Wenn Sie ein mentales Bild von Orchestermusikern haben, die eifrig dem taktgebenden Dirigenten folgen, können Sie dieses Bild vergessen, wenn es um die Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann geht. Thielemann arbeitet im Vertrauen darauf, dass sein Orchester zusammen und im richtigen Tempo spielt: er nimmt auf dem Podium die Feinjustierung vor – ein „etwas mehr“ oder „etwas weniger“ in der Dynamik hier, eine kleine Geste von „etwas schneller bitte“ da.

Christian Thielemann dirigiert die Staatskapelle Dresden bei den Proms © Oliver Killig
Christian Thielemann dirigiert die Staatskapelle Dresden bei den Proms
© Oliver Killig

Und dieses Vertrauen ist absolut gerechtfertigt. Die Streicher der Staatskapelle klingen wie ein gigantisches Streichquintett (oder -sextett oder -oktett, je nach dem, wie Bruckner die Streicher aufspaltet), so eng ist das Zusammenspiel der Musiker an jedem Pult. Beobachtet man die Kontrabässe fällt einem auf, dass jede Körperbewegung genauso synchron ist wie die Musik klingt. Wo die Streicher anderer Orchester Probleme haben, in der Royal Albert Hall gehört zu werden, klingen die Dresdner mühelos schlicht – klare Töne mit schimmerndem Glanz. Thielemanns beständiges Augenmerk auf die Dynamik zahlt sich aus; Phrasen erhalten eine komplexe Kontur – das Heben und Senken der Musik geschieht auf einer Mikroskala genauso wie der großen Bruckner'schen Welle. Wenn Bruckner sich im dritten Satz der Symphonie Nr. 3 in d-Moll zu einem österreichischen Ländler hinreißen lässt, ist die Musik beschwingt und wiegt uns.

Individuelle Virtuosität gibt es im Überfluss. Jedes Holzblasinstrument scheint klar und unbeirrt durch den Gesamtklang des Orchesters, mit einem Spritzer Farbe am Ende von lang gehaltenen Tönen. Die Pauken besitzen in den langen Wirbeln außergewöhnliche Ebenmäßigkeit und vollsten Klang, perfekt für Bruckners Standardmethode, um die Textur zu verdichten: ein Anschwellen der Streicher, dann Einsatz des Blechs, dann Paukenwirbel. Die Symphonie entstand, als Bruckner ganz unter dem Bann Richard Wagners stand (sie wird oft auch Wagner-Symphonie genannt). Obwohl an diesem Abend die Nowak-Fassung aus den Jahren 1876/77 gespielt wurde, in der die meisten der direkten Wagner-Zitate gestrichen wurden, ist die Musik dennoch durchdrungen von der Wagner'schen Motiventwicklung und dem Gebrauch des Blechs, um die zu intensivieren. Die Blechbläser der Staatskapelle ließen keinen Wunsch offen. Die Wiederkehr des Trompetenthemas gegen Ende des ersten Satzes war besonders aufregend. Wenn sich das Blech bei geringerer Lautstärke mit den Streichern verbinden musste – es gibt ein besonders schönes Zwischenspiel von Horn und Streichern im ersten Satz – war die Balance perfekt.

Genau so ungeduldig erwartet wie Thielemann und die Dresdner wurde Daniil Trifonov, Solist für Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur. Das Werk mag für Trifonov, von dem wir bisher zumeist spätere und russische Musik gehört haben, kein natürliches Repertoire sein, doch er zeigte auch darin all seine Qualitäten: perfektes Legato, äußerst klare Artikulation. Besonders fiel mir dabei eine Passage im dritten Satz auf, in der der Pianist von Vierteln zu Achteln wechselt. Plötzlich spielte Trifonov doppelt so viele Töne, doch ohne Tempo oder Dynamik auch nur einen Bruchteil zu verändern – ein herausragender Grad der Kontrolle über sein Instrument. Das Ergebnis war eine Interpretation voller Eleganz und Ausgeglichenheit.

Daniil Trifonov, Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden © Oliver Killig
Daniil Trifonov, Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden
© Oliver Killig

Mozarts Oper hängt der berühmte Makel an, zu viele Noten zu haben: ein Pianist mag das Andante dieses Konzerts beschuldigen, zu wenige zu haben; die schiere Einfachheit seiner sanften Melodie verlangt, dass der Solist jedem Ton Bedeutung geben muss. Trifonov tat das auf wunderschöne Weise und mit einer Ernsthaftigkeit, die sein Gefühl für spitzbübischen Humor Lügen straft, das jedes Mal durchscheint, wenn man ihn in Interviews hört. Dieser Humor jedoch zeigte sich in den Kadenzen, die von Trifonov selbst geschrieben wurden und die Themen des restlichen Konzertes herrlich einschließen – nachdem Trifonov einer Entgleisung kurz vor dem Anfang der ersten ausweichen konnte. Die Zugabe aus Prokofjews Cinderella war filigran und ebenso gewitzt.

Thielemann und die Dresdner begleiteten feinfühlig auf traditionelle, Karajan-artige Weise mit großem Orchesterklang und zeigten dabei den Streicherglanz und die starke Kontrolle in Dynamik und Phrasierung, die im Bruckner nur noch deutlicher werden sollte. Es ist ein Orchester der Spitzenklasse, und dies ist das erste Mal, dass Thielemann bei den Proms dirigierte. Ich kann mir nicht erklären, warum das so lange gedauert hat.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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