Zwei Frauen, zwei Welten – gegensätzlich präsentiert in einem einzigen, mehrstöckigen Bühnenbild. Eine der Welten ist das makellose, weiße Deck eines Schiffes der 1960er Jahre auf dem Weg nach Brasilien, und darunter, wo sonst der Schiffsrumpf sein könnte, befindet sich die graue, trostlose Welt von Auschwitz. Die erste ist Schauplatz von Lisa und Walters „zweiten Flitterwochen“, ein idealistisches und steriles Szenario, geschmückt mit Anzügen und Tänzern, in dem ihr Versuch, ihrer Schuld aus der NS-Zeit zu entfliehen, vom Erscheinen einer Frau vereitelt wird, die Lisa aus ihrer Zeit als SS-Offizier in Auschwitz wiedererkennt. Das zweite, sehr viel realistischere Bild dient zunächst der Darstellung von Lisas Geschichte. Doch im weiteren Verlauf von Mieczyslaw Weinbergs Oper Die Passagierin ändert sich der Fokus von Lisa hin zu den Frauen in den Lagern; von denen, die ihre Vergangenheit zu vergessen suchen hin zu den Helden, die nicht vergessen werden können.

Da sie jahrzehntelang zurückgehalten wurde, erfuhr die Oper ihre Uraufführung erst in David Pountneys Inszenierung im Jahre 2010 – 14 Jahre nach Weinbergs Tod. Im Programmheft beschreibt Pountney, wie er den Librettisten Alexander Medwedjew getroffen hat, und wie dieser ihm detailreich von der Vorstellung einer steilen Treppe berichtete, die vom Ozeandampfer in die Hölle von Auschwitz führen soll. Johan Engels' Bühnenbild setzt Medwedjews Konzept genau um: ein zweistöckiges Schiff, das aus einem Konzentrationslager hervorragt, mit beweglichen Bildern wie einer Reihe Schlaflager, die auf quietschenden Schienen hinausgeschoben wurde. Marie-Jeanne Leccas Kostüme sind erschreckend eindrücklich: weiße Jacketts und lange Kleider bildeten einen starken Kontrast zu den braunen Fetzen und rasierten Köpfen der Auschwitz-Gefangenen. Fabrice Kebours Beleuchtungskonzept beinhaltet Scheinwerfer, bedient von Männern in Helmen, die als ominöse Wachposten fungierten und einen furchterregenden Eindruck machten.

So überwältigend diese Oper anzusehen ist, so überwältigend war sie anzuhören: Michelle Breedt versah beide Lisas mit einer großen Bandbreite an Klang und Emotion. Die ältere Lisa, die auf das Geschehene zurückblickt, war kein zweidimensionaler Verbrecher, sondern eine eher eine Frau, die mit sich hadert, und die sich danach sehnt, positiv in die Zukunft zu blicken - trotz ihrer unfassbaren Taten in der Vergangenheit, ob derer sie wiederholt schockiert von sich selbst schien. Die zweiundzwanzigjährige Lisa hingegen war noch unreif und unsicher, selbst, als sie den Befehl gab, Gefangene zu töten. Im hier und jetzt ist Lisas Ehemann Walter, überzeugend gesungen von Joseph Kaiser, genauso unreif. Er jammert über seine Karrierepläne, die gefährdet würden, wenn die polnische Passagierin Lisas wahre Identität enthüllte. Diese Passagierin, deren eigene Identität nie preisgegeben wird, wandert still über das Deck, mit einem weißen Schleier vor dem Gesicht.

Die Gefangene, die Lisa so beeindruckt, hieß in Auschwitz Martha und wurde hochemotional und eindrucksvoll von Melody Moore gesungen. Textpassagen wie „Every prisoner is a human being“ sang sie mit solcher Kraft und solchem Tiefgang, dass ich unheimlich berührt war. Katja, eine weitere Gefangene, wurde von Kelly Kaduce herzzerreißend dargestellt, vor allem in ihrer Darbietung des russischen Volksliedes. Auch Morgan Smiths Tadeusz (Marthas Verlobter) war wunderschön gesungen, und die Musik selbst war brillant. Es ist allerdings eine Tragödie wenn man sich vorstellt, wie viele Ohren diese Oper hätte erreichen können in den 40 Jahren, die sie zurückgehalten wurde.

Dirigent Patrick Summers leitete das Houston Grand Opera Orchestra mit einzigartig leidenschaftlicher Bestimmtheit durch Weinbergs Partitur, stand während Walters und Lisas Gespräch auf Zehenspitzen, und ließ sich dann auf glühenden Violinmelodien – unserer einzigen Atempause in der brutalen Lager-Szene – treiben. In die Orchestermusik wurden grobe Aufnahmen eingespielt: ein Walzer dröhnte über die Lautsprecher im KZ, derselbe Walzer klang später auf dem Schiff an, und eine undeutliche, körperlose Stimme rief die Gefangenennummern auf Deutsch aus. Trotz der erschütternden Geschichte, die sich um sie herum ereignete, war die Klanglandschaft erstaunlich unbeständig. Das Orchester summte zum Treffen zweier Nazi-Wachen, ließ die Töne in einem Schlagwerg-Zwischenspiel à la Schostakowitsch nur so auf uns einprasseln, und tanzte umher, ganz wie die Figuren an Bord des Schiffes.

Der einzige Makel an dieser sonst außergewöhnlich denkwürdigen Inszenierung war gelegentlich sehr klischeehafte Passagen, was aber daher rühren könnte, dass das Libretto für diese Vorstellungen ins Englische übersetzt worden war. Unbeholfene Zeilen der Nazis wie „Human extermination is a science“ oder von Tadeusz und Martha wie „Our love is eternal, but it burns forever“ waren etwas ermüdend. Das Ende aber versöhnte mit jedwedem Kitsch. Ohne jemals etwas über Marthas oder Lisas Schicksal zu erfahren, bleibt das Publikum mit den traumgleichen Bildern beider Frauen zurück, die zur Zerstörung von Auschwitz zurückkehren - alles ist Frieden und alles ist still - und mit Marthas Versprechen an ihre Mitgefangenen, sie niemals zu vergessen.

Aus dem Englischen übertragen von Hedy Mühleck

****1