„A-SCOL-TA!“ (Höre!) lautet der Imperativ, der in Luigi Nonos Prometeo beständig wiederholt wird. Der Komponist untertitelte sein Magnum Opus, das 1985 uraufgeführt wurde, „tragedia dell’ascolto“ - eine Tragödie des Hörens. Nono, italienischer Widerstandskämpfer, linker Politaktivist, Denker und Reisender, wollte unsere Erfahrung, Musik zuzuhören, grundlegend ändern, indem er das Erzeugen von Klang selbst zur dramaturgischen Basis seiner „Oper“ machte.

Prometeo ist ein kolossales Unterfangen, das spezialisierter Darsteller bedarf. Inspiriert von den cori spezzati der Kirchenmusik der späten Renaissance - geteilte Chöre, die von gegenüberliegenden Emporen aus singen, legte Nono die Positionen der Sänger und Instrumentalisten um das Publikum herum fest. Für das Nono-Minifestival im Holland Festival wurde der riesige Gasspeicher der Westergasfabriek, einer früheren Kohlegasfabrik, in die vorgesehene Klangkathedrale verwandelt. Zwei Dirigenten, Ingo Metzmacher und Matilda Hofman, standen mit dem Chor der Schola Heidelberg und einer Gruppe aus den vereinten Ensembles des Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und dem SWR Experimentalstudio auf einer niedrigen Tribüne an der Nordseite. Die drei weiteren Orchestergruppen, Gesangssolisten und zwei Sprecher (Caroline Chaniolleau und Mathias Jung) waren auf eine dreistöckige Gerüstkonstruktion an den übrigen Seiten verteilt. Alle Darsteller waren mit Mikrophonen ausgestattet, um eine elektronische Live-Bearbeitung, koordiniert von André Richard, zu ermöglichen. Als die Vorstellung begonnen hatte, war man verleitet, sich umzusehen und herauszufinden zu versuchen, wo ein Klang herkam, was sich aber als verwirrend erwies. Eine Passage konnte ihren Ursprung bei einem Fagottisten hinter einem haben, einen aber durch die Lautsprecher von links erreichen.

Das Libretto des Philosophen Massimo Cacciari gründet auf Quellen, die sich auf den Mythos von Prometheus beziehen, den unsterblichen Titanen, der das Feuer von den Göttern stahl und dafür an einen Felsen gekettet wurde, wo ein Adler tagtäglich von seiner sich ewig regenerierenden Leber fraß. Die neun Abschnitte enthalten unter anderem Texte von Aeschylos, Goethe, Hölderlin und Walter Benjamin, dem deutschen Philosophen, der auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord beging, und der sich weigerte, die Geschichte als kontinuierliche Entwicklung zu sehen. Die Worte sind allerdings nicht als Altgriechisch oder Deutsch zu erkennen, denn Nono zerlegt sie in ihre phonetischen Komponenten, wiederholt, verknetet oder dehnt die Fragmente, und lässt sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erklingen. Gelegentlich lässt sich ein ganzes Wort erkennen: „Gaia“, „Prometheus“, „Stille“, „ewig“, aber zumeist hört man nur lange Vokale (IIII-OOOO). Manchmal werden nur die Konsonanten artikuliert, die kurzen Phrasen torkeln und huschen aus dem Nichts und wieder dorthin zurück, Silben verharren kurz und überschneiden sich, oder verfliegen plötzlich. Gleichzeitig werden musikalische Elemente entwirrt und wieder in flüchtige Verbünde verwoben. Ein einzelner Ton eines Akkordes wird ausgehalten und verzweigt sich in einem Akkord, der aus der anderen Richtung kommt.

Trotz der elektronischen Bearbeitung ist der Klang organisch und voller Emotion. Nono war eine Schlüsselfigur der Avantgarde der 1950er, aber seine Herangehensweise an die Einschränkungen des Zwölfton-Serialismus, angeführt von Anton Schönberg, der später sein Schwiegervater wurde, war viel flexibler. Sein politischer Aktivismus sorgte zudem dafür, dass seine Kompositionen sich auf die menschliche Not konzentrierten. In Prometeo balancieren die Sänger zerbrechliche polyphone Bögen von strahlendem Klang, während das Orchester mit dissonanter, mikrotonaler Musik unterbricht, die das Schnauben und Beben von Tieren, das Schlurfen von Reptilien, ja, das Knarzen der Erde selbst zum Ausdruck bringt. Ihr Effekt ist der von Schreien und Stöhnen, die in Urschluchten widerhallen, von Flüstern und Sickern in Höhlen, und von Echos, die sich auf weiten Wasserflächen kreuzen. Die Windungen von Klang und Stille stehen nie still, nähern sich manchmal an, um die Zeit aufzulösen, dann wieder wirbeln sie herum, um sie zu beschleunigen.

Die Chormusik basiert auf schlichten Intervallen (viele Quarten und Quinten) und enthält unbegreiflich schöne Passagen. Sie gipfelt im tief bewegenden Schlussabschnitt, „Stasimo Secondo“, der an einen Griechischen Chorus erinnert. Wie der Chor, eine sichere wie beeindruckende Schola Heidelberg, so malten auch die Solisten Klangbilder, indem sie verschiedene Techniken wie das Singen in die hohle Hand anwendeten. "Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab." Die Worte Hölderlins aus Hyperions Schickalslied, das in „Isola Seconda“ vertont ist, sind zu abgebrochen, um sie zu erkennen, aber sie werden von Spritzern hoher Stimmen dargestellt, die auf den ineinander verzahnten Klangsäulen der Flöte und Klarinette hin und her geworfen werden. Jeder Solist zeigte eine individuelle Klangfarbe, die sich famos mit den übrigen mischte. Susanna Anderssons engelsgleicher Sopran beschwor blauen Himmel und Vogelflug herauf, Kontraalt Noa Frenkel die tiefe, fruchtbare Erde. Mezzosporanistinnen Christina Daletska und Els Janssens-Vanmunster bildeten die bernsteinfarbene Mitte, und Marcus Francke produzierte körperlose Tenorklänge.

Prometeo fasziniert mit seinem Erfindungsreichtum, verführt mit seiner Schönheit, aber frustriert auch gleichzeitig dadurch, das es eine direkte intellektuelle Bedeutung versagt. Nono fordert den Hörer auf, das Verstehen durch Semantik zugunsten des Erkundens durch Wahrnehmung aufzugeben. So sich die Gelegenheit bietet, dieses Werk einmal zu hören, sollte jeder, der sich für Musik nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert, für eine kurze Zeit alles, was er über über Oper, Serialismus, Singen, Worte und Bedeutung weiß, vergessen, die Herausforderung annehmen und "Hören!"

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