Akts auf die Bühne; Netrebkos Lady M stolziert gebieterisch herum, rollt mit den Augen und mokiert sich über die Ausflüchte und die Schwäche ihres Mannes. Sie hat eindeutig Spaß mit dieser Darstellung, aber ich glaube nicht, dass es letztendlich darum geht. Sie singt jedoch überwältigend, besonders im vollen und dunklen tiefen Schokolade-und-Kirschen-Register der Stimme; nur in der Höhe – gelegentlich mehr Kreide als Zunder – schien sie etwas zu ermüden.

Anna Netrebko (Lady Macbeth) © Bernd Uhlig
Anna Netrebko (Lady Macbeth)
© Bernd Uhlig

Darüber hinaus überzeugte Fabio Sartori als herrlich italienischer Macduff. Kwangchul Youns Banquo war klangvoll und zuverlässlich, aber er kann nicht ganz diesen Einsatz abliefern, den man sich idealerweise wünscht. Unter den Hexen gab es einige Unsicherheiten, aber der Chor fasste in seinen großen Szenen Fuß. Barenboim dirigierte im großzügigen Stil, frei und dramatisch lebendig, wie man es erwartet, aber manchmal hätte mehr Bestimmtheit nicht geschadet. Die Staatskapelle spielte prächtig.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz

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