Wenn man die Eigenschaften zeitgenössischer klassischer Musiker aufzählt, ist „Sinn für Humor“ wohl nicht die erste, die einem in den Sinn kommt. Es sei denn, man denkt an HK Gruber (Freunde nennen ihn „Nali”), der sich für eine einstündige Mittagspausen-Prom in der Cadogan Hall mit Håkan Hardenberger zusammengetan hat, die laut Hardenberger (Kurator des Konzertes) ein „Gefühl von Straßenmusik, das Gefühl einer Straßenecke“ hat.

Håkan Hardenberger © Marco Borggreve
Håkan Hardenberger
© Marco Borggreve

Als Gruber drei Nummern aus Kurt Weills und Bertolt Brechts Dreigroschenoper sang, strahlte er aus, dass er Brechts Katalog an Schurken, Mördern und korrupten Polizisten ausgesprochen komisch findet. Er bot die Zeilen mit großem Schwung, breitem Grinsen und wissendem Ausdruck dar. Ich kenne das Werk seit Jahrzehnten und empfinde ebenso – der berauschende Mix von Brechts beißendem Sarkasmus und Weills eingängiger, einfallsreicher, ansteckender Musik haut mich noch immer jedes Mal um – doch es wurde deutlich, dass Gruber jeden im Publikum damit ansteckte, nicht nur hartgesottene Dreigroschenoper-Fans. Nie wurde Peachums „Morgenchoral“ gewitzter und ironischer angestimmt (der arme Sünder solle sein Schicksal erfüllen, indem er noch ein bisschen mehr sündigt – zum Beispiel dadurch, für Peachum zu stehlen). Es folgte der Kanonensong, in dem der Mörder Macheath und Tiger Brown, der korrupte Polizeichef und Macheaths alter Zechbruder, sich ihrer Tage in der Kolonialarmee erinnern, in denen sie Hackfleisch aus den Farbigen machten. Gruber und Hardenberger sangen die beiden mit unerschrockener Freude, darin eingeflochten spielte Hardenberger Weills grandiosen Trompetenpart.

In gleichermaßen sarkastischem Zug folgte darauf der Song über die Unsicherheit menschlicher Verhältnisse (mehr großartiges Trompetenspiel von Hardenberger und der bis dahin frechste Gesang von Huber); weiter ging es holterdiepolter durch den Mandalay Song aus Happy End. Dann war es an der Zeit für leichtere Kost: Weills Rheinland-Song, ein Trinklied auf einen Text von Ira Gershwin mit grauenerregenden Reimen, mit Schmackes gespielt und gesungen. Wer (außer vielleicht Noel Coward) hätte „the girls is juicier“ mit „the goosestep goosier“ gereimt?

Ein Lob an die Begleiter: Mats Bergström an Gitarre und Banjo sowie Claudia Buder am Akkordeon verliehen dem Konzert das perfekte Maß an untertriebenem Swing, gekonnt unterstützt von Pianistin Helen Crayford.

Ein vielseitiges Set an Instrumentalstücken umrahmte die stimmliche Heiterkeit. Hardenbergers Interpretation von Roland Pöntinens Arrangements von The Seagull des schwedischen Jazzers Jan Lundgren war umwerfend. Seit ich ihn zum ersten Mal gehört habe, hatte ich immer das Gefühl, dass Hardenberger zu den Größen des Jazz zählen würde, hätte er sich für diesen Weg entschieden, und der sanfte, etwas schmalzige Gesang seines Flügelhorns war bezaubernd. Tobias Bröstroms Sputnik, das das Konzert eröffnete, erging es weniger gut: Hardenbergers Piccolotrompete war nett, wuchs aber nicht so recht mit dem Orchester zusammen.

Ich werde nicht jede Nummer in einer höchst eklektischen Sammlung aufzählen, doch Gruber dirigierte darüber hinaus auch drei eigene Stücke aus den 1960ern – kein Text diesmal, aber dennoch Musik, in der der Humor blitzte.

Grubers Busking wird am Mittwoch in der Albert Hall uraufgeführt, gespielt von Hardenberger, Bergström und Buder. Sollten sie sich je dazu entschließen, tatsächlich an irgendeiner Straßenecke zu musizieren, hoffe ich, dass mich rechtzeitig anrufen. Es ist einen Flug wert.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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