Das zweite Abonnementprogramm der Staatskapelle Berlin dieser Saison war denkwürdig in vielerlei Hinsicht. Primär wegen einer überragenden Interpretation von Schostakowitschs „Leningrad“-Symphonie, deren langer Weg von ironischem Halbdunkel zu zweideutigem Licht von Paavo Järvi mit absoluter Kontrolle gezeichnet wurde. Das Spiel der Staatskapelle blieb aufs Äußerste kultiviert und unerschüttert, trotz alledem, was Schostakowitsch ihr entgegenwarf – und über die 70-minütige Spieldauer der Symphonie, die den Komponisten auf der Spitze seines Einfallsreichtums, seiner Bissigkeit und seiner Wut zeit, ist das eine ziemliche Leistung.

Paavo Järvi © Ixi Chen
Paavo Järvi
© Ixi Chen

Järvi ist vielleicht genau die Art Dirigent, die man sich in diesem Stück wünscht, damit es nicht außer Kontrolle gerät. Er ist ruhig und besonnen auf dem Podium, sein Schlag oft unaufdringlich. Nur in den (ironischerweise) triumphalen letzten Minuten sah er so aus, als könnte er ins Schwitzen kommen. Seine klare, verständige Herangehensweise passt auch besonders gut zur Ironie des Komponisten, vor allem im ausgedehnten, Boléro-ähnlichen „Invasionsthema“ des ersten Satzes, das hier mit grimmiger Geduld aufgebaut wurde.

Vor einem kontrollierten Hintergrund traten die großen Momente wie der große, Mahler'sche Ausbruch im Adagio mit besonderer Kraft hervor. Die allmähliche Steigerung hin zur abschließenden Klimax des Finales war ebenfalls unwiderstehlich, während die Transparenz im Spiel der Staatskapelle half, die symphonische Logik des Werkes zu verdeutlichen. Die solistischen Beiträge waren herausragend, wobei erste Flötistin Claudia Stein besondere Erwähnung verdient, während gemeinschaftliche Streicherklang zu Beginn des Finales höchst eloquent war. Waren die Streicher gelegentlich vielleicht ein wenig zu kultiviert? Vielleicht, und diese Interpretation hätte vielleicht etwas mehr von dem russischen Biss haben können, den man in seinem inneren Ohr hört, doch man kann sich schwerlich eine musikalischere Lesart dieses großen symphonischen Gebäudes vorstellen.

Radu Lupus Spiel in der ersten Konzerthälfte fehlte es auch nicht an Musikalität, doch präsentierte es bei weitem kein so vollständiges Bild von Beethovens Drittem Klavierkonzert. Järvi und das Orchester hatten mit der Orchesterexposition des ersten Satzes einen starken Grundstein gelegt, der sowohl luftig als auch ausdrucksstark war, doch dann ging Lupus Solopart eigene Wege. Es gab viel Bewundernswertes in der Spontaneität, der unerwarteten Intonierung und dem Hauch wundervoller Lyrik. Selten habe ich beispielsweise die kräuselnden Oktaven, die die Durchführung des ersten Satzes abschließen, so getupft gehört, obwohl der arpeggiobegleitete Dialog zwischen Flöte und Fagott im Largo an einem Punkt Gefahr lief, ins Unhörbare zu verschwinden.

Lupus gedämpfter Ton, verstärkt von der Tatsache, dass anscheinend viel Brillanz und Strahlkraft aus dem Klavier herausgestimmt worden war, konnte durchaus verführerisch sein. Doch etwas fehlte – nennt man es nun Schwung, Elan oder (nach der Tempovorgabe des ersten Satzes) brio. Die Kadenz des ersten Satzes zottelte etwas zu freundlich dahin und generell kam zu viel von dem, was robust sein musste, eher zaghaft daher.

Auch auf technischer Seite gab es leider zu viele Kanten und genuschelte Passagen, besonders in der virtuoseren Musik des letzten Satzes, und ich bin mir nicht sicher, ob das dem Pianisten angeborene musikalische Können und sein Einfühlungsvermögen diesen Eindruck mildern konnten. Ich hoffe, er hatte nur einen schlechten Tag und fängt sich für die Wiederholung des Konzertes im Konzerthaus.


Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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