Es war eine rekordverdächtige Proms-Saison für deutsche Orchester, und die errangen in den letzten paar Wochen des Festivals beinahe ein Monopol: zuerst das Leipziger Gewandhaus-Orchester, dann die Berliner Philharmoniker und jetzt, vor einem Besuch der Staatskapelle Dresden, eine der anderen großen Institutionen der deutschen Hauptstadt, die Staatskapelle Berlin. Daniel Barenboim ist seit beinahe einem Vierteljahrhundert Musikdirektor dieses Orchesters und hat in dieser Zeit ein Ensemble, das außerhalb des Grabens seines „regulären“ Jobs an der Berliner Staatsoper international kaum bekannt war, wieder zu einem Status von überragender Bedeutung auf der Konzertbühne geführt. Durch geschicktes Planen, oder wahrscheinlicher durch Zufall wenn man bedenkt, wie reisende Orchester Veranstaltern ihre Programme anbieten, brachten beide Staatskapellen Paare von Mozart-Klavierkonzerten mit Bruckner-Symphonien zu den Proms, die Berliner in beiden Programmen, die Dresdner im ersten der beiden. Dieses Eröffnungskonzertes dieses Mini-Mozart/Bruckner-Festes kombinierte Mozarts c-Moll-Konzert KV491 mit Bruckners „romantischer“ Vierter Symphonie.

Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin © BBC | Chris Christodoulou
Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin
© BBC | Chris Christodoulou

Barenboim selbst war Solist im Mozart. In einer Art Analogie zur generellen Atmosphäre des Konzertes bettete er den Flügel physisch ins Orchester, ohne Deckel und mit dem Rücken zum Großteil des Publikums. Sein unauffälliges Spiel, das eher lyrisch war als sich protziger Brillanz hinzugeben, selbst im Finale, verschränkte sich mit dem Orchesterspiel vielmehr in der Art einer Kammerkomposition als im traditionellen Bild des Konzertes als Werk des Konflikts. Die gesamte Interpretation schien untertrieben und man erinnert sich mehr an die wunderschön feinen Bläsersoli und Duette als vielleicht an Barenboims eigenen Beitrag, der nichtsdestotrotz von Zartheit, Liedhaftigkeit und träumerischer Apathie geprägt war. Die Besetzung mit einem mittelgroßen Streicherregister von über 30 Musikern funktionierte gut in der Geräumigkeit der Royal Albert Hall.

Das gilt natürlich auch für den viel größeren Orchesterapparat im Bruckner. Doch selbst hier keine Spur von Aufgeblähtheit. Die Streichergruppe, mit den Ebenen auffächernden Violinen und den Kontrabässen, die über allen anderen aufgereiht waren, war zugegebenermaßen groß, doch die Partitur verlangt nur acht Holzbläser, vier Hörner und gewöhnliche Blechbesetzung; eine zusätzliche Trompete war das einzig Extravagante hier. Barenboim schien im Bruckner mehr Antrieb zu haben, das Orchester zu „spielen“ als das Klavier im Mozart. Und es fühlte sich tatsächlich wie ein einziges Instrument an, das auf feine Anweisungen reagierte und dessen Phrasierung und Dynamik man durch die vertikale Breite des Klanges fühlen konnte. Man nehme beispielsweise den Anfang des Finales, wo das ominöse, stete Trotten der Bässe und das Ostinato der Violinen den wechselnden Spannungen des Hornthemas folgte, anstatt davon unbeeinflusst duchzuspielen.

Barenboim dirigiert die Staatskapelle Berlin © BBC | Chris Christodoulou
Barenboim dirigiert die Staatskapelle Berlin
© BBC | Chris Christodoulou

Man nahm sich Freiheiten mit der Dynamik, selbst der Besetzung, doch alles mit dem Effekt, die Musik lebendiger und selbst einige von Bruckners roheren Momenten und mäandernden Passagen zu einem notwendigen Teil des Ganzen zu machen. Es gab einige bemerkenswerte Pianissimi, besonders zu Anfang des Andante, das generell weniger wie ein Trauermarsch und mehr wie ein zögerliches Stapfen durch eine geheimnisvolle Landschaft der Phantasie klang. Der Puls, der hier beibehalten wurde, schien die Strömung für den Rest der Symphonie zu liefern, vom rhythmischen Tritt der galoppierenden Jagdhörner im Scherzo zum Gefühl erbarmungsloser Bewegung im Finale, wo die prominenten Akzente der Streichertremoli in der abschließenden Steigerung zusätzlich Spannung verlieh. Es waren diese Details, zusammen mit lodernden, aber ausgewogenen Tutti, ausgezeichnetem individuellem Spiel – besonders vom beherzten ersten Horn, Radek Baborák – und Barenboims Vermitteln des größeren Zusammenhangs durch breite Ausdrucksweise, die dieses Konzert zu einer der denkwürdigsten und emotional packendsten Bruckner-Interpretationen machte, die ich erlebt habe.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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