Das Wiener Staatsopernorchester hält von Natur aus selten an sich. Mit einer großen, packenden Partitur und einem Dirigenten, der ordentlich schiebt, besteht immer die Gefahr, dass die Dinge wirklich laut werden und die Sänger an einem schlechten Abend völlig überrollen. Die Premiere des neuen Trovatore der Staatsoper war kein schlechter Abend. 

Roberto Alagna (Manrico) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Roberto Alagna (Manrico)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Verdis Musik ist randvoll mit treibenden, packenden, nachdrücklichen Rhythmen, und Marco Armiliato, der auswendig dirigierte, strebte danach, aus jedem Akzent vollen Effekt zu ziehen. Der Orchesterklang war konstant aufregend und, ja, laut. Doch bei einer Gruppe von Sängern mit enormen Stimmen lief keiner davon Gefahr, übertönt zu werden.

Ludovic Tézier (Conte di Luna) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Ludovic Tézier (Conte di Luna)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Ungeachtet der Starkombination von Roberto Alagna und Anna Netrebko war die Leistung, die mich an diesem Abend am meisten beeindruckte, die Ludovic Téziers als Conte di Luna. Seine Technik und Intonation waren makellos, seine Stimme stark, melodiös und von einer Fülle, die Samt und Stahl vereinte: in einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit, ist das ein Mann, den Leonora geliebt haben könnte.

Die Erwartungen an Netrebko sind dieser Tage hoch, aber sie erfüllte jede einzelne. Was die Rolle der Leonora so schwierig macht ist die geforderte Breite an Stimmtypen: eine romantische Arie wie „Tacea la notte placida“ verlangt ausgedehntes Legato, doch ihr folgt unmittelbar eine Cabaletta voller rapider Koloraturen, und das Miserere erfordert wiederholt forsche Akzente in tiefster Lage. Netrebko meisterte jede dieser Herausforderungen scheinbar mit Leichtigkeit: ihre Koloraturen funkelten; ihr Legato tauchte den Hörer in der Schönheit ihres Timbres. „D’amour sull’ali rosee“, mit dem Leonora dem gefangenen Manrico Trost zu spenden sucht, war der Höhepunkt des Abends, zeigte Netrebkos Stimme in reinster Gestalt und unterbrach den Fluss für langen Applaus.

Anna Netrebko (Leonora) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Anna Netrebko (Leonora)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Roberto Alagna verpasste die Premiere um ein Haar wegen einer Erkältung und benötigte die Unterstützung eines Flachmanns mit (vermutlich) Wasser, um die Spitzentöne in „Di quella pira“ zu überstehen. Abgesehen davon, dass diese hohen Töne etwas verhalten waren, hätte man kein Problem vermutet. Alagna portraitierte Manrico zuerst als Musiker und an zweite Stelle als Krieger: seine Stimme besaß eine ansprechende Leichtigkeit, als er den weichen Konturen von Verdis Melodien folgte. Puristen mögen das viele Portamento kritisieren, doch das ist Beckmesserei: Alagna demonstrierte zu Genüge, warum seine Stimme als romantischer Held so packend ist.

Die größte Stimme der vier Protagonisten mochte gut und gerne die Luciana D’Intinos gewesen sein. Das Orchester brannte in Azucenas „Stride la vampa“, doch D’Intino setzte sich gegen dessen vereinte Kräfte durch und packte das Publikum beim Kragen. Mein einziger Kritikpunkt war ihre Tendenz, die kräftigsten Spitzentöne ein wenig zu hoch anzusetzen. Einen fliegenden Start legte Jongmin Park in „Di due figli“ hin, indem auch das Können des Chores offensichtlich wurde.

Roberto Alagna (Manrico) und Anna Netrebko (Leonora) © Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn
Roberto Alagna (Manrico) und Anna Netrebko (Leonora)
© Wiener Staatsoper GmbH | Michael Pöhn

Daniele Abbados Inszenierung, angesiedelt im Spanischen Bürgerkrieg der 1930er, ist direkt und stilvoll. Graziano Gregori teilt die Bühne in zwei Hälften: In der vorderen verbleibt ein einziges Bühnenbild voller Säulen und Balkons die ganze Vorstellung hindurch. Eine große Jalousie verdeckt die hintere Hälfte während Szenenwechseln und bietet den Sängern clever akustische Unterstützung – als Netrebko sich umdrehte und mit dem Rücken zum Publikum sang, während sie zum eingekerkerten Manrico emporblickte, bemerkte man kaum eine Veränderung in der Lautstärke. Die hintere Hälfte der Bühne zeigt eine Vielfalt von Treppen, Kircheneingängen und weiteren Elementen.

Bühnenmitte: Luciana D'Intino (Azucena) © Wiener Staatsoper | Michael Pöhn
Bühnenmitte: Luciana D'Intino (Azucena)
© Wiener Staatsoper | Michael Pöhn

Abbado versucht nicht, hier eine andere, eigene Geschichte zu erzählen; er bietet vielmehr visuelles Hintergrundmaterial, während die Sängern allzeit im Mittelpunkt stehen – er vergisst zu keinem Zeitpunkt, dass Il trovatore im Prinzip eine Oper über deren Beweggründe und Stimmungen ist. Das Schauspiel der Protagonisten ist glaubhaft, ohne übertrieben zu sein. Die sich im Hintergrund abspielenden Geschehnisse sind passend: Die Rebellen holen Waffen, die in verschiedenen Ecken ihrer Kirche versteckt sind; die Nonnen bereiten die Statue des toten Christus vor, die Leonora als Teil ihrer Initiation des Konvents küssen wird; beide Seiten des Konfliktes behaupten, dass Gott und Christus auf ihrer Seite sind. Am Ende des zweiten Aktes wird das Auftreten von Manricos Männern, um di Luna zu entwaffnen, mit starkem dramatischen Effekt gehandhabt vermittels eines großen Standbildes, in dem das grandiose Trio den Akt beschließt.

Mit einer enorm virtuosen Orchesterleistung, einer verständnisvollen Produktion und einer hervorragenden Besetzung setzte dieser Abend den Maßstab, an dem ich zukünftige Verdi-Inszenierungen messen werde.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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