Musiker – so wie wir alle – mussten schon oft ihre teils voreiligen Äußerungen zurücknehmen. Das gilt besonders für Nikolai Rubinstein, der, als sein Schüler Tschaikowsky ihm im Januar 1875 sein Klavierkonzert Nr. 1 in b-Moll vorspielte, erklärte, es wäre „wertlos und unspielbar“, dass Passagen so schlecht geschrieben seien, dass man sie nicht mehr retten könne. Eine Erklärung, auf die der Komponist in einem Anfall von Groll mit seinem unmissverständlichen „Nicht eine einzige Note werde ich ändern!“ reagierte. Rubinstein versöhnte sich jedoch später mit dem Werk, das er anfangs verspottet hatte, und Tschaikowsky änderte die Partitur sowohl 1879 als auch 1888 und verwandelte sie in das Konzert, wie wir es heute kennen.

Was hätte der Komponist wohl davon gehalten, wenn er gewusst hätte, dass sein Konzert als Teil der Eröffnung eines neuen Konzerthauses in Deutschlands führender Handelsstadt mit einem russisch-israelischen Solisten, einem britischen Orchester und einem italienischen Dirigenten aufgeführt werden würde? Zumindest Zufriedenheit angesichts seiner internationalen Attraktivität. Die Wahl des b-Moll-Konzertes war in jedem Falle eine passende: Tschaikowsky besuchte Hamburg mehrfach, unter anderem im Januar 1888, wo er es als Teil eines Programmes mit eigenen Werken dirigierte.

Dieses Konzert war der erste öffentliche Auftritt des LSO seit der Bekanntgabe Anfang der Woche, dass Sir Simon Rattle ab 2017 sein Chefdirigent sein wird. Es ist natürlich ein viel gereistes Orchester, das an kurze Sprünge über den Kanal genauso gewöhnt ist wie ausgedehntere Konzertreisen, doch es hatte noch nicht oft das Privileg, das Eröffnungskonzert in einem neuen Haus zu geben. Hamburg wartet noch immer auf die Fertigstellung seines neuen Konzerthauses, der hochmodernen und sehr kostspieligen Elbphilharmonie – mit nun fünf Jahren Verzug ist diese nun für Januar 2017 angesetzt. In der Zwischenzeit wurde eine der Hallen des größten Obst- und Gemüsemarktes der Stadt für über 30 Millionen Euro in ein 24000 Sitze zählendes Konzerthaus verwandelt. Da Hamburg das dritt-wichtigste Ziel für Musicals ist (eine Produktion von Dirty Dancing ist für Mai geplant), ist dieses neue Haus primär für Musical-Veranstaltungen gedacht.

Sowohl Solist Roman Zaslavsky als auch das Orchester mussten sich mit seiner undankbaren Akustik begnügen. Trocken und antagonistisch ist der riesige Saal, der kaum Platz für Entwicklung des Orchesterklanges bot und das Funkeln des Klaviers völlig verschluckte. Nach einem nicht sehr vielversprechenden Start mit einigen deutlichen Ausrutschern fasste Zaslavsky sich für eine beständige und unprätentiöse Interpretation mit gelegentlichen Momenten von Innerlichkeit im langsamen Satz. Im Großen und Ganzen aber war sie kein Überflieger: seine Lesart blieb weitgehend bodenständig, mit Überbetonung der Artikulation und zu wenig Aufmerksamkeit für Farbe und Dynamik.

Der Schatten der stalinistischen Säuberungsaktionen der 1930er Jahre liegt über einer der wohl berühmtesten Symphonien des 20. Jahrhunderts. Man sagt, dass Schostakowitsch selbst immer einen kleinen Koffer gepackt hatte für den Fall, dass er seine eigene Verhaftung drohen sah. Von dem Moment an, als Nodesa mit fesselnder Vehemenz in die eröffnenden Streicherlinien startete, war klar, dass dieser Vortrag der Fünften Symphonie einen eisigen Schauer von Unbehagen mit sich brachte.

Als ich dem wunderbar überlegten und emotional geladenen Vorgehen dieses Dirigenten lauschte, das von einem LSO in Bestform kongenial unterstützt wurde, konnte ich mich der Frage nicht erwehren, wie es nur möglich gewesen war, dass das Publikum den subversiven Subtext dieser Symphonie zunächst mit bloßem Triumphalismus verwechseln konnte. Ein russisches Sprichwort beschreibt es folgendermaßen: Tue so, als würdest du jemanden küssen, doch dann spucke, wenn der andere nicht hinsieht.

Noseda gelang es besonders gut, kleine Orchesterdetails mit Sinn für das Brutale einzufangen – das Stampfen von Kampfstiefeln im ersten Satz, die martialischen Rhythmen, straff wie eine gespannte Feder in der bösartigen Walzer-Parodie des Allegretto, und die Trommel im Finale, die klingt, als tippe einem jemand des Nachts im Dunkeln auf die Schulter. Im Zentrum dieses großartigen Werkes – dem Largo, in nur drei Tagen komponiert, in dem das Blech, die schweren Geschütze, vor dem anstehenden Kampf für einen Moment verstummen – erreichte Noseda einen bemerkenswert intensiven Ausdruck in der achtstimmigen Streichertextur und entfesselte heftige Stürme, durchdrungen von stechenden Pizzicati der Kontrabässe. Auch im Großteil des Finales gab es nervöse Energie im Überfluss und bedeutsame Beiträge aller Register, allen voran den honigsüßen Holzbläsern, unter denen Adam Walkers einfühlsame Flötensoli besondere Erwähnung finden.

Der Frage des Tempos der Coda wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt, und Dirigenten arbeiten heutzutage öfter das Hohle der Musik heraus, wenn sie sehr bedächtig genommen wird. Und hier liegt mein einziger Kritikpunkt an einem sonst sehr guten Konzert: ohne diese Entschleunigung gelingt es den feierlichen Obertönen, die bittere Ironie zu übertönen, die Schostakowitsch bei seiner „praktischen und kreativen Antwort auf gerechtfertigte Kritik“ empfunden haben muss. Stalin hätte ein breites Lächeln im Gesicht gehabt.

Wie hätte ein solches Konzert enden können, wenn nicht mit einer Hommage ein einen der berühmten musikalischen Söhne der Stadt, einer furios getriebenen Interpretation von Brahms' Ungarischem Tanz Nr. 5, gekonnt geplant, um die Dämonen in den Hintergrund zu vertreiben.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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