Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Hauses nimmt sich das Theater an der Wien Brecht und Weills „Schauspiel mit Musik“ an, ein interessanter Entschluss, der an alle Beteiligte ganz besondere Anforderungen stellt. Die größte davon ist die Besetzung – obwohl es ein selbsternanntes Theaterstück ist, kann ein Haus wie das TAW die Bedeutung hochkarätiger Sänger kaum vernachlässigen. Wie erwartet ist die Gesangsbesetzung ein Who is who der Welt der klassischen Stimme. Als Reverenz zur Theaterwelt wurde Tobias Moretti, der menschliche Protagonist in der langjährigen Wiener TV-Serie Kommissar Rex, für die Rolle des Mackie Messer verpflichtet.

Wenn man ausgebildete Opernsänger schauspielern und Schauspieler in einem bekannten Opernhaus singen lässt, befindet sich jeder außerhalb seines Wohlfühlbereiches, was nicht unbedingt schlecht ist. Werke von Brecht und Weill allerdings fallen in ihre ganz eine Gattungsschublade – weder Musical noch Oper noch traditionelles Theater – und das Gewicht, Weill in einer Welt zu zeigen, in der jeder Aufnahmen von Lotte Lenya gehört und Mutter Courage und ihre Kinder gesehen hat, ist beängstigend. Zudem hat wirklich jeder eine Meinung dazu, wie sie sein sollten, sowohl theatralisch als auch in puncto Klang. Daher wird das Experiment des Theater an der Wien wahrscheinlich nicht überwältigend positiv aufgenommen, doch ich kann den Versuch nur loben.

Die Produktion von Keith Warner und John Lloyd Davis folgt dem Prinzip, dass gesprochene Texte einen sehr „realen“ Ort bewohnen, und dass die Lieder „Schau“ sind. Boris Kudlickas beeindruckendes Bühnenbild bietet eine rotierende Metallstruktur, die Örtlichkeiten wie Macheaths und Pollys Wohnung (mit fließendem Wasser), das Familienbüro und Heim der Peachums und, in Hommage zu Brechts Verfremdungseffekt, eine Vielzahl Bühnen, Käfige und Bilder innerhalb des Bühnenbildes enthüllt. Diese Dichotomie zwischen wirklich und Schau ist in der eröffnenden Ensemble-Nummer besonders wirkungsvoll, in der Macheath einen Vorhang auf der Bühne vorzieht, und im Zickenkrieg zwischen Polly (Nina Bernsteiner) und Lucy Brown (Gan-ya Ben-gur Akselrod), in dem beide Damen viktorianische Gewänder und Perücken tragen und sie sich dann gegenseitig vom Leib reißen.

Was durchweg weniger konsistent funktionierte war die Umsetzung der Figuren. Obwohl gewisse Künstler eine Figur für ihre Rolle schufen, die sehr gut passte – Florian Boesch gab einen verschlagenen und sehr überzeugenden Peachum, und Angelika Kirchschlager war gleichermaßen denkwürdig als seine alkoholgetränkte, pinkhaarige Frau und Komplizin, andere Charakterisierungen schienen weniger fokussiert. Nina Bernsteiner verfügt über eine spektakuläre Bandbreite an Vokalstilen, sang jedoch alles lyrisch und klassisch. Da sie ebenso unschuldig in Kleidung der 1940er gehüllt (Kaspar Glarner) und mit Teddybär ausgestattet war, vermute ich, das war eine Entscheidung der Regie. Trotz einiger wunderbar komischer Momente und einer energiegeladenen Vorstellung wurde die Herzlosigkeit ihrer Figur, die es ihrem Ehemann nicht gestattet, zu hängen, sondern in eigentlich an den Galgen schickt, während sie ihm die Firma unter den Fingern stiehlt, wurde sowohl von ihrem Kostüm als auch ihrem Gesangsstil schwerwiegend untergraben.

Auch unser Anti-Held, der niederträchtige Macheath, schien ein eher zahnloser Hai. Morettis Porträt eines Mannes, dessen Taten ganz London sich unter der Bettdecke verstecken lässt, war blass. Anstelle einer Figur von purem Übel, gefangen in ihrem eigenen Netz, empfand man am Ende Mitleid für einen Mann, der, wenn nicht unschuldig, dann zumindest relativ harmlos scheint. Seinen gesungenen Nummern fehlte es an Schneid, doch er besitzt eine gute Stimme. Er klang in dieser (dritten) Vorstellung am besten, als er kopfüber in seiner Gefängniszelle hing; man kann also hoffen, dass er zupackt, loslässt und im Laufe dieser Rolle neue Tiefe und Ausdrucksstärke findet.

Mich verwirrte Markus Butters Darstellung von Polizeichef Brown, die wie eine Parodie schien und eine merkwürdige Abweichung von dem, was die übrige Besetzung tat. Anne-Sofie von Otter die Spelunken-Jenny spielen zu lassen, war interessant. Sie ging in ihrem Salomon-Song ein beträchtliches Risiko ein, was man ihr anrechnen muss, doch der Tango-Ballade zwischen ihr und Macheath im zweiten Akt fehlte jeder Funke von Chemie, als sie Macheath überragte und er sich zu fürchten schien, sie zu berühren. Der Arnold Schoenberg Chor unter Erwin Ortner klang fabelhaft, dankenswerterweise weillesk, und gab dem letzten Akt den dringend notwendigen Schuss Adrenalin.

 

Generell hätte ich eine Lesart der Dreigroschenoper bevorzugt, die von allem mehr hatte: beträchtlich mehr dunkel, mehr sexy, mehr roh, und so schien es Warners hochglanzpoliertes Porträt von London und seinen Einwohnern an Biss. Doch bei Brecht und Weill hat jeder eine Meinung.



Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck.

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