2015 standen viele ausgezeichnete Produktionen auf dem Programm des Theater an der Wien, doch Christof Loys Umsetzung von Brittens düsterem Meisterwerk zählt zu den besten. Mit minimal gehaltenem Bühnenbild und Requisiten (Johannes Leiacker), konzeptionellen Kostümen (Judith Weihrauch) und einer umwerfend brillanten Choreographie (Thomas Wilhelm) vermittelt Loy eine bestimmende Lesart einer komplexen Geschichte, die nicht unwesentlich von exzellenter musikalischer Kunstfertigkeit unterstützt wird.

Es gibt viele Fragen, die Britten in seiner Geschichte der Musik überlässt, die auf einem Libretto von Montagu Slater (basierend auf der Geschichte von George Crabbe) fußt, doch von ihm selbst als auch von Peter Pears geformt wurde. Grimes ist eine komplexe Figur, und aus dem Libretto an sich wird nicht klar, ob er tatsächlich für den Tod seiner Lehrlinge verantwortlich ist oder nicht. Darüber hinaus bleibt die Beziehung zwischen Grimes und seinem Lehrling John (eine stumme Rolle) der Interpretation offen, ebenso die Figuren des Balstrode, Kapitän im Ruhestand, und der Lehrerin Ellen Orford. Loy ziert sich in seiner Deutung nicht, besonders bezüglich John, hier getanzt und herausragend interpretiert von Gieorgij Puchalski. Ohne die Show für diejenigen zu ruinieren, die das Ganze noch aufnehmen, ist sich John in dieser Inszenierung (s)einer Sexualität eindeutig bewusst, und seine Szenen sowohl mit Balstrode als auch mit Grimes sind herzzerreißend, ergreifend und mehr als nur ein bisschen heiß.

Ellen wird von der bemerkenswerten Agneta Eichenholz gespielt. Gehüllt in schlichte Männerkleidung ist sie optisch androgyn und setzt sich dadurch von der Stadtbevölkerung ab, ebenso wie Grimes, der im Gegensatz zu den Blau- und Grautönen der Stadtleute Beige und Weiß trägt. Eichenholz' beinahe barockartiges Timbre ist nicht das schönste, das ich je gehört habe, doch es passt wie angegossen zu ihrer Figur. Zudem besitzt sie eine ausgezeichnete Technik, und ihre kantige Interpretation der Stickerei-Arie ist so ungewöhnlich wie umwerfend.

Grimes wird vom kanadischen Tenor Joseph Kaiser dargestellt, der erst Anfang Dezember als neues Mitglied der Besetzung angekündigt wurde. Obwohl ich persönlich eine klanglich stärkere Stimme in der Titelrolle bevorzugt hätte, verdient Kaisers Portrait der weicheren Seite des brutalen und doch bemitleidenswerten Außenseiters eindeutig Lob. Die übrigen Protagonisten waren stark besetzt; besonders Andrew Foster-Williams (Balstrode), Stefan Cerny (Swallow) und das jüngste Ensemblemitglied Tobias Greenhalgh (Ned Keene) stachen heraus. Kiandra Howarth und Frederikke Kampmann gaben die drallen, in pinken Taffet gekleideten Versionen der unheimlichen Zwillinge aus The Shining, dominierten die Szenen visuell, immer Hand in Hand (alldieweil sangen wie wundervoll), und Hanna Schwarz (Auntie), Rosalind Plowright (Mrs Sedley) und Erik Årman (Reverend Horace Adams) gaben stimmlich und dramatisch beeindruckende Charaktere als Madame der Stadt und aufdringliche Klatschbase, die man mit Vergnügen hasst, sowie lüsterner Richter.

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien spielte absolut ausgezeichnet unter der kompetenten Leitung von Cornelius Meister, der mich nicht mehr hätte beeindrucken können. Es ist keine einfach zu dirigierende Musik, und die zahlreichen instrumentalen Interludes spielen für den dramatischen Bogen eine ebenso wichtige Rolle wie die gesungenen Texte. Diese Zwischenspiele, zusammen mit dieser sorgfältigen Inszenierung, in der die Statisten manchmal körperlich die brechenden Wellen und den Wind darstellten, manchmal ihre eine Welt der Aktion und Intrige schufen, verging wie im Flug. Chor und kleinere Soli wurden akkurat vom Arnold Schoenberg Chor geboten, der ganzjährig zu brillieren scheint.

Ein Bett hängt gefährlich an einer geneigten Bühne, halb in den Orchestergraben. Einige Stühle, ein Regenschirm, ein oder zwei Sofas und eine Tür. Nichts weiter braucht es, um eine vollständige, komplexe Geschichte von Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit zu erzählen.

Bravo für die gesamte Besetzung und das Regieteam – diese Inszenierung ist geschichtsträchtig! Wenn auch nicht die herzerwärmendste Geschichte diese Weihnachten, so ist dieser Peter Grimes eine Produktion, die man nicht verpassen sollte.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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