Die Zusammenstellung von Strawinskys exotischem Ballett Petruschka und Ravels exquisiter kleiner Oper L’Enfant et les sortilèges ist so kühn wie genial. Beiden Werken ist ein eigensinniger Witz eigen, der jeden angehenden Regisseur vor eine Herausforderung stellt. Sekunden nach Beginn der Vorstellung wurde ich mitgerissen und hatte das Gefühl, dass dies das perfekteste Kunstwerk sein könnte, das ich je gesehen hatte, eine packende Kombination aus Film, Animation, Schauspiel, Tanz, Akrobatik und einer von Strawinskys fruchtbarsten Musiken. Das Zusammenmischen von Klang und Optik geschieht mit liebevoller Respektlosigkeit und der anfängliche Eindruck von Perfektion verging nicht.

Tiago Alexandre Fonseca (Clown) © Iko Freese | drama-berlin.de
Tiago Alexandre Fonseca (Clown)
© Iko Freese | drama-berlin.de

Ich hatte zuvor ein paar Clips von 1927s Arbeit online gesehen. Darsteller, die auf der Bühne mit projizierten Visuals interagierten, kamen für mich etwas „flach“ herüber, viel zu „gekünstelt“. Doch diese Vorstellung mit eigenen Augen zu sehen war eine Offenbarung. Die Synchronisierung zwischen Darstellern und Bildschirmen erfolgt so gekonnt, dass man nur staunen kann, und die Gewitztheit des gesamten Konzepts ist schlichtweg beängstigend. Mit vereinten Kräften erfüllen die Macher Suzanne Andrade, Esme Appleton und Paul Barritt den Zuschauer mit einem Gefühl von fasziniertem Staunen jenseits bloßer technischer Zauberei.

Die tatsächliche Mechanik der Geschichte wurde nicht versetzt oder grob umgangen, wie man es von solch jungen Emporkömmlingen erwarten könnte. Petruschka ist noch immer eine Marionette, die auf einem Jahrmarkt zum Leben erweckt wird. Ausgelassene Späße folgen, als er sich verliebt, es zu Handgreiflichkeiten kommt und er versucht, seiner Zelle zu entfliehen. Und er stirbt noch immer zweimal. Es geschieht viel zu viel, sowohl im Original als auch in dieser Produktion, um jedes Ereignis aufzuzählen, doch luftige Reifentänze, Trampolinspringen mit Hunden und eine Heldentat mit Raketenschiff werden in die bunte Mischung gehäuft.

Die drei Rollen des Petruschka, der Akrobatin und des Muskelmannes werden von Tiago Alexandre Fonesca, Pauliina Räsänen und Slava Volkov dargestellt. Fonesca besitzt die rustikale Fingerfertigkeit von Charlie Chaplin, mit dem Bonus, dass er tatsächlich wie ein junger Strawinsky aussieht. Räsänen und Volkov sind ein erstaunliches Paar von Zirkusdarstellern, deren Kunsttücke beim Publikum ungläubiges Kopfschütteln hervorriefen. Die Akrobatik des Zirkuszeltes schien in den heiligen Hallen des Opernhauses wie zu Hause – etwas, das Strawinsky, der einen guten Zirkus liebte, gefallen hätte.

Tiago Alexandre Fonesca (Clown) und Pauliina Räsänen (Akrobatin) © Iko Freese | drama-berlin.de
Tiago Alexandre Fonesca (Clown) und Pauliina Räsänen (Akrobatin)
© Iko Freese | drama-berlin.de

Ein Teil der Genialität dieser Inszenierung liegt darin, dass die quecksilbrige Musik mit solcher Exaktheit reflektiert wird. Ein kurzer, energiereicher Ausbruch des Orchesters und die Visuals stürmen in eine andere Richtung, beleuchten einen anderen Aspekt des Spektakels. Wenn die Musik auf die Bremse tritt, werden wir unmittelbar herumgewirbelt und finden uns in einem anderen Szenario wieder. Das ist nicht ganz so schwindelerregend wie es klingt, denn die musikalischen Sprungschnitte galoppieren etwa in dem Tempo, das wir aus Film und Fernsehen gewöhnt sind. Haben wir über hundert Jahre gebraucht, um dieses Stück einzuholen?

Die visuelle Seite ist ein Meisterkurs in struktureller Variation. Einige von Paul Barritts Animationen sind handgezeichnet, andere gemalt, wieder andere zottig ausgeschnitten und fusselig, andere elegant projizierte Filme. All das geschieht in Übereinstimmung mit Strawinskys Partitur und dessen charakteristischer virtuoser Kontrolle orchestralen Details. 1927 paradieren so viele Einflüsse, wie man nur zusammenpferchen konnte, von Rodtschenkos Graphikdesign über Švankmajers Stop-Motion und King Rollos flacher Welt zu dem schlichten, gewinnenden Charme von Stick Figure Theatre. Markus Poschner leistete beste Arbeit am Pult dieses starken Ensembles, schmeichelte und spornte das Orchester zu seiner üblichen Brillanz an.

Nadja Mchantaf (Kind) © Iko Freese | drama-berlin.de
Nadja Mchantaf (Kind)
© Iko Freese | drama-berlin.de

Der zweite Programmpunkt war Ravels unterschätztes Meisterwerk L’Enfant et les sortilèges, mit einem bizarren und verzauberten Text von Colette. Diese Produktion erhielt eine ebenso durchdachte und kreative Behandlung wie Petruschka, doch während es Erfindungsreichtum im Überfluss gibt, scheint das Überblenden von Körperlichkeit und projizierten Bildern unausgewogen. Die enorme Besetzung von Sängern (die oftmals hinter der Bühne agieren) zeigte sich bei guter Stimme, von Nadja Mchantaf als das eigensinnige Kind über Ezgi Kutlu als die nörgelnde/sorgende Mutter zu Talya Liebermann als Sonne. Hut ab auch vor dem riesigen Kinderchor (ebenfalls offstage).

Doch nicht einmal eine kleine Fehlzündung konnte den Effekt von Petruschka schwächen. Zu sagen, die Produktion ist Strawinskys Musik ebenbürtig, ist wohl das größte Kompliment, dass man ihr machen kann.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.