Euer Ehren, ich verstehe Ihre Zweifel an meiner Aussage, was letzte Nacht passiert ist. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich ein respektabler Kritiker und angesehener Mann bin, also hören Sie bitte, was ich zu sagen habe. Ich kam wie sonst auch beim Royal Opera House an, machte es mir auf meinem Sitz bequem und – können Sie es glauben – die Oper war weg! Angeblich wurde sie später auf der Mall gesichtet, wo sie vorgab der Prince of Wales zu sein, aber das ist eine andere Geschichte...

Martin Winkler (Platon Kuzmich Kovalyov) © ROH | Bill Cooper
Martin Winkler (Platon Kuzmich Kovalyov)
© ROH | Bill Cooper

Nun, es muss ein Schock für Mr Beard und diese netten Leute an der Royal Opera gewesen sein, aber sie waren schnell darin, einen Ersatz in Form eines Varietétheaters zu finden, das von diesem australischen Herren, Mr Costly, geleitet wurde. Sie alle waren sehr begabt im Herumalbern und Tanzen und Keystone Kops flitzten auf der Bühne herum. Es war eine alberne Geschichte über einen Mann, der seine Nase verloren hatte, und es ging soweit, dass elf gigantische Nasen in einer Chorus Line stepptanzten. Die Anführernase, wie sich herausstellte, war ein junger Kerl namens Ilan.

Eine Chorus Line stepptanzender Nasen © ROH | Bill Cooper
Eine Chorus Line stepptanzender Nasen
© ROH | Bill Cooper

Der Großteil der Handlung spielte an einem kleinen Tisch in der Mitte der Bühne, genau genommen mit einem Bett darauf. Nun ja, es war kein kleiner Tisch: wenn man nicht hinsah, wandelte er sich zu einem riesigen Tisch, und dann wieder in viele kleine Tische, die auf Fahrrädern herumfuhren. Ich habe noch nie etwas Derartiges gesehen, Euer Ehren! Und es gab einfach Dutzende Charaktere – 77 sagte jemand – wie Mr Costly es schaffte den Überblick zu behalten, bleibt mir ein Rätsel.

<i>Die Nase</i> © ROH | Bill Cooper
Die Nase
© ROH | Bill Cooper

Er lebt in Deutschland, also musste er anscheinend seinen eigenen Mann für die Musik mitnehmen, einen gewissen Mr Meatmaker. Und das ist der merkwürdigste Teil der Geschichte: Sie können nicht glauben, wozu Mr Meatmaker diese Musiker anstiftete. Ich habe noch nie ein solches Durcheinander an Fagotten und Klarinetten, Zugposaunen und Trompeten gehört, die Rülpser und Fürze, Zirkus-Trommelwirbel und Nieser von sich gaben (nun ja, das Ganze sollte doch auch von einer Nase handeln). Anscheinend war nichts davon Mr Meatmakers Idee: sondern die Schuld eines 20 Jahre alten russischen Kindes namens Dmitri. Dieser Dmitri musste als Teenager ganz schön anstrengend gewesen sein, denn immer glaubt man, dass er sarkastisch ist. Aber er weiß offensichtlich wie man gute Musik schreibt, denn es gab einen wunderbaren Chor in der Kathedrale und einige nette Tänze: einen Moment lang dachte ich, dass die echte Oper vielleicht zurückgekommen sei, als wir kurz wegschauten, aber nein, das Verrückte ging von vorne los.

John Tomlinson (Ivan Iakovlevitch) und Martin Winkler (Platon Kuzmich Kovalyov) © ROH | Bill Cooper
John Tomlinson (Ivan Iakovlevitch) und Martin Winkler (Platon Kuzmich Kovalyov)
© ROH | Bill Cooper

Die Hauptfigur, die die ihre Nase verlor, war ein Mr Winkler, und dieser Winkler holte alle möglichen Dinge aus seiner Stimme heraus – er nieste und furzte beinahe fast so oft wie die Posaunen! Aber er hat eine wunderbare, volle Stimme und wir fühlten alle mit ihm mit als sein Zorn über seine verschwundene Nase verblasste und er in eine tiefe Traurigkeit verfiel. Selbst als die Uhrennase um sein Bett herumlief während er schlief. Und sie mussten einen Sänger aus der echten Oper entführt haben, Mr Tomlinson, denn ich würde seine Stimme überall erkennen – er war zum Schreien komisch zu Beginn, als er sich als betrunkener Coiffeur mit Miss Aldridge stritt, eine wirklich furchtbare Ehefrau. Meine Frau würde nie so mit mir sprechen, Euer Ehren, selbst wenn sie beim Brotbacken überall das Mehl verschüttet und ich sie deswegen ärgere.

Aber Euer Ehren, ich muss Ihnen Folgendes gestehen, denn ich traue es mir nicht gegenüber Mr Beard und Mr Holten zuzugeben. Es würde mich nicht stören, wenn sie die Lösegeldforderung noch nicht gleich bezahlten und Mr Costly eine Weile länger behielten – ich hatte dort seit Jahren nicht mehr so viel Spaß!

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz

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