Am Sigmundstor, der Tunnel, der in der Nähe des Festspielhauses den mächtigen Salzburger Mönchsberg durchbricht, steht die lateinische Inschrift Te saxa loquuntur: Von Dir reden die Steine. Ebenfalls in den Mönchsberg gehauen und nur einen Steinwurf entfernt liegt die Felsenreitschule, eine ehemalige Kavallerie-Reithalle und heutige Spielstätte der Festspiele. In Romeo Castelluccis Inszenierung von Strauss’ Salome schmückt Te saxa loquuntur den Vorhang. Bevor sich dieser hebt, nimmt Salome ein Schwert und durchschneidet die Inschrift. Welche Geheimnisse würden diese Steine preisgeben? Jegliche Hilfe wäre willkommen, denn Castellucci bietet nur Rätsel.

Asmik Grigorian (Salome) © Ruth Walz
Asmik Grigorian (Salome)
© Ruth Walz

Nichts ist wie es scheint. Oder zumindest nicht so, wie es das Libretto darlegt. „Der Mond scheint sehr hell”... aber hier ist er verdunkelt, in den Schatten gestellt, ausgelöscht. Juden wischen die Bühne – ein goldener Boden repräsentiert Herodes’ Königreich – bevor ein einziger Tropfen Blut vergossen wird. Jochanaan ist kein „Bildnis aus Elfenbein”, sondern bedeckt mit schwarzem Schmutz, gekleidet in schwarzem Pelz. Er nimmt auch die Form eines schwarzen Hengstes an, kreist in der Zisterne, während die Wiener Philharmoniker laut den Höhepunkt erreichen und sich Salome in einem weißen Nachtkleid – oder ist es ein Brautkleid – befleckt mit Menstruationsblut orgastisch am Boden räkelt, die Beine weit auseinander.

Salome tanzt keinen Tanz der sieben Schleier, sondern nimmt eine Embryonalstellung ein, mit einem schwarzen Band ist sie nackt an Herodes’ Thron gebunden als ein Steinblock langsam absinkt und sie scheinbar erdrückt. Diese Steine sprechen nicht. Sie schweigen. Castellucci versteckt selbst die 96 Bögen der Felsenreitschule, eisig füllt er die Leere, bringt sie zum Schweigen.

John Daszak (Herod), Anna Maria Chiuri (Herodias), Asmik Grigorian (Salome) und Ensemble © Ruth Walz
John Daszak (Herod), Anna Maria Chiuri (Herodias), Asmik Grigorian (Salome) und Ensemble
© Ruth Walz

Bevor Herodes ihrer schockierenden Bitte nachgeht, wird Salome der Pferdekopf in einem Plastikbeutel geliefert. Sie räkelt sich in einer Lache aus Milch, schreibt fieberhaft auf den Boden. Dann wird ihr nicht das Haupt des Johannes dem Täufer gebracht, sondern sein enthaupteter Körper. Sie sitzt auf seinem Schoß, ist aber außerstande seinen Mund zu küssen, da es keinen Mund zum Küssen gibt. Schlussendlich stürzt der Mond in Gestalt eines Heißluftballons aus schwarzer Seide herab und verschlingt die Bühne.

Asmik Grigorian (Salome) und Gábor Bretz (Jochanaan) © Ruth Walz
Asmik Grigorian (Salome) und Gábor Bretz (Jochanaan)
© Ruth Walz

Es ist eine verstörende, perverse Lesart, doch gerade das ist Salome, eine verstörende, perverse Oper. Zentral für den Erfolg dieser Inszenierung ist die erstaunliche Salome von Asmik Grigorian. Die litauische Sopranistin bannt das Publikum genauso wie sie auch Herodes bannt. Ihre jüdische Prinzessin ist keine Unschuldige, ein launiger Teenager, manipulativ, schlingt sich in Narraboths Arme, spielt mit ihm zum eigenen Nutzen. Sie scharrt mit den Hufen, ungeduldig auf Jochanaans Ankunft, und als sie sich einen Sattel auf den Rücken schnallt, wissen wir alle was sie will. Grigorians Sopran ist hell, stählern und schneidet mühelos durch ungezügelte Wiener Philharmoniker. Und doch kann sie ihn reduzieren, liebkost die Phrase „Den Kopf des Jochanaan” bevor sie vehement ihre Bitte wiederholt, absichtlich tonal abgleitend.

Castelluccis Inszenierung stellt alle anderen Figuren in den Schatten. Gábor Bretz ist ein kernig weicher Jochanaan, eloquent gesungen, während John Daszak als Herodes Schaum vor dem Mund hat, sein kieselharter Tenor wächst angespannt als der Horror in sein Haus einzieht. Anna Maria Chiuri schnattert rachsüchtig als Herodias. Julian Prégardien lässt seinen Tenor als Narraboth reizvoll fließen, betört von der jungen Prinzessin.

Asmik Grigorian (Salome) © Ruth Walz
Asmik Grigorian (Salome)
© Ruth Walz

Beginnend mit dem verstohlenen Glissando der Klarinette waren die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst in brennender Form, der sie wild antrieb. Die Hörner blähten ihre Nüstern, reife Fagotte stöhnten, das Xylophon polterte rasend durch die Sieben Schleier. Von Zeit zu Zeit weigerte sich Welser-Möst, seine Musiker zu bändigen, aber wenn diese einen solch grandiosen Klang bieten, wer soll es ihm verübeln? Nach der Ekstase von Salomes Kuss und Herodes Befehl, sie zu töten, zischten die finalen Akkorde des Orchesters zu einem Ende, und ließen die kalte Stille an den Steinen widerhallen.

 

Ins Deutsche übertragen von Elisabeth Schwarz

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