An einem Abend, der ganz im Zeichen des Pluralismus in klassischer Musik zu stehen schien, taten sich das ORF Radio-Symphonieorchester und der Singverein mit Countertenor Matthias Rexroth, Altistin Elisabeth Kulman, Tenor Steve Davislim und Bariton Adrian Eröd unter der Leitung von Vladimir Fedoseev zusammen für eine wilde Spritztour durch Schostakowitschs Sechste und Schnittkes Seid nüchtern und wachet (Faust-Kantate) im Großen Saal des Musikvereins. Wenngleich diese ehrwürdigen Hallen schon Konzerte von größerer Finesse und Perfektion gesehen haben, so war es doch ein mitreißendes Fest der kreativen Instrumentierung, Virtuosität und Brillanz, die einen energiegeladen für sich einnahm.

Schostakowitschs dreisätzige Sechste Symphonie eröffnete den Abend, ein gehaltvolles wie kontrastreiches Werk. Sie beginnt mit einem grüblerischen Largo, das sich aus einem einzigen Thema entwickelt, geprägt von einer kleinen Terz, verminderter Sept und Triller. Es ist von überwiegend nachdenklicher und düsterer Natur; der Mittelteil scheint sich nahezu in einer Reihe scheinbar unzusammenhängender Gedanken zu verlieren, vorgestellt von verschiedenen Instrumenten über Streichertremolo. Von Anfang an sind die Stimmschichtungen und faszinierende Orchestrierung, die Schostakowitsch einsetzt, bemerkenswert; sie zeigen die Tiefe des musikalischen Könnens des RSO und betonen Fedoseevs intuitives Verständnis dieser Musik, als er das Orchester durch sie hindurch führte.

Jeder Satz dieser Symphonie gewinnt an Schwung und Geschwindigkeit, als fielen sie einen großen Hang hinunter. Der zweite Satz ist ein Scherzo, das gleichzeitig fröhlich und etwas schräg ist. Es steckt voller Synkopen und kantigen Akzenten und besitzt eine große Vielfalt an tänzerischen Menuett- und Walzermomenten, die sich so schnell verändern und entwickeln, wie sie gekommen sind, bevor in einem aufsteigenden Lauf in die Atmosphäre entschwinden. Der letzte Satz ist eine musikalische Jagd mit Elementen, die beinahe klassisch sein könnten, lässt man die harmonische Sprache einmal außen vor. Er ist schäumend und luftig, galoppiert und hüpft und stürmt letztlich zu einem brillanten Schluss.

Diese Gegenüberstellung von Klassischem und Modernem setzte sich in Schnittkes Faust-Kantate fort, die die zweite Konzerthälfte ausmachte. Seid nüchtern und wachet basiert auf der Faustlegende. Es wurde 1983 im Auftrag der Wiener Festwochen komponiert und ist eigentlich ein Vorläufer zu Schnittes Oper Faust – die folgte etwa zwölf Jahre später, doch Schnittke hatte die Arbeiten daran bereits zu diesem Zeitpunkt begonnen. Die zehnteilige Komposition verwebt neoklassische Elemente und Formen mit dem Modernen und Theatralischen zu einem Stück, das oft sehr düster scheint, und einem dann überraschend den Atem raubt. Ein solcher Moment in der Kantate ist der siebte Abschnitt, das Altsolo – denkwürdig gesungen von Elisabeth Kulman – ein Tango, in dem Mephisto Faust und seine Höllenfahrt verspottet. Die Orchestrierung hier ist episch, voller krachender Perkussion und schrillen Bläsern.

Obwohl das Werk im Allgemeinen bisweilen als unzusammenhängend oder unausgewogenen empfunden wird, trägt diese Gegenüberstellung des Erwarteten mit dem Unerwarteten beträchtlich zum Überraschungselement bei. Die klassische Rolle des Erzählers beispielsweise, von Steve Davislim wunderbar gesungen, eröffnet das Werk nach einem kurzen Chor-Prolog, doch seine Erzählung wird von einem haarsträubenden, unangenehm hohen Melisma von Matthias Rexroth – der zweiten vokalen Repräsentation des Teufels – begleitet. Die Rolle des Faust selbst meisterte Adrian Eröd, der phantastisch klang, auf bewundernswerte Weise, obwohl er gelegentlich in tiefer Lage seiner Bassrolle nicht ideal hörbar war. Der Singverein, hauseigener Chor des Musikvereins für leidenschaftliche Laienmusiker seit seiner Gründung 1858, war von Chorleiter Johannes Prinz solide vorbereitet worden. Die Warnungen, Klagen und Kommentare im Laufe der Kantate verliehen ihr Energie und Schwere bis zum letzten Choral, einer Erinnerung an alle guten Christen: „Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchen, welchen er verschlinge.“

Das RSO spielte an diesem Abend mit Energie und Verve, und obwohl ich nicht das Gefühl hatte, dass das Stück mit diesem ehrwürdigen Gastdirigenten überprobt worden war, wenn es um diese Musik geht, ziehe ich Können und Antrieb jederzeit der einstudierten Perfektion vor. Orchester, Solisten Dirigent und Chor wurden mit viel Applaus belohnt, und ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige war, die den Musikverein nach dieser sündig unterhaltsamen Soiree energiegeladen und lächelnd verließ.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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