Es gibt ein Für und Wider, wenn es darum geht, Zyklen ins Programm aufzunehmen. Und manchmal scheint es nur ein Ausrede zu sein, Aufführungen von Werken unter dem Vorwand der Vollkommenheit hineinzuschummeln, die wir bereits zu oft hören. Aber obwohl Schuberts letzte zwei Symphonien kaum eine helfende Hand brauchen, sind die ersten sechs, meiner Meinung nach, doch zu selten im Konzertsaal anzutreffen. Daniel Barenboims Schubertzyklus mit der Staatskapelle Berlin im Boulez-Saal, der mit diesem Konzert die Halbzeit erreicht hat, lieferte für die beiden überzeugende Argumente.

Daniel Barenboim © Monika Rittershaus
Daniel Barenboim
© Monika Rittershaus

Wenn ich überhaupt etwas auszusetzen habe, dann ist es durchaus egoistisch: die anhaltende Qualität des Spielens und die lockere Korrektheit des Zugangs zur Musik machen das Leben eines Kritikers nicht leichter. Es ist schwer nicht zu wiederholen, was ich in meiner Rezension des ersten Konzerts geschrieben habe – und würde ich dieser Fortsetzung etwas anderes als die gleiche Sternebewertung geben, wäre das mehr als nur boshaft.

Die größte Freude dieser Aufführungen bleibt ihr Gespür für Gelassenheit, das Gefühl der besten Musiker, die – von ihrem Generalmusikdirektor entlockt – diese Werke genauso auch zu ihrem eigenen Vergnügen spielen: stellen Sie sich eine Schubertiade im großen Stil in einem für 600 Personen Platz bietenden State-of-the-art Saal vor. Wie schon zuvor bot Barenboim Interpretationen, die der Musik Gestalt verliehen ohne sie dabei schwerfällig werden zu lassen. Er offenbart in diesen Stücken das, was sie sind: vielleicht keine ausgereiften Meisterwerke, aber inspirierte Stücke eines jungen Genies, der Einflüsse (hauptsächlich von Mozart und Haydn) aufsog und diese in einem unverwechselbaren Schubertianischen Stil wiedergab.

Ebenfalls wie schon zuvor, wurden die Werke nicht in der numerischen Reihenfolge gespielt, die „Tragische” Vierte folgte der fröhlichen Fünften im ersten Teil. In der bescheiden besetzten Fünften vermisste ich zunächst die zusätzliche Klangfarbe der Klarinetten der Staatskapelle (die Symphonie ist auch die einzige, die ohne Trompeten und Pauken und nur mit einer Flöte besetzt ist), aber das Musizieren war trotzdem die reinste Freude. Die (tatsächlich besetzten) Holzbläser spielten mit einer unfehlbaren Eloquenz, während die Streicher im ersten Satz Linien mit höchster Eleganz phrasierten. Im Andante con moto wurde mit lyrischer Freizügigkeit musiziert, mit wunderbar spielenden Flöten und Oboen in den Mollstellen, und viel Elan im Menuett. Das Allegro vivace Finale mischte Haydnische Schlagfertigkeit mit unbekümmerter städtischer Virtuosität.

In der Fünften entfachte Barenboim vergängliche Momente des Sturm und Drangs, und betonte gleichzeitig die Leichtigkeit, die sich so sehr durch die Vierte zieht – man sollte nicht vergessen, dass Schubert die Bezeichnung „Tragisch” erst einige Zeit nach der Vollendung des Werkes hinzufügte. Die angespannte Einleitung war keineswegs zu unterspielt, genauso wenig die Schwerfälligkeit des restlichen ersten Satzes und des ernsten, strikten Menuetts, aber die Gemütshebungen wurden jedesmal mit einem breiten Lächeln aufgenommen. Das Andante blühte herrlich auf, die Holzbläser spielten wiederum außergewöhnlich, während das Finale beim Einsetzen der charakteristischen Schubert Wiederholungen ein unwiderstehliches, freudiges Momentum aufbaute.

Die Sechste Symphonie bereitete nach der Pause ebenso Vergnügen. In den Phrasierungen im Andante fiel mir ein singender Tonfall auf, der nur von Musikern kommen konnten, die sichtlich Freude hatten, an dem ungeheuren Schwung im Menuett und der unwiderstehlichen Leichtigkeit des fast Rossinischen Finales. Und die Darbietung dieser Symphonie half mir dabei zu formulieren, was dieses gesamte Konzert so erfreulich, so genießbar machte. Über die bloße Qualität des Spielens hinaus, waren es die kammermusikalisch gespielten Nebenfiguren – das motorische Dahintuckern, federnde synkopische Akkorde und lebhafte Gegensätze. Diese Aufmerksamkeit und Zuwendung der Musiker schien ausschlaggebend zu sein, um dieser Aufführung eine solch innere Lebhaftigkeit und Freude zu geben, mit den im Hintergrund so oft umherhuschenden und hüpfenden zweiten Violinen, die wohl die Helden des Abends waren.

Alles in allem war es ein weiteres Konzert, das sich lohnt in Erinnerung zu behalten.


Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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