Hitlers Lieblingsoper, komponiert vom größten Antisemit der Musikgeschichte, endet mit einer ausgedehnten rassistischen Hasstirade, erzählt in der Stadt der Vergeltung des Nationalsozialismus. Opernregisseure rutschen unbehaglich auf ihren Stühlen hin und her, wenn sie versuchen, einen Weg durch das Minenfeld der Meistersinger von Nürnberg zu finden: die meisten ignorieren die rassistischen Aspekte gänzlich – schließlich geht es um die Musik, oder etwa nicht?

Anne Schwanewilms (Eva), Klaus Florian Vogt (Walther) und Michael Volle (Hans Sachs) © Enrico Nawrath
Anne Schwanewilms (Eva), Klaus Florian Vogt (Walther) und Michael Volle (Hans Sachs)
© Enrico Nawrath

Das Etikett “die meisten Opernregisseure” trifft jedoch *nicht* auf Barrie Kosky zu.

Koskys Neuinszenierung der Meistersinger, das Highlight der diesjährigen Bayreuther Festspiele, beginnt und endet mit dem Standpunkt – eigentlich offensichtlich, wenn man darüber nachdenkt – dass Die Meistersinger bis zum Rand mit den Wunschträumen des Komponisten gefüllt ist. Die zentrale Figur Hans Sachs (vollendeter Gebieter über guten Geschmack und musikalischen Fortschritt) ist offenbar Stellvertreter für den Autor, aber das sind auch Walther (ein instinktiver Künstler, der alle Regeln bricht und trotzdem großartige Musik schafft) und sogar der junge David (ein ungestümer und großherziger Liebhaber).

Warnung - es folgen viele Spoiler! Allein im Prelude des ersten Akts werden wir mit mehr brillant ausgeführten Ideen als in vielen vollständigen Opern, die ich gesehen habe, verwöhnt. Wir befinden uns in Wagners Anwesen Wahnfried und Kosky zieht die Ähnlichkeiten zwischen den Figuren in der Oper und den Menschen im Leben des Komponisten heran, perfekt kostümiert und zurechtgemacht, um ihren zeitgenössischen Porträts gleich zu sehen. Wagner ist Sachs, natürlich, Cosima ist Eva, Cosimas Vater Franz Liszt ist Pogner, Hermann Levi, der Dirigent, der mit Wagner befreundet war, aber furchtbar von ihm missbraucht wurde, ist der unglückselige Sixtus Beckmesser. Die Lieblingsdinge des Komponisten werden als Geschenke gebracht: feine Schuhe, Seidenstoffe, Parfüms. Als Wagner Liszt mit dem Ellbogen vom Klavier verdrängt und zu spielen beginnt, öffnet sich der Deckel des Flügels und die anderen Figuren des Dramas tauchen aus dem Inneren hervor, mit mittelalterlichen Kostümen bekleidet, und die Handlung beginnt.

Johannes Martin Kränzle (Beckmesser) © Enrico Nawrath
Johannes Martin Kränzle (Beckmesser)
© Enrico Nawrath

Kosky stehen größere Ressourcen als sonst zur Verfügung, um seine inszenatorischen Talente zu zeigen, am bemerkenswertesten seine Fähigkeit, lebende Bilder zu zeigen und die Mengen zu kontrollieren: der Chor kann ein Standbild sein, da können sich Ruhelose durcheinander mischen oder die Bühne einnehmende Unruhen entstehen. Im Durcheinander am Ende des zweiten Akts bringt Kosky den größten Schocker: als Beckmesser gnadenlos von David und dessen Kumpeln verprügelt wird, bläst sich ein riesiger jüdischer Kopf auf und füllt die gesamte Vorderbühne, bevor er geschlagen und gebeugt wird. Es gibt keinen Zweifel daran, dass uns der Regisseur erzählt, dass dies nichts anderes als eine antisemitische Hasstirade ist. Eine andere Tour de force kommt am Ende des ersten Akts, als uns klargemacht wird, dass wir in der Stadt der Nürnberger Prozesse sind und Wagner selbst auf der Anklagebank sitzt.

Michael Volle (Hans Sachs) © Enrico Nawrath
Michael Volle (Hans Sachs)
© Enrico Nawrath

Man erwartet sich hier einen hohen musikalischen Standard, aber selbst für Bayreuth Standards war dies eine herausragende Besetzung. Der Publikumsliebling – an den Dezibel beim Fall des Vorhangs zu messen – war Klaus Florian Vogts Walther, und es ist leicht zu erkennen warum: seine Stimme weist eine unfiltrierte Klarheit und Frische auf, die nicht versagt, zu verführen, mit betörender Kontrolle der Linie in den vielen cantabile Passagen Walthers. Auf der Cantabile-Sprechstimme-Skala war Michael Volles Hans Sachs näher zu letzterer als es mir lieb gewesen wäre, tendierte zeitweise sogar zum Schreien, aber ich kann Volles gewaltige Bühnen- und stimmliche Präsenz nur bewundern. Wenn andere auch mehr Menschlichkeit zu Sachs beigesteuert haben, habe ich noch nie mehr Autorität gehört. Günther Groissböck bot eine kontrastreiche Bassstimme, brachte große Lyrik und wahre Zärtlichkeit zu der Rolle des Veit Pogners, und war auch das Ebenbild des älteren Franz Liszts. Anne Schwanewilms zeigte als Eva eine gute schauspielerische Leistung, besonders in ihrer Katze-auf-heißen-Kohlen-Ungeduld im dritten Akt, sowie auch einen klaren, reinen, ausgeglichenen Sopran. Das Quintett im 3. Akt – Schwanewilms, Volle und Vogt mit Daniel Behles David und Wiebke Lehmkuhls Magdalena – erreichte eine seltene ins-Traumland-sendende Schönheit. Johannes Martin Kränzle war ein großartiger, sympathischer Beckmesser.

Günther Groissböck (Pogner) © Enrico Nawrath
Günther Groissböck (Pogner)
© Enrico Nawrath

Bayreuths einzigartige Anordnung birgt wahre Wunder für die Balance zwischen dem Orchester und den Sängern, aber tendiert dazu, den Orchesterklang zu vermengen anstatt einzelne Elemente hervorzubringen. Unter diesen Umständen führte Philippe Jordan eine starke Orchesterleistung an, das Tempo weder erlahmend noch drängend, der musikalischen Schönheit war es erlaubt durchzuscheinen.

Aber wie war das berühmt-berüchtigte Ende? Kosky zog ein weiteres seiner überraschenden Bildern auf: ein vollständiges Orchester erscheint auf der Bühne und Sachs (als Wagner) dirigiert es, reitet in einen fast musikalischen Sonnenuntergang. Kosky hat gesagt, dass dies der Ausgangspunkt seines Gesamtkonzeptes war, aber ich persönlich, kaufe ihm das nicht ab: nach der Intensität der Darstellung der Viktimisierung Beckmessers, riecht es nach einer faulen Ausrede, Wagner so leicht damit davonkommen zu lassen, und es ist eine ungeheuerliche Verletzung Tschechows Gewehrs, als sich die Nürnberger Prozesse in Rauch auflösen, die Fahnen der Alliierten, die zwei Akte lang nur als Kulisse gedient haben, verschwinden.

Aber bilden Sie sich selbst eine Meinung. Diese außergewöhnlich originelle Inszenierung und grandiose musikalische Produktion muss man gesehen haben.

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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