Ich lade Sie herzlich ein, ein Ticket nach Berlin zu buchen und drei Stunden in einer anderen Welt zu verbringen, fasziniert bei den emotionalen Turbulenzen und Träumen eines Fremden, lebhaft porträtiert und wunderschön gesungen von Rolando Villazón. Bohuslav Martinůs selten gespielte Julietta ist ein voller Erfolg an der Berliner Staatsoper im Schiller Theater. Ein kompliziertes Puzzle? Ein Garten Eden? Sirenengesang? Die surrealistische Traumoper ist all das.

Rolando Villazón (Michel) und Magdalena Kožená (Julietta) © Monika Rittershaus
Rolando Villazón (Michel) und Magdalena Kožená (Julietta)
© Monika Rittershaus

Sie ist ein frühes Werk, komponiert, als Martinů in Paris lebte. Mit vielen Verweisen auf Strawinsky ist die Oper dennoch in ihrer Tonalität französisch und in ihrem Pathos durch und durch tschechisch. Es gibt darin nur Unsicherheit: Wo ist er? War diese Figur zuvor nicht jemand anderes? Was wird geschehen? Erinnern wir uns oder vergessen wir, und was davon wäre besser?

Blickt man zurück auf die Ereignisse in der Zeit der Komposition und der Premiere der Oper scheint etwas Mehrdeutigkeit recht passend. Obwohl verheiratet, hatte Martinů erst kurz davor eine Geliebte verloren und würde wegen seiner Rolle im tschechischen Widerstand schon bald auf der schwarzen Liste der Nazis landen. Österreich war gerade erst von Deutschland annektiert worden. Pathos, Angst und Surrealismus waren Themen des Tages. Martinů selbst deutete an, dass das Werk ein verlängerter Versuch war, das Unverständliche zu verstehen; eine Erinnerung, ein Gedanke, ein Geruch, der sich verflüchtigt, als man ihn festzuhalten oder zu definieren sucht. In einem Brief an seinen Freund, den Autor George Neveux, gestand Martinů 1936, dass er kürzlich Neveuxs Schauspiel Juliette, ou La Clé des songes gelesen und, ohne wirklich zu wissen wie, schon den ersten Akt komponiert habe; Neveux möge ihm nicht böse sein. Kurt Weill hatte ebenfalls Interesse an dem Stück bekundet – welch ein Glück, dass Martinů seine Komposition fortsetzen durfte!

Richard Croft und Rolando Villazón (Michel) © Monika Rittershaus
Richard Croft und Rolando Villazón (Michel)
© Monika Rittershaus

Claus Guths Inszenierung, mit surrealistischem Bühnenbild von Alfred Peter, unterstützt die Oper wunderbar. Enorme hängende Blätter und schlangengleiche Ranken fallen und heben sich wie die Schlinge, die Michel wiederholt bedroht. Ein puzzlegleicher Raum mit mehreren Türen und keinem wirklichen Ausgang ist das Zeug, aus dem Alpträume gemacht sind. Olaf Freeses Beleuchtung ist kraftvoll; scharfe Lichtkanten schneiden in dunklen Hintergrund und Nebel, ein faszinierendes Spiel der Schatten, die mit Hinweisen auf die Handlung helfen, und vielerlei Weißschattierungen.

Als Julietta ist Magdalena Kožená in einem scheinbar flüssigen, roten Kleid perfekt kostümiert und die ideale Traumfrau. Ihre geschmeidige Gestalt bewegte sich grazil auf der Bühne, ganz wie ihr wunderschöner Mezzo-Ton. Kožená ist wahrlich eine Sirene und schenkte uns von Anfang bis Ende eine elegante, prächtige Interpretation. Wenngleich ein Mann von kleiner Statur war Rolando Villazón in mehrerlei Hinsicht überlebensgroß. Seine Energie wurde spürbar, als er das Drama wie einen Feuerball durch die Wolken seines Traumes führt. Er befindet sich die ganze Oper hindurch auf der Bühne, die man mit einem Tenorkonzert vergleichen könnte, in dem die schönen Soli der anderen Stimmen und des Orchesters als Begleitung zu seiner erstaunlichen Meisterleistung gesehen werden könnten.

Rolando Villazón (Michel) © Monika Rittershaus
Rolando Villazón (Michel)
© Monika Rittershaus

Alle anderen Figuren nehmen im Lauf der Oper verschiedene Rollen an, die zu unvorhersehbaren Momenten in und um die Oper kreisen. Bemerkenswert war dabei Richard Croft als Kommissar, Briefträger, Waldhüter und letztlich als Bürokrat im „Büro der Träume“. Countertenor Thomas Lichtenecker war Publikumsliebling in der Rolle des Kleinen Arabers.

Während Kožená und Villazón ausgiebig gefeiert wurden, erhielten Daniel Barenboim und seine Staatskapelle am Samstag die größte Publikumsreaktion; sie haben die komplexe Partitur großartig umgesetzt. Doppelrohrblattinstrumente und Waldhörner änderten und legten die Stimmung für den Hörer fest, wenn der Traum eine weitere unerwartete Wendung nahm. Der Orchestergraben des Schiller Theaters ist groß und die Bühne recht tief, doch bei einem Orchester, Dirigenten und bei Solisten dieses Kaliber ging nicht ein einziges Wort verloren.

Ich kann diese neue Produktion zur empfehlen – es erwartet sie ein zauberhafter Abend.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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