„Schrecklich geweint, als Hermann seinen Geist aufgab“, schrieb Tschaikowsky in seinem Tagebuch. Was war es, das den Komponisten dazu trieb, sich so sehr mit einem Anti-Helden zu identifizieren, dessen Spielsucht in Pique Dame seine Geliebte und die Gräfin, ihre ältliche Großmutter, das Leben kostet? Die Rolle des Außenseiters traf einen Nerv bei Tschaikowsky, dessen Homosexualität in von der Gesellschaft entfremdete. Stefan Herheim nimmt diese Identifikation als zentralen Gedanken in seiner bemerkenswerten Neuinszenierung an der Nederlandse Opera, die den Komponisten in den Mittelpunkt rückt, gefangen in den Umständen wie ein Vogel im Käfig.

Vladimir Stoyanov (Jeletzki) und Chor © Monika Forster | Dutch National Opera
Vladimir Stoyanov (Jeletzki) und Chor
© Monika Forster | Dutch National Opera

Produktionen in die Epoche ihrer Komposition zu verlegen ist Vorschrift geworden. Elemente aus der Biographie des Komponisten wurden über die Handlung gelegt, der Komponist wird gar selbst als Figur vorgestellt. Ich habe einen ältlichen Massenet als Don Quichotte gesehen, der ein gigantisches Metronom attackiert und Strawinsky bekämpft, oder einen Puccini, der mit einer Schreibblockade ringt und zu Kalaf wird – beides elegante Ideen für eine einzelne Szene, doch darüber hinaus schien es zu geplant. Herheim zieht dieses Konzept auf brillante Weise durch. Der Vorhang öffnet sich und zeit Tschaikowsky, der sich von einer sexuellen Begegnung mit Hermann erholt. Eine Spieluhr in Form eines Vogels im Käfig spielt Papagenos „Ein Mädchen oder Weibchen“ aus der Zauberflöte. Der gequälte Komponist wird ans Klavier gezwungen. Tschaikowsky leitet seinen Kinderchor, dirigiert mit seiner Schreibfeder. „Du hast dich heut verlobt?“, fragt Surin ihn später, und dann fällt der Groschen: Tschaikowsky ist Fürst Jeletzkij und verlobt mit Lisa, der Enkelin der Gräfin. Es ist eine Beziehung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, ebenso wie Tschaikowskys eigene Ehe mit der verliebten Antonina Miljukowa.

Vladimir Stoyanov (Jeletzki) und Svetlana Aksenova (Lisa) © Monika Forster | Dutch National Opera
Vladimir Stoyanov (Jeletzki) und Svetlana Aksenova (Lisa)
© Monika Forster | Dutch National Opera

Doch der Komponist manifestiert sich anderswo – überall. Der Männerchor besteht aus Tschaikowsky-Clonen, die sich an Gläser mit Eiswasser klammern (von dem der Komponist starb, nachdem er sich 1893 mit Cholera angesteckt hatte, drei Jahre nach der Uraufführung von Pique Dame). Pauline wird zur Hosenrolle im grauen Flanellanzug – ein jugendlicher Tschaikowsky – und Hermann, mit strähnigem Haar, scheint eine Version mittleren Alters davon zu sein. Die alte Gräfin geht im Frackhemd zu Bett, die Fliege noch am Kragen, während Lisa – gekleidet als Gouvernante – ihre Kleidung ablegt, unter der sie das gleiche Hemd trägt, bevor sie im eisigen Wasser „ertrinkt“, das der Chor über sie schüttet. Ihr Tod im Libretto, wo sie sich in den Kanal stürzt, spiegelt ein weiteres autobiographisches Element des Komponisten, der einst einen Suizidversuch unternahm und in die Moskwa watete. Als Schutzengel mit schwarzen Schwingen erscheint Lisa sowohl Tschaikowsky zu Beginn der Oper als auch Hermann – der vom Geist der Gräfin dazu gezwungen wird, sich zu erschießen – am Ende.

Svetlana Aksenova (Lisa) und Misha Didyk (Hermann) © Monika Forster | Dutch National Opera
Svetlana Aksenova (Lisa) und Misha Didyk (Hermann)
© Monika Forster | Dutch National Opera

Tschaikowsky ist am glücklichsten, wenn er seinen geliebten Mozart anführt. Das Divertissement zeigt die Parallelen auf: Daphnis und Chloe in gefiederten Kostümen wie Papageno und Papagena. Später nimmt das Publikum an der Schandstrafung seiner Homosexualität teil, reflektiert in einem gigantischen Spiegel und vom Chor (im Parkett) zum Aufstehen bewegt, um Katharina die Große zu begrüßen, nur um dann festzustellen, dass die Kaiserin, deren Hand Tschaikowsky küsst, Hermann in Frauenkleidern ist. Manches Mal singen die Figuren ihre Zeilen nicht in Richtung des im Libretto angedachten Adressaten. „Dem Ende neigt sich Ihr Leben zu“, singt Hermann – nicht an die Gräfin, sondern an den Komponisten. Herheims Konzept ist superb entworfen und ausgeführt; er macht Tschaikowsky zum Star seiner eigenen Oper.

Vladimir Stoyanov (Jeletzki) und Misha Didyk (Hermann) © Monika Forster | Dutch National Opera
Vladimir Stoyanov (Jeletzki) und Misha Didyk (Hermann)
© Monika Forster | Dutch National Opera

Das die musikalischen Leistungen nicht immer mit Herheims Genie mithalten konnten, machte unter diesen Umständen überhaupt nichts. Misha Didyks baritonaler Hermann klang kraftlos und zeigte selten den hellen, offenen tenoralen Klang, der er mit Sicherheit besitzt. Seine Figur war von Anfang an verstört und seine weiterer Niedergang in der Geisterszene, in der ein rauchender Kronleuchter wie ein Weihrauchfass schwang, war furchterregend. Svetlana Aksenova gab eine engagierte Vorstellung, ihre stählernen Spitzentöne nicht immer sicher aber Zeichen einer Frau am Rande des Abgrunds.

Der samtstimmige Vladimir Stoyanov vollbrachte als Jeletzkij/Tschaikowsky wunder. Wenngleich eigentlich eine Nebenrolle – aber eine begehrte wegen ihrer wunderbaren Arie „Ja vas ljublju“ - befanden sich Stoyanov und sein Spiel- bzw. Pianistendouble Christiaan Kuyvenhoven die meiste Zeit auf der Bühne – ein Meisterwerk.

Die beste gesangliche Darbietung des Abends lieferte Alexey Markovs kraftstrotzender Tomskij, dessen Ballade der drei Karten, die er Tschaikowsky an der Tastatur diktierte. Larissa Diadkovas elegante Gräfin gewann dadurch, dass die Rolle gesungen, nicht geknurrt wurde, und Anna Goryachovas athletischer Mezzo passte zu ihrer Hosenrolle Pauline.

Die Herren des Opernchores beeindruckten sehr, besonders mit den Grabesbässen im letzten liturgischen Hymnus. Der andere Held des Abends befand sich im Graben. Als ich Mariss Jansons die polierten Streicher, leuchtenden Hörner und geschmeidigen Holzbläser des Congertgebouworchesters dirigieren hörte, hatte ich Tränen in den Augen. Tschaikowsky auf der Bühne und ebenso lebendig im Orchestergraben. Unvergesslich.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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