Wenn die Wiener Staatsoper Namen wie Jonas Kaufmann, Sir Bryn Terfel, Simone Young und den aufstrebenden Superstar Lise Davidsen auf den Spielplan setzt, ist es schwer, sich keinen mitreißenden Erfolg vorzustellen, selbst bei einer Inszenierung von Peter Grimes, bei der es an der Zeit wäre, sie ohne Ruder auf See zu schicken. Kaufmann scheint zurzeit keinen Fehltritt begehen zu können, und sein Rollendebüt als Grimes ist originell, wenn auch nicht ganz zufriedenstellend. Sein Fischer ist eine gebrochene Figur, die vom Kummer in den Wahnsinn getrieben wird; ein gesellschaftlicher Außenseiter, der keinen Trost findet, selbst wenn er ihm ins Gesicht starrt. Kaufmanns eindringliche Falsettstimme, als er im letzten Akt den Verlust seiner Lehrlinge betrauert, gefiel besser als die wutentbrannten Momente, in denen mehr Eifer – und stimmlicher Stahl – gefragt war.

Jonas Kaufmann (Peter Grimes) und Florens Siener (John)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Terfel war absolut überzeugend als Dreh- und Angelpunkt der Handlung, sein Kapitän Balstrode das wahre moralische Zentrum einer Gesellschaft, die aus den Fugen geraten ist; sein warmer Bassbariton nötigt einfach Respekt ab. Die brillanteste Einzelleistung erbrachte jedoch ohne Zweifel die norwegische Sopranistin Davidsen in ihrem Bühnendebüt als Ellen Orford, die über ein Instrument verfügt, das man nur als glorreich bezeichnen kann und das sie mit außergewöhnlicher Kontrolle beherrscht. Kein Teil von Davidsens beeindruckendem Tonumfang ist nicht auch bis in den hintersten Teil des Hauses zu hören, und sie kann ihren Klang bis zu einem Pianississimo ausfedern, das immer noch trägt. Das Frauenquartett im zweiten Akt war ein Höhepunkt, und ihre Embroidery- Arie war herzzerreißend.

Florens Siener (John) und Lise Davidsen (Ellen)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Der Rest der Besetzung war solide, von Hausliebling Wolfgang Bankl als Anwalt Swallow, Martin Häßler als Apotheker Ned Keene und Thomas Ebenstein als sabbernder, schmieriger Bob Boles. Tantchen (Ensemblemitglied Noa Beinart) war eine resolute Mezzopräsenz, die den Städtern eher handfeste leibliche Genüsse bot und ihre flatterhaften „Nichten” (Ileana Tonca und Aurora Marthens) locker an die Leine nahm. Stephanie Houtzeel sorgte als reizbare Stadtklatschtante Mrs. Sedley für Komik. Carlos Osuna als Pfarrer Horace Adams und Erik Van Heyningen (Hobson) rundeten das Ensemble gelungen ab. Während die Diktion von ausgezeichnet bis unverständlich reichte, gab es stimmlich wenig zu bemängeln.

Sir Bryn Terfel (Captain Balstrode) und Jonas Kaufmann (Peter Grimes)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Simone Young führte die Mannschaft mit ruhiger Hand vom Orchestergraben aus und steuerte das Staatsopernorchester durch einige geradezu bombastisch virtuose Zwischenspiele. Obwohl ich mir gelegentlich etwas mehr Präzision in den großen Ensembles und etwas weniger Orchestervolumen gegenüber den Stimmen gewünscht hätte, trieb das Meer – wie in der Handlung – das Drama effektiv voran. Brittens knifflige Partitur ist ein sperriges Biest, aber sie war in ausgezeichneten Händen; eine Erleichterung, wenn man bedenkt, dass der Arnold Schoenberg Chor diese Woche eingesprungen war, um die Reihen des Hauses zu verstärken, die durch Omikron stark ausgedünnt worden waren.

Lise Davidsen (Ellen)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Der Wermutstropfen des Abends war die veraltete Inszenierung von Christine Mielitz, die es schafft, sowohl ästhetisch banal als auch wenig innovativ zu sein. Man kann sie mit Christof Loys preisgekrönter Inszenierung für das Theater an der Wien vor einigen Jahren vergleichen, die sowohl attraktiver als auch komplexer und verstörender ist. Mielitz' Neonrahmen und Atari-ähnliche Videospielgrafiken verbinden sich mit knallblauen, roten oder schwarzen Gewändern (Bühnenbild und Kostüme von Gottfried Pilz) im 90er-Jahre-Stil – obwohl sie zu keiner denkbaren Zeit nach Suffolk passen – und sind schlichtweg unoriginell.

Jonas Kaufmann (Peter Grimes)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Anstatt ein tiefer liegendes Thema wie zum Beispiel latentes homosexuelles Verlangen zu erforschen (wie es Loy tut), zeigt sie einen Lehrling, der kaum das Schulalter erreicht hat, und macht Grimes zu einem missbrauchenden Mann, der von Stadtbewohnern umgeben ist, die die meiste Zeit auf – und unter – der Bühne verbringen und ununterbrochen trinken, klatschen und herumtollen. Es ist übertrieben, flach und langweilig, und eine Besetzung wie diese hat sicherlich Besseres verdient.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Wiederaufnahme aufgrund der Musik und des Gesangs ein Muss ist... aber ich empfehle, die Augen geschlossen zu halten, um in den höchsten Genuss zu kommen.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

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