John Neumeiers Ballett Die kleine Meerjungfrau aus dem Jahre 2005, die heute Abend ihre DC-Premiere mit dem Hamburg Ballett erlebt, ist eine exquisite Geschichte mit vielen Ebenen, erzählt mit tiefgehendem psychologischen Einblick und glühender Intensität, die uns keinen Moment der Ruhe im Märchenklischee gestattet. Am Anfang war der Dichter, eine schwarze Gestalt vor einem blauen Band aus Licht, und ein Streichersolo.

Silvia Azzoni (Die kleine Meerjungfrau) und Lloyd Riggins (Dichter) © Holger Badekow
Silvia Azzoni (Die kleine Meerjungfrau) und Lloyd Riggins (Dichter)
© Holger Badekow
Die konstant präsente Schriftsteller-Figur, Lloyd Riggins, der von seiner eigenen Geschichte des Verlustes geformt wiederum seine Charaktere gestaltet, bedeutete, dass wir uns sofort in einem Modus Brecht’scher Verfremdung befanden. Der Dünkel war eine Einladung, über die Natur künstlerischer Genese zu reflektieren, über die Vermischung von autobiographischer und fiktionaler Narrative und über die leidende Empathie zwischen dem Künstler und seiner Kreation. Und was für eine Kreation! Seine kleine Meerjungfrau, die faszinierende Silvia Azzoni, gab ihre tragische Rolle mit außergewöhnlicher Reife und einer Authentizität, die bisweilen unerträglich schmerzlich war. Wie gut sie die geschmeidig Energie ihres Lebens im Meer einfing – die peitschende Drehung ihres Kopfes, die rasche Bewegung ihrer Hände, der umwerfend elegante Fluss ihres langen, blauen „Schwanzes“ (wie es ihr gelang, diesen beinlosen Anschein mit solcher Geschwindigkeit und Gewandtheit zu vermitteln ohne zu stolpern war mir unbegreiflich). Wie verführerisch war ihr Schalk, ihr erwachender Appetit für den gutaussehenden, menschlichen Fremden (ein Schuft, gespielt von Carsten Jung), ihr Flirten.

Bei aller Meerespossen vor elektrisch blauen Wellen ließen weder ihre Interpretation noch Lera Auerbachs wundervolle Musik uns eine allgegenwärtige Vorahnung vergessen, die in den brutalen Einwürfen böser Mächte in Gestalt der Meerhexe (Karen Azatyan) und seinen Schergen sichtbar wurde. Azatyan bot auf der Bühne eine außergewöhnlich-übernatürliche Energie, erstaunliches Rhythmusgefühl und in der Transformations- (oder Deformations-)szene der Meerjungfrau eine der brutalsten Gewaltszenen, die ich im Ballett gesehen habe. Ihr fließender blauer Stoff wurde ihr vom Körper gewickelt (Stoff spielt in dieser Inszenierung eine gewichtige Rolle als Metapher für Haut und Identität) und sie wird zur zitternden Figur in blauem Leotard; ihre Füße tragen sie kaum, geknechtet von ihrem naiven Streben nach Liebe. Und dann folgt mehr Gewalt, als sie abermals entkleidet wird, diesmal zu einem hautfarbenen Körperanzug. Ich konnte mich des Gedankens an Lear nicht erwehren – und an das „arme, nackte, zweizinkige Tier“, das wir alle im Innern sind. Die Ironie, dass sie das bieder graue Kleid aus Gabardine der menschlichen, „konkurrierenden“ Prinzessin (Carolina Aguero) vor ihren fahrig neuen Körper hält, ist in der Tat quälend.

Silvia Azzoni (Die kleine Meerjungfrau) © Holger Badekow
Silvia Azzoni (Die kleine Meerjungfrau)
© Holger Badekow

Von diesem Augenblick an lebt die Meerjungfrau in der Hölle der falschen Identität, und Azzonis Agonie war leibhaftig große Kunst. Wir sehen ihre rauen Bewegungen, ihren zuckenden neuen Körper, die Momente der Euphorie und die Pein, nun Füße zu haben. Wir sehen sie bewegungsunfähig in einem Rollstuhl, gezwungen, die Promenade flirtender Paare zu betrachten. Wir werden Zeugen ihrer Demütigungen, sehen den verständnislosen Prinzen mit seiner „Kopf hoch“-Geste; wir sehnen uns danach, die bevormundete Spottfigur im Matrosenanzug zu sehen und in ihrem absurden, pinken Brautjungfern-Aufzug, verheddert im Chiffon des Brautschleiers, alle Geschmeidigkeit verloren und ersetzt durch einen vorgereckten Kopf und gebeugte Schultern. Am tragischsten ist vielleicht, sie in einer illusionistischen Abstellkammer im grauen Gabardinekleid und Spitzenschuhen zu sehen, wie sie mit den Fäusten gegen die Wände ihres Gefängnisses schlägt und sich der vollen Reichweite der Einengung ihrer neuen Menschlichkeit bewusst wird, und später zu beobachten, wie sie die Bänder ihrer Spitzenschuhe löst und diese von sich wirft. Hier wird viel Stoff zum Nachdenken geboten – über Genderfragen, Körperlichkeit und letztlich das Ballett selbst.

Silvia Azzoni (Die kleine Meerjungfrau) © Kiran West
Silvia Azzoni (Die kleine Meerjungfrau)
© Kiran West

Aber Neumeier ist zu geschickt, um das Schrullige zu vernachlässigen, selbst, wenn er das dunkel-tragische Potential des Werkes erfasst. Es gibt viele humorvolle, leichte Momente, nicht zuletzt die biedere Gestalt des Dichters in viktorianischem Schwarz und Zylinder, der über die Bühne huscht und sich mit einem nutzlosen Schirm schützt.

Licht, Bühnenbild und Kostüme waren allesamt brillant ersonnen – alle drei Neumeiers Schöpfung und eine Augenweide. Bei aller ausgezeichneter Leistung der übrigen Rollen gehört die Bühne dem Dichter und der Meerjungfrau. Die beiden teilen sich eine Geste, die von Beginn an deutlich wird, eine über den Mund gelegte Hand; sowohl ein Kuss als auch ein Verbergen, das Unterdrücken einer Leidenschaft, eine stumme Stimme. Der Epilog, der eine Art Lösung bringt, war ein Pas de deux (kann man das überhaupt so nennen?), der beginnt, wenn sich der Dichter neben ihre zunichte gemachte Gestalt in der Gefängniszelle ihrer Menschlichkeit legt; dann, unterstützt von faszinierenden Effekten von Sternschnuppen, steigen sie empor, hoch über die Bühne gehoben, die Arme ausgestreckt, eine Narrative der Kreuzigung, aber in gewisser Weise eine erlösende.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.