An diesem lauen Spätsommerwochenende reiste Kirill Petrenko mit seiner gut geölten Berliner Maschine für zwei Proms mit groß angelegter spätromantischer Kost nach London. Wegen einer Fußverletzung dirigierte Petrenko nur das erste Konzert und führte das Publikum mit ansteckender Begeisterung für die Musik durch Mahlers weniger bekannte Siebte Symphonie, die einen fesselnden dramatischen Bogen spannt und gleichzeitig ein starkes Gefühl von Kammermusik unter Freunden vermittelt.

Kirill Petrenko
© BBC | Chris Christodoulou

Die Siebte wird oft als sonderbares Ungetüm betrachtet, dessen unkonventionelle Struktur, Instrumentierung und Harmonien von den Veranstaltern allzu oft als Wagnis angesehen werden. Petrenkos großer Erfolg hier, in einem Werk, das er erst kürzlich mit dem Bayerischen Staatsorchester aufgenommen hat, war, dass er diesen symphonischen Titanen manchmal so intim wie Kammermusik und anderswo so aufregend wie jede andere Mahler-Symphonie wirken ließ. Details wurden von den Berliner Philharmonikern in brillanten Farben herausgearbeitet, anmutige und groteske Themen standen kühn nebeneinander, die Mondnacht fiel sanft herab, und die Sonne ging jubelnd auf. Vor allem aber schien das Orchester die Reise von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen genauso zu genießen wie sein Musikdirektor. Während sich die Streicher wie ein einziges Meer bewegten und atmeten und sich die Bässe am Pult mit Elan in ihre Figuren stürzten, dirigierte Petrenko mit einem Temperament, das an Carlos Kleiber erinnerte. Manchmal ließ er die Arme einfach zur Seite sinken und dirigierte mit ballettartigen Kopfbewegungen, während seine hochkarätigen Bläser ihr Ding machten. Es war eine Meisterklasse des Dirigierens in der Balance zwischen Kontrolle und Ausdrucksfreiheit.

Während die narrative Struktur der riesigen Symphonie immer völlig klar war, wurden die Details auf dem Weg dorthin mit aufregender Klarheit umgesetzt. Der erste Satz beginnt entschlossen, das Tenorhornsolo ist herb und fest, bevor es in ein federleichtes Geigenbett übergeht. Später riefen die Englischhornsoli und Trompetenfanfaren zart in einer scheinbar zeitlosen Stille, bevor die chromatischen Themen der Streicher in goldenem Schwelgen mündeten.

Die Berliner Philharmoniker bei den BBC Proms
© BBC | Chris Christodoulou

Während der gesamten Symphonie wurden die Interaktionen zwischen den Spielern – oder besser gesagt, zwischen Freunden, angesichts der greifbaren Intimität der Musik – mit unbeirrbarer Genauigkeit und Ausgewogenheit gestaltet. Besonders wirkungsvoll war dies in den beiden Nachtmusik-Sätzen. Im ersten dieser Sätze hallten die Hornrufe mit makellosem Charakter wider, und das unheimliche Klack-Klack der Streicher klapperte knackig. Die entfernten Glockeneffekte aus dem Off funktionierten gut, und der Satz löste sich nach einem heroisch ruhigen Nachwort von Stefan Dohrs Horn und einem gehauchten Pianissimo-Murmeln des kolossalen Tamtams in Dunkelheit auf. Die Mandolinen- und Gitarreneinlagen des vierten Satzes (letztere wurden von einem der Bratschisten gespielt) kamen gut zur Geltung, und die Dialoge zwischen Bläsern und Streichern waren so klar wie ein ruhiges Gespräch zwischen zwei Freunden.

Der dritte und fünfte Satz waren aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, im Falle des Scherzos eher im Stil eines schwerelosen Prokofjew-Balletts. Beide tanzten mit scheinbar müheloser Anmut dahin und stellten Licht und Schatten gleichermaßen nebeneinander. Das Finale verging wie im Flug, angetrieben von Paukenfeuerwerken und festlichen Blechbläserfanfaren. Die atemlosen letzten Minuten sprinteten jubelnd aus dem Tunnel ins Licht, und das begeisterte Publikum erwiderte dies ebenso.


Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz.

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