Entfliehen Sie, meine Damen und Herren, ihrem grauen, eintönigen Leben, und tauschen Sie es ein für etwas Sonne und Dolce Vita aus dem Italien der 1950er, in dem alle Farben leuchten, alle Menschen (naja, so gut wie alle) schön sind, und Selim, der Türke in Italien, den essentiellen Hauch Exotismus beisteuert. Ihre Reiseleiter, mit einem freundlichen Wink an Signor Federico Fellini, werden Patrice Caurier und Moshe Leiser sein; erbauliche musikalische Begleitung kommt von Signor Crescendo selbst. Eine erfreuliche Reise ist allen garantiert.

Nun ja, so gut wie allen. Wenn Sie Schwierigkeiten haben, Geschlechts- und Rassenstereotypen des 19. Jahrhunderts zu akzeptieren, weder Slapstick noch Frivolitäten mögen oder davon überzeugt sind, dass Oper überaus spannungsgeladen oder ein hochkulturelles Erlebnis sein und die Musik ganz deutlich anders als die in Sr. Rossinis opere buffe sein soll, würden wir ein anderes unserer Angebote empfehlen. Alle anderen allerdings sollten weiterlesen...

Aleksandra Kurzak sang eine sensationelle Fiorilla. Sie besitzt zum einen den Vorteil einer Stimme, die schön und lieblich ist und einiges an Kraft transportiert, doch was am meisten beeindruckt ist die Art und Weise, wie sie die Verzierungen formt: Man hört keinen virtuosen Tonschwall, sondern eine wunderbar gearbeitete Arabeske – und all das, während sie verschiedenste Slapstick-Possen reißt und ihre Rolle mit viel Elan(und ordentlich schlechtem Schauspiel, aber das ist in dieser Oper angebracht) gibt. Seit ich sie 2010 in der gleichen Produktion gesehen habe, als sie noch recht neu in der Szene war, ist Kurzak immer besser geworden.

Die strahlende junge Sängerin in dieser Produktion ist Rachel Kelly als Zaida (die schlecht behandelte „andere Frau“, die am Ende den Kerl bekommt). Kelly kann mit Kurzaks Leistungsniveau nicht mithalten – noch nicht, zumindest – aber man kann die wichtigen Dinge sehen: ihr Timbre ist schön, die Phrasierung gut, und das Zusammenspiel mit den anderen Sängern lobenswert. Und es schadete auch nicht, dass sie, Kurzak und der Adonis Ildebrando D'Arcangelo als Selim allesamt blendend aussahen, teils dank Agostino Cavalcas Kostümen.

Der Rest der Besetzung sang auf einem Niveau, bei dem selbst diejenigen, die diese Oper nicht mögen, nichtsdestotrotz in Betracht gezogen hätten. Alessandro Corbellis Geronio war ein kleiner, runder Spaßvogel und Kontrast zu D'Arcangelos lyrischer Stimme. Zusammen mit Barry Banks klarem Timbre in der Rolle des Narciso und dem genialen Thomas Allen als Dichter Prosdocimo (ein Running Gag ist, dass man ihn als Zuschauer dabei beobachtet, wie er die Oper schreibt, wenn sie sich vor unseren Augen ereignet) gaben sie eine Reihe buffo-Nummern in freudigem Galopp.

Auch das Schauspiel war durchweg ausgezeichnet. Die Geschichte von Il turco in Italia ist eine sehr, sehr alberne, und Caurier und Leiser entschieden sich für den einfachen Weg, sie mit visuellen Späßen zu überschütten, und die Sänger schenken dieser Vorstellung genug Slapstick und Begeisterung, um Spaß zu haben, ohne die Dinge jedoch zu sehr aufzuspielen. Ich kann sagen, dass diese komischen Momente auch beim zweiten Besuch nichts von ihrer Wirkung verloren haben und ein breites Lächeln meinerseits zur Folge hatten. All diejenigen, die die Vorstellung schon gesehen haben, möchte ich nur an folgendes erinnern (ohne für diejenigen, die sie noch nicht besucht haben, zu viel zu verraten): die Szene, in der die Touristen von den Zigeunern ausgenommen werden, Geronios Schüssel voll Nudeln, und die gigantische Pizza und Chianti-Flasche am Ende.

Für mich aber war der wahre Star des Abends Dirigent Evelino Pidò, der uns allen zeigte, die man Rossini spielen sollte: leicht, locker und fröhlich, das Orchester immer in absoluter Balance mit den Stimmen, die Crescendi am Anfang immer leise genug, damit eine gute Form genau die richtige Lautstärke brachte, die Beziehung von Melodie und Begleitung unter Zeit genommen, um den Eindruck zu erwecken, dass die Musik beständig an Geschwindigkeit aufnimmt. Und in den Passagen, in denen Rossini für einen Moment die Tempo-Zügel locker lässt und stattdessen in eine Scheinklage verfällt, konnte die Interpretation wirklich berührend sein.

Ich schätze, es gibt Menschen, die die ganze Oper etwas zu simpel finden, aber was mich betrifft, war ich glücklich mit ein paar Stunden wirklichkeitsfernem Spaß. Und ich kann mir Il turco in Italia nicht besser musiziert, gesungen und gespielt vorstellen, die ich ihn gestern Abend gehört habe.

 

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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