Rossinis Semiramide ist ein Fixpunkt der italienischen Oper: sie gilt als letzte Barockoper und ist ein monumentales, komplexes Werk mit hinreißender, intensiver Musik. Die Duette sind die wahren Juwelen dieser Komposition - die Abschnitte, in denen sich das Drama entwickelt und die Figuren ihre widersprüchlichen und extremen Emotionen zum Ausdruck bringen, als sie in ihre dramatische Dreidimensionalität finden.

<i>Semiramide</i> © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Semiramide
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

David Aldens Neuinszenierung siedelt die Handlung in einer modernen, exemplarischen Diktatur im Mittleren Osten an, nicht im alten Babylon. Die Ikonographie erinnert den Zuschauer an Sowjetstaaten oder vielleicht Nordkorea, wenn der Persönlichkeitskult des toten Königs den Platz der Religion selbst einnimmt. Eine gigantische Statue des ermordeten Regenten ragt hoch im Tempel zwischen den Hohepriestern (magi) in muslimischen Roben und Turbanen auf. Die Oper wird so zu einer thematischen Reflexion über den Machtkampf zwischen den politischen und den religiösen Kasten. Ein großes Portrait des Königs mit Frau und Kind, das der amerikanischen First Family erschreckend ähnlich ist, hängt drohend über der Szene. Die moderne Produktion wird der unveränderten Handlung gerecht und die sehr ansprechenden Kostüme von Buki Shiff tragen zum starken visuellen Eindruck bei.

In Semiramide verlangt Rossini fast Unmögliches von seinen Sängern: unendlichen Atem, schnelle, knackige Koloraturen und gleichzeitig dramatische Interpretation extremer Gefühle. Um eine Inszenierung dieser Oper auf die Beine zu stellen, braucht man nichts weniger als vier der besten Sänger der Welt und einen intelligenten Dirigenten, der Rossini wirklich versteht. Die Bayerische Staatsoper hat genau das zusammengestellt.

Joyce DiDonato (Semiramide) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Joyce DiDonato (Semiramide)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Michele Mariotti holte aus dem Bayerischen Staatsorchester wahrlich authentischen Rossini’schen Geist mit der notwendigen Leichtigkeit und Intensivität heraus. Die Ouvertüre war bemerkenswert; perfekt in der Dynamik, mit einem verblüffenden Crescendo, und dem Hervorheben der verschiedenen Instrumente. Mariotti war unnachgiebig in seiner Unterstützung der Sänger, gezeichnet von konstantem gegenseitigem Verständnis sowie Einheit in der Zielgerichtetheit und der musikalischen Interpretation, was der Vorstellung eine umfassende Einheitlichkeit verlieh.

Joyce DiDonato gibt in dieser Inszenierung ihr Rollendebüt als Semiramide. Rossini hatte die Rolle ursprünglich für Isabella Colbran verfasst, eine Altistin mit großem Umfang, doch seit der Rossini-Renaissance wird sie immer wieder von Koloratursopranen gekapert. Heute klingt es merkwürdig, sie von einer Mezzosopranistin gesungen zu hören. DiDonatos Interpretation war äußerst dramatisch und eindringlich. Sie zeigte eine aufgewühlte, gebrochene Königin, deren altes Verbrechen (der Mord an ihrem Ehemann) ihr gesamtes Sein gezeichnet hat. Wider Erwarten hofft sie, dass ihr die Heirat mit dem jungen Krieger Arsace Lebensglück bringen wird, nur, um dann mitten in einen Freud’schen Alptraum geschleudert zu werden (Arsace entpuppt sich als ihr Sohn). DiDonatos Gesang war brillant, geprägt von wunderbarem Legato und funkelnden Koloraturen – alles Vorzüge einer wahren Belcanto-Künstlerin. Manche Spitzentöne mögen ein wenig gedehnt gewesen sein, doch generell war ihre Leistung atemberaubend.

Daniela Barcellona (Arsace) und Joyce DiDonato (Semiramide) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Daniela Barcellona (Arsace) und Joyce DiDonato (Semiramide)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Daniela Barcellona. hier in der Hosenrolle des Arsace, ist eine weitere Sängerin, die in Rossini das beste Medium findet, um ihren unglaublichen vokalen Qualitäten Ausdruck zu verleihen. Ihre Stimme ist nicht perfekt; manchmal fehlt ihr Ebenmäßigkeit und ihr Timbre kann sich über den Lagenbruch verändern, doch ihre Technik ist unfassbar. Jeder Ton ist gestützt, Koloraturen sind schnell und brillant, ihr Legato makellos und sie projiziert phantastisch: Die zweite Arie sang sie in einer Nische ganz am Ende der Bühne, und ihre Stimme trug als stünde sie direkt am Orchestergraben. Auf der Bühne ist Barcellona furchtlos. Ihr Vortrag ist voller Selbstvertrauen und absolut unwiderstehlichem Stolz. Die (kleinen) Unvollkommenheiten ihrer Stimme stehen gänzlich im Schatten ihres stimmlichen Könnens und ihrer dramatischen Interpretation.

Ein weiteres Rollendebüt, in der Rolle des Assur, machte Alex Esposito mit Bravour. Er ist ein wahrer Rossini-Sänger und war offensichtlich sehr gut auf die Rolle vorbereitet, sowohl aus stimmlicher als auch aus dramatischer Sicht. Seine Koloraturen waren noch beeindruckender als die der übrigen Besetzung; es ist so viel schwerer für einen Bass als für eine hohe Stimme, so präzise und schnell zu sein. Espositos Assur war ein Psychopath, dessen Leben genauso gezeichnet war von dem Verbrechen, das er mit Semiramide teilte, was eine andere, viel brutalere Neurose zum Ergebnis hatte. Stimmlich war er ein äußerst gebieterischer General, der jeden in Sichtweite mit wohlkalibriertem „Brüllen“ oder eindringlichem Flüstern in furchterregendem mezza voce einschüchterte.

Lawrence Brownlee (Idreno) und Galeano Salas (Mitrane) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Lawrence Brownlee (Idreno) und Galeano Salas (Mitrane)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Lawrence Brownlee, einer der führenden Rossini-Tenöre unserer Zeit, sang die Rolle des Idreno. Leider wurde seine erste Arie gestrichen, doch in der verbleibenden zeigte er eine wahrlich bemerkenswerte Vorstellung und sang sie mit einem skurrilen Bollywood-Tanz im Hintergrund. Sein verblüffendstes Merkmal ist, mit welcher Leichtigkeit, beinahe Nonchalance, er seine Koloraturen und Spitzentöne erklingen ließ. Die Cavatina zu Anfang klang so leicht, dass sie nahezu eine Anti-Klimax war, doch sie ist in Wirklichkeit teuflisch schwer und verlangt enormen Atem und ebensolche Agilität.

Elsa Benoit, Simone Alberghini und Galeano Salas vervollständigten die Besetzung; allesamt sehr gute Sänger, die zum verdienten Erfolg der Vorstellung beitrugen.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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