Roberto Devereux ist nicht unbedingt Donizettis bekannteste Oper, darum werde ich die Handlung für die Uneingeweihten kurz anhand der Schlagzeilen der Regenbogenpresse zusammenfassen: „Verführer kehrt zurück“ und „AB mit seinem Kopf“. Das trifft es ziemlich genau: es ist eine kurze Oper, randvoll mit prahlerischen, aber dramatischen Belcanto-Standardstücken, und mit nur vier zentralen Figuren. Königin Elisabeth I. liebt Robert Devereux, der des Hochverrats angeklagt ist. Sie ist fest entschlossen, sein Leben zu retten, ebenso sein bester Freund, der Herzog von Nottingham – bis sie herausfinden, dass Devereux eine Geliebte hat: des Herzogs Frau Sara. Es folgt der vorhersehbare Operndurst nach Rache und ihre tragischen Konsequenzen.

Die Oper ist primär ein Paradestück für die Rolle der Königin Elisabeth, eine Rolle mit zahlreichen vertrackten Arien, sowohl voller konventionell schönen Koloraturen als auch einiger überraschend ungewöhnlicher Intervalle. Wie bei der Premiere 2004 wurde diese Figur auch diesmal von Edita Gruberová gesungen. Es besteht kein Zweifel, dass die Gruberová ein Star ist, eine der Königinnen des Belcanto der Zeit. Allerdings ist sie auch ein Paar Jahrzehnte über den Zeitpunkt hinaus, zu dem die meisten Sänger sich aus dem Bühnenleben zurückziehen. Sie besitzt eindeutig noch immer gute Technik, Spitzentöne, Koloraturen und allem voran Ausdrucksfähigkeit. Sie besitzt außerdem eine beeindruckende Bandbreite an Texturen und dynamischen Nuancen, und ihre schauspielerische Darstellung der eifersüchtigen, alternden Königin trifft die Rolle auf den Punkt. In ihrer Stimme zeigen sich jedoch auch deutliche Zeichen von Verschleiß: Brüche bei Registerwechseln, eingeschliffene hohe Töne und gelegentlich ein dünner, kreischender Aspekt in ihrem Ton. Ich bin froh, dass ich ihre Interpretation gesehen und gehört habe, aber vielleicht sollte diese Rolle bald aus ihrem Repertoire gestrichen werden.

Wo aber wird die Staatsoper dann eine Elisabeth finden, die zum Rest dieser Traumbesetzung passt? Als Herzog verblüffte Franco Vassallo das Publikum in „Ieri, taceva il giorno“ mit der zarten, cremigen Fülle seiner Stimme, und erneut im dritten Akt, in dem er auch harschere Farben zeigte. Veronica Simeonis melancholische Sara hatte einen vollen Mezzosopran mit großer Bandbreite, der einen schönen Kontrast zum schlankeren Sopran der Königin ergab. Sie und Devereux (Alexey Dolgov) mögen schuldig gewesen sein, doch es war unmöglich, keine Sympathie für die beiden jungen Liebenden zu empfinden. Dolgov spielte durchweg gut, lächelte selbstsicher und nonchalant, als er mit seinen Handschellen spielte, selbst kurz vor seinem Tode. (Seine Maske brach gelegentlich auf, was sehr ergreifend war.) Seine Gelegenheit zu glänzen kam erst im letzten Akt, doch dann brach mir sein Heldentenor und sein selbstaufopferndes Verhalten in seinem langen Solo beinahe das Herz.

Christof Loys geschickte Inszenierung macht aus dieser Oper mehr als nur eine einfache Rachetragödie. In dieser Produktion mit modernen Kostümen, die Königin Elisabeth I. ein wenig wie Margaret Thatcher aussehen lassen, gibt es köstliche Ironie im Überfluss. Robert Devereux mag derjenige sein, der des Hochverrats bezichtigt wird, doch Lord Cecil und Sir Walter Raleigh sind diejenigen, die ihn tatsächlich begehen, wie aus ihrer Ermutigung des ambitionierten Thronanwärters James von Schottland hervorgeht. Ein kleineres Detail, dass ein herbes Lachen hervorrief: Devereux erhält und verschlingt heimlich einen Brief von Sara (vermutlich arrangieren sie darin ihr Rendezvous am Abend), während Nottingham nur einige Schritte entfernt sein Vorhaben verkündet, Devereux' Leben zu retten und „Parla tu sul labbro mia santa voce d´amistà“ (sprich Du von meinen Lippen, heilige Stimme der Freundschaft).

Die geschäftsmäßigen Kostüme und das Neonlicht verhindern nicht, dass dies ein dunkler Schatten wird. Der dritte Akt bietet herzerweichende Szenen: ein blutender, bandagierter Devereux mit verbundenen Augen wird von anderen Parlamentariern im Hintergrund gefoltert, während im Vordergrund Saras eifersüchtiger Ehemann sie daran hindert, die Königin rechtzeitig zu erreichen, um eine Begnadigung zu erwirken. Er fesselt Sara und verbindet ihr die Augen, sodass beide Liebenden letztlich nebeneinander auf der Bühne sind, einander jedoch nicht sehen können. Als Sara in der letzten Szene schließlich befreit wird, ist sie zu steif, um zu gehen. Zur gleichen Zeit ist Elisabeth bereits in Verzweiflung über Devereux' drohenden Tod zusammengebrochen. Die beiden Frauen kriechen schmerzlich langsam aufeinander zu, und Sara gelingt es, der Königin den königlichen Ring zu übergeben (der Devereux' Leben retten sollte), kurz bevor erschreckend laute Kanonenschüsse verkünden, dass die Exekution vollzogen wurde.

Das Staatsorchester unter der Leitung von Friedrich Haider war ein schwaches Glied in dieser Vorstellung. Die Musiker spielten stark in den raschen Forte-Passagen der Ouvertüre, doch waren übermäßig zögerlich bei den übrigen Einsätzen, was zu einigen unkoordinierten Momenten führte. Sie waren auch nicht immer mit den Sängern zusammen, unterstützten sie jedoch größtenteils gut und meisterten die dramatische Dynamik des Stückes, ohne die Sänger zu übertönen. Auch der Staatsopernchor hatte viel zu tun und sang mit wohlgemischtem, tragendem Klang, während er verschiedenste Rollen spielte.

Diese Produktion ist moderne Oper in Bestform, und die Besetzung ist beinahe perfekt. Trotz der alternden Stimme des Stars ist es ein Roberto Devereux, an den man sich erinnern wird. Die Oper wird selten gegeben, doch bei der Spannung, die dieser Donizetti-Abend verbreitet hat, habe mich gefragt, warum.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

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