Wien und Bogotá haben nur wenig gemein – köstlicher Kaffee und leckere Schokolade sind die beiden Dinge, die einem sofort in den Kopf kommen. Mozart muss von nun an als dritte Verbindung genannt werden. Trotz des Hintergrunds der Holz-und-Beton-Muschel des Teatro Mayor Julio Mario Santo Domingo wurden wir ab dem zweiten Takt der Ouvertüre zu Così fan tutte in die österreichische Hauptstadt versetzt. Das markant schilfige, scharfe Oboensolo konnte nur aus Wien sein, und Andreas Pöttlers verführerische Phrasierung machte unmittelbar deutlich, dass dieses Konzert des Wiener Kammerorchesters ein ganz besonderes werden würde. Es erwies sich ebenso so wienerisch wie Sachertorte.

Stefan Vladar dirigierte sehr energetisch, oft ein Wirbel aus rudernden Armen, sowohl vom Klavier aus als auch stehend vor seinem Orchester (eines Podiums bedurfte es nicht). Manches Mal formte er die Luft und gestaltete die Musik mit bloßen Händen, dann wieder schnitt und schlitzte er sie horizontal als verurteile er ein Opfer zum Tod durch die Guillotine. Sein Stil übertrug sich geschwind auf das Orchester: die Ouvertüre war sehr schmissig und besaß eine solche Tiefe in den Streichern, dass es schwer fiel, die Klangfülle mit dem Anblick von nur 20 Musikern (6-4-4-4-2) in Einklang zu bringen.

Das Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll – das einzige, das Mozart in dieser Tonart schrieb (und das einzige, das sowohl in einer Molltonart beginnt als auch endet) - war eine wahre Freude. Von der geisterhaft traurigen Einleitung an trafen die stechenden Dissonanzen des ersten Satzes voll ins Schwarze. In den Ecksätzen besaßen die Blechbläser großen Einfluss, doch am schönsten war die Farbpalette der ausgezeichneten Holzbläser: strahlende, goldene Flöte, geschäftige gute Laune von den Fagotten. Pikante Oboen und gluckernde Klarinetten (es ist das einzige Klavierkonzert, in dem Mozart beide verwendet) vervollständigten die Besetzung – in aller Kürze war dies das charaktervollste Holzbläser-Ensemble, dass ich seit Jahren in einem Mozartwerk gehört habe.

Vom Publikum abgewandt glich Vladars Spiel seinem Dirigieren – geradeheraus, aber stilvoll, und er reagierte auf die Farben der Holzbläser, als stünden sie in freundlichem Dialog. Bei aller Pracht klang der erste Satz leise aus, Vladars geflüsterte Arpeggien das akustische Äquivalent eines wehmütigen Lächelns. Er spielte das Thema des Larghetto mit einnehmender Schlichtheit und setzte das Gespräch mit den Holzbläsern fort. Ein Hauch von Traurigkeit hing über dem Finale, einem Thema und (zumeist Moll-)Variationen, oft mit marschähnlichen Qualitäten, das Vladar an der Tastatur zum Ende einer herrlichen Darbietung entlockt wurde.

Von c-Moll zu C-Dur: selbst eine solche erste Konzerthälfte hatte mich nicht wirklich auf die grandiose Interpretation der „Jupiter“-Symphonie vorbereitet, die nach der Pause gegeben wurde: energetisch, muskulös, glanzvoll. Das Allegro vivace war voller Elan, von seinen eröffnenden Fanfaren, die die martialische Stimmung des Konzertes wieder ins Gedächtnis riefen; die c-Moll-Passage besaß in dieser Interpretation ordentlich Sturm und Drang. Vladar nahm die Symphonie zügig und oft berauschend, gab jedoch dem Andante cantabile mit seinen gedämpften Streichern viel Raum zum Atmen, und das Menuett war stattlich beim korrekten, einzelnen Schlag pro Takt.

Das Finale, mit seinem herrlichen, fugengleichen Kontrapunkt und seiner klassischen Überschwänglichkeit, war überwältigend. Die schiere Freude, so prächtige Musik zu spielen, wurde besonders durch die beiden Kontrabassisten verkörpert, die furios darauf los sägten und einander breit angrinsten; Bogenhaare flogen, und einer der beiden musste sogar inmitten des Satzes erneut Bogenharz auftragen!

Bogotá zeigt zahlreiche hervorragende europäische Ensembles und Solisten bei diesem Mammut-Mozart-Fest, doch es kann keinen großartigeren Vertreter des wiener Stils geben als dieses unglaubliche Orchester.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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