Bei so zahlreichen Jubiläen fällt ein 220-jähriges möglicherweise nicht weiters ins Auge. Und dennoch feiern Daniel Barenboim und der Pierre Boulez Saal Franz Schuberts 220. Geburtstag mit einem breitgefächerten Projekt, das alle Lieder (verteilt über mehrere Saisonen), die Klaviersonaten (mit Barenboim am Klavier) und alle Symphonien (mit Barenboim am Pult) zur Aufführung bringen wird.

Daniel Barenboim © Peter Adamik
Daniel Barenboim
© Peter Adamik

In dieser durch bescheidene Proportionen und egalitärer Konstruktion bestechenden neusten Berliner Spielstätte aber stand die Staatskapelle Berlin genauso im Vordergrund des Konzertes, welches das erste von zwei vollständigen Symphonie-Zyklen war, wie der Generalmusikdirektor der Staatsoper selbst. Barenboim dirigierte an diesem Abend karger und zurückhaltender als ohnehin von ihm gewohnt, als ob er selbst der Musik lausche und die Klänge des stark reduzierten Orchesters – die Streicher waren lediglich 8: 6: 4: 3: 2 besetzt – bewunderte.

Es gab Momente, in denen er die Musiker zu mehr Nachdruck, zu mehr Elan drängte, oder durch Gesten Phrasen ausformte. Bei einer der letzten Reprisen des Hauptthemas im Finale der Ersten Symphonie hielt Barenboim das Tempo zurück, kreierte eine zarte Klangfarbe, bevor er die Musiker neuerlich zu einer lebhaften, freudigen Spielweise anregte. Es war ein bezaubernder Moment, jedoch nur einer von wenigen, in denen man Barenboims eigene Interpretation des Werkes spürte.

In allen drei Symphonien (der Ersten und Dritten im ersten Teil, der Zweiten nach der Pause) konnte man eine außergewöhnliche Natürlichkeit spüren, als ob die Musik für sich selbst sprechen würde. Die schnellen Tempi klangen nie erzwungen, die langsamen nie schleppend. Es wurde weder versucht die Symphonien historisch inspiriert aufzupeppen, noch ihnen retrospektive Größe aufzuzwingen – in jeglicher Weise. 

Es war genau was diese frühen Werke aus Schuberts Jugendzeit brauchten. Wenngleich oftmalig aufgezeichnet, hört man sie dennoch nur selten in Konzertsälen – meiner Erfahrung nach – weil sie nicht nur von Schuberts späteren symphonischen Meisterwerken, sondern auch von anderen Stücken, die sich Schubert hörbar als Vorbild nahm, in den Schatten gestellt werden: Werke von Beethoven, Haydn und Mozart, oder natürlich unzählige Stücke von Kleinmeistern, die zu Schuberts Zeiten in und um Wien allgegenwärtig waren.

Besonders bemerkenswert ist, dass sie trotz dieser hörbaren Einflüsse unverwechselbar Schubertianisch klingen: in ihren zahlreichen Innovationen; in dem großzügigen Ausmaß besonders der umschließenden Sätze der Ersten und Zweiten Symphonie; in den ostinato-Figuren im Finale der Dritten, die bereits einen Vorgeschmack auf die „Große“ C-Dur bieten und unaufhaltsam dahinpoltern. Die Aufführungen nahmen sie auf ihre eigene Weise ernst, selbst wenn man dadurch riskiert, die reinste Freude, die sie kommunizierten, herunterzuspielen, den Spaß der in der Musik schwelgenden hervorragenden Musiker. Einer Musik voller Fantasie und Melodie, nicht zu vergessen unwiderstehlich rhythmischem Elan.

Das gesamte Orchester war wunderbar, aber die Helden des Abends waren unbestreitbar die herrlichen Holzbläser der Staatskapelle, egal ob sie sich in den reichen, farbigen Gesamtklang einfügten oder mit anderen Instrumentengruppen kommunizierten – Solo oder Dialog – welches eine Besonderheit dieser Werke ist. Die Klarinettensoli der Dritten Symphonie waren ein reinstes Vergnügen, die Oboensoli stets lebhaft und lieblich zugleich, das Fagott geradezu geschwätzig und die Flöte durchdringend. Triopassagen waren ausnahmslos eine Freude; es ist nur schwer vorstellbar, dass man den Anfangsakkord der Dritten besser ausbalancieren, die mysteriösen Modulationen vor der Reprise des Eröffnungsmotives der Ersten Symphonie besser einfangen kann.

Auch die Streicher ließen bei den kammermusikalischen Stellen keine Wünsche offen, spielten stets eng und punktgenau zusammen, immer makellos phrasierend. Die bescheidene Größe der Streichergruppe sowie die warme Akustik des Saales verhalfen ohne Zweifel zu einer Klarheit des Klanges, zumindest vernahm ich es so vom Balkon. Weiters war es eine nette Geste Barenboims, das Orchester in der zweiten Hälfte des Konzertes zu drehen, um eine leicht abgeänderte, aber ebenso überzeugende Hörperspektive zu bieten.

Es bleibt spannend abzuwarten, wie der Saal spätere Symphonien aufnimmt, und ob Barenboim ein deutlicheres interpretatorisches Eingreifen für notwendig hält. Diese Fragen werden zu gegebener Zeit beantwortet werden. Einstweilen jedoch steht es außer Frage, dass mir dieses Konzert ein edles, gelöstes und vergnügliches Musizieren bot, wie ich es seit langer Zeit nicht mehr gehört hatte. Durch und durch ein Genuss.



Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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