Valentin Schwarz' Bayreuth-Inszenierung von Wagners Ring als epische Tragödie einer Großfamilie ist nach wie vor faszinierend und kann sich in Bezug auf die innere Logik und die einfühlsame Entwicklung der Charaktere bisher gut behaupten. Einer der interessantesten Aspekte ist das Spiel mit unseren Erwartungen und unserem Wissen über die ursprüngliche Handlung, so dass wir uns ständig fragen, wie dieses oder jenes Element des Librettos in diesem Kontext inszeniert werden kann. Obwohl die Website des Festivals hilfreiche Podcasts von Mitgliedern der Besetzung anbietet, die die abgeänderte Handlung erzählen, ergibt sich vieles nur durch aufmerksame Beobachtung der Details – oder so weit man das von 25 Reihen entfernt kann.

Andreas Schager (Siegfried), Igor Schwab (Grane) und Daniela Köhler (Brünnhilde)
© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath

Im ersten Akt von Siegfried hat Mime die verlassene „Hütte” von Hunding übernommen und sie wenigstens repariert und die Elektrik in Ordnung gebracht. Er scheint ein ziemlich zwielichtiger Kinderanimateur zu sein und bereitet sich auf Siegfrieds Geburtstagsfeier vor. Unser angehender Held kommt jedoch betrunken nach Hause und zerstört kurzerhand die Spielzeugwaffe, die Mime ihm als Geschenk eingepackt hat. Aber Mime, der mit Krücken und Treppenlift seine Gebrechlichkeit vortäuscht, hat den Jungen gut auf seine alltäglichen Bedürfnisse vorbereitet. Kaum ist Siegfried wieder ausgegangen, taucht Wotan wie ein vernachlässigender Vater auf, um sein eigenes Geburtstagsgeschenk zu überbringen (getragen von seinen beiden Schwergewichten, die vermutlich seine Raben repräsentieren) - Siegfrieds blonde Locken, die mit denen von Wotan übereinstimmen, scheinen die beim letzten Mal aufgeworfene Vaterschaftsfrage zu beantworten (was, so nimmt man an, Brünnhilde nun eher zu seiner Halbschwester als zu seiner Tante macht). Das Geschenkkästchen enthält eine neue Krücke, in der eine Klinge (endlich Nothung) versteckt ist, die Siegfried später zu seiner Zufriedenheit schärft. Sein Schmiedelied begleitet das Zerschmettern seiner Umgebung, die Hammerschläge die Zusammenstöße der Waffe mit allem, was in Reichweite ist.

Arnold Bezuyen (Mime)
© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath

Fafner scheint der wahre Patriarch der Familie zu sein, der in einem Zimmer des Familiensitzes auf dem Sterbebett liegt und von dem jungen Hagen, niemand Geringerem als dem inzwischen erwachsenen entführten Jungen aus Rheingold, und einer Amme, die sich als Waldvogel entpuppt, gepflegt wird. Eine nicht gezeigte Musikstunde (die Sache mit dem Rohr) begleitet Siegfrieds vergeblichen ersten Versuch, einen Annäherungsversuch zu machen, und sein Hornruf findet eine Parallele in seiner Prahlerei im Schwertkampf. Anstatt seine Waffe absichtlich gegen Fafner einzusetzen, wird er durch sein Eingreifen lediglich so aufgewühlt, dass er ihn zu Boden stößt und der Tod durch einen Herzinfarkt zufällig erscheint. Aber je mehr Alkohol er trinkt, desto besser versteht er sowohl den Waldvogel als auch Mime (was erklärt, warum letzterer sein Gift im ersten Akt nicht zu kochen braucht), und er hat keine Skrupel, seinen Adoptivvater mit seiner Klinge zu töten. Der Waldvogel weiß genau, wo das Familienerbstück zu finden ist, nämlich in Fafners Manteltasche, und endlich haben wir einen Ring oder zumindest einen juwelenbesetzten Schlagring - den Siegfried, der seinen Wert nicht erkennt, prompt an Hagen weitergibt... Die gelbe Baseballmütze des Jungen aus dem Rheingold, die vermutlich den Tarnhelm repräsentiert und sich unterdessen in den Händen von Mime befunden hat, wird verführerisch auf dem Boden liegen gelassen, während uns Schwarz weiterhin neugierig macht.

Daniela Köhler (Brünnhilde)
© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath

Erda ist jetzt eine Herumtreiberin, die sich immer noch um das Kind kümmert, das sie am Ende von Rheingold gerettet hat und das Wotan/der Wanderer zunächst für seine ehemalige Geliebte hält. Siegfried und Hagen haben sich inzwischen angefreundet, und beide entwaffnen ihn mit Leichtigkeit seines Revolvers. Brünnhilde, die nicht etwa eingeschläfert, sondern zu einem Facelifting geschickt wurde, ist bereits wieder auf den Beinen, als Siegfried ihr begegnet (angesichts der zahlreichen Anspielungen auf TV-Soaps ist die Idee eines Rollenwechsels, der durch plastische Chirurgie „erklärt” wird, wohl beabsichtigt). Zwischen Siegfried und Brünnhildes Gefährten Grane kommt es zu einem interessanten Streit, aber der möglicherweise bedeutendere Moment ist, als sich Hagen, der bereits von seinem neuen Freund verlassen wurde, (mit dem Ring) davonschleicht und nun vermutlich einen Groll gegen Siegfried hegt. Brünnhilde holt immerhin die Kappe/den Tarnhelm zurück…

Alexandra Steiner (Waldvogel), Andreas Schager, Arnold Bezuyen und Branko Buchberger (Junger Hagen)
© Bayreuther Festspiele | Enrico Nawrath

Musikalisch war eine weitere starke Leistung. Andreas Schager war wie immer unermüdlich in der Titelrolle, auch wenn er nur selten leiser als Fortissimo sang. Arnold Bezuyens Mime erwies sich im Kampf der Tenöre im ersten Akt als guter Kontrast, indem er einen gerissenen Charakter ohne stimmliche Karikatur darstellte. Nach Iréne Theorins wenig inspirierender Walküre-Brünnhilde „wachte” unsere Heldin als Daniela Köhler auf, eine insgesamt stimmlich sicherere Vorstellung. Tomasz Konieczny (Wanderer), Olafur Sigurdarson (Alberich), Wilhelm Schwinghammer (Fafner) und Okka von der Damerau (Erda) knüpften an den Erfolg ihrer früheren Beiträge zu diesem Zyklus an, und Alexandra Steiner verlieh der Rolle des Waldvogels eine erfrischende Stimme. Cornelius Meister und das Bayreuther Festspielorchester beeindruckten einmal mehr durch die Kraft, Schönheit und Flexibilität ihres Musizierens.

Die Herausforderung, 15 Stunden Musikdrama auf einen Schlag zu inszenieren, anstatt die vier Teile über mehrere Spielzeiten zu verteilen, gibt es nicht nur in Bayreuth (tatsächlich macht die Staatsoper Berlin diesen Herbst genau das Gleiche), aber es bleibt ein Risiko, und ein paar unsaubere Momente in der dramatischen Präsentation dieser Aufführung zeigten die begrenzte Probenzeit und Vorbereitung, die man sicherlich mit der Zeit überwinden wird.


Ins Deutsche übersetzt von Elisabeth Schwarz.

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