Hätte man das Kleingedruckte nicht gelesen, wäre man von den ersten Tönen der Ouvertüre sehr überrascht gewesen. Dieser „andere Barbier“, komponiert 1783 von Giovanni Paisiello für St. Petersburg, ist ein Werk, das sich nicht gehalten hat, das in Wien jedoch 21 Jahre lang mit etwa 100 Vorstellungen auf dem Spielplan stand, bevor Rossinis komischere Version es schließlich aus dem Repertoire verdrängte. Wie Rossinis Fassung basiert auch Paisiellos auf Beaumarchais' Schauspiel Le Barbier de Séville.

Paisiello bewegt sich näher am Schauspiel als Rossini und schenkt den Beziehungen zwischen Dr. Bartolo und seinem Mündel Rosina wie den Bestrebungen des Grafen Almaviva deutlich mehr Aufmerksamkeit , während Rossini sich stärker auf die komischen Possen des Figaro konzentriert. Es gibt aber viele Ähnlichkeiten, und manches Mal kann man sich sicher sein, dass sich Komponisten der Zeit dieser Version wohl bewusst waren. Nicht nur sind die Charakterstimmtypen nahezu identisch – Rosina ein Koloratursopran mit unmöglichem Stimmumfang, Almaviva/Lindoro ein Tenor, und die übrige Besetzung ein Schwung Baritone und Bässe. Figaros wortreiches „Scorsi già molti paesi“ hat definitiv Rossinis „Largo al factotum“ inspiriert, besitzt selbst jedoch eine gewisse Ähnlichkeit zu Mozarts Katalogarie aus Don Giovanni. Zudem ähnelt Don Basilios große Arie „La calunnia, mio signore“ in Paisiellos Version Rossinis „La calunnia è un venticello“ in weit mehr als nur dem Text. All dies soll nicht zeigen, dass Paisiellos Fassung ungerechterweise aus dem Repertoire verschwunden ist; im Vergleich zu Rossini bedarf es viel mehr, um ihren Humor zum Ausdruck zu bringen, und es ist vollkommen verständlich, dass sich – allen lauten und skandalösen Protesten der Paisiello-Anhänger bei der Rossini-Premiere zum Trotz – die stärkere Fassung behauptet hat.

Dem Himmel sei Dank, dass das Team um Moshe Leiser und Patrice Caurier sowie ein unheimlich engagiertes Gesangsensemble ganz hervorragende Arbeit geleistet und den letzten Tropfen Komödie, den das Werk zu bieten hat, aus ihm herausgepresst haben, und es gab brillant-komische Momente: Almaviva singt Rosina seine Serenade, während Figaro sich müht, ihn in der Luft zu halten; das Trio (einschließlich eines Baritons in Frauenkleidung) „Ah! Ah! Ah!“ ist urkomisch, und Bartolos Serenade an Rosina „Vuoi tu, Rosina“ machte seine Figur beinahe liebenswert – und komisch.

Als Bartolo profilierte sich Pietro Spagnoli den Abend hindurch mit seinem vollen Timbre, der Rundheit seines Klanges, die die generelle Plattheit seiner Figur Lügen strafte; eine wundervolle Darstellung. Topi Lehtipuus Tenor (Almaviva) mag nicht jedermanns Geschmack sein, doch er ist erstaunlich charmant, als er Rosina vor ihrer schlafenden Anstandsdame verführt, gibt einen sehr komischen, bis zum Umfallen Betrunkenen, und ist ein gebieterischer Herrscher, als er Bartolo davon unterrichtet, dass er in Ungnade gefallen ist, dass seine Vorsichtsmaßnahmen vergeblich waren; und all das, während er im Laufe des Abends mehr Noten zu singen hat, als man zählen möchte.

Gleichermaßen viel Respekt zolle ich Mari Eriksmoen in der Rolle der Rosina. Sie nimmt ihre wahnwitzigen Koloraturen ebenso sauber und nahtlos, wie sie ihre 1940er Stöckelschuhe mit Pfennigabsatz und pinke Weste (Kostüme: Agostino Cavalca) trägt und die etwas begrenzte Figur der frustrierten Jungfrau in Not mit viel Energie und Souveränität gibt. Ich fand es schade, nicht mehr von Andrè Schuen als Figaro zu hören, dem ich einfach den ganzen Tag lang zuhören könnte. Was für eine Stimme! Der Bass Fulvio Bettini gab einen wunderbaren, Geld raffenden Don Basilio, Erik Armen eine mitreißende „Giovinetta“, und das junge Ensemblemitglied Christoph Seidl einen eindrucksvollen Notar, dessen stimmliche und körperliche Reife sein wahres Alter weit überstieg.

Der musikalische Erfolg des Abends war auch durch das wunderbare Freiburger Barockorchester unter der Leitung von René Jacobs bedingt, der unsere Ohren mit herausragender Aufmerksamkeit für Phrasierung und Klang, aber auch mit genau der Art von Elan und Brillanz verwöhnte, die das Werk am Ende des 18. Jahrhunderts für mehr als 20 Jahre an der Chartspitze gehalten hat. Dank auch an Christian Fenouillat (Bühnenbild) und Christophe Forey (Licht): Während einige sich sicherlich darüber beschweren werden, dass es unkreativ ist, die Handlung in den 1940ern anzusiedeln, so unterstrich doch diese bescheidene Platzierung (mit sehr geschmackvoller Beleuchtung) die Elemente von Einengung und Distanz, die der Handlung innewohnen, und gestatteten der Musik und der Komik des Werkes zu sprechen. Bravo, Theater an der Wien, und bravi tutti!


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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