Alban Bergs Wozzeck ist mit Erinnerungen an den Krieg gefüllt. Als der Komponist 1915 eingezogen wurde, um mit dem österreichen Regiment zu kämpfen, verzögerte sich zwar die Arbeit an der Oper, aber er blieb besessen von ihrer Fertigstellung. Der „schnarchende Chor” ist nur eine Anspielung auf Bergs Erlebnissen an der Front und, in einem Brief an seine Frau, beschrieb er Wozzeck als teilweise auf ihn selbst basierend: „Steckt doch auch ein Stück von mir in seiner Figur, seit ich ebenso abhängig von verhassten Menschen, gebunden, kränklich, unfrei, resigniert, ja gedemütigt, diese Kriegsjahre verbringe.”

Matthias Goerne (Wozzeck) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
Matthias Goerne (Wozzeck)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Die Neuinszenierung des Künstlers William Kentridge für die Salzburger Festspiele ist ebenfalls mit Kriegserinnerungen gespickt. Er lässt die Handlung in einem zertrümmerten Gebäude spielen und, wie schon bei seiner Produktion von Lulu, überzieht er die Bühne mit seinem Markenzeichen, animierten Bildern; hier werden aufblitzende Filmausschnitte gezeigt, um ein Netz an visuellen Motiven zu spannen, das machtvoll den Ersten Weltkrieg heraufbeschwört. Die grauenvollsten werden zu wiederkehrenden Motiven – wir sehen auf dem Schlachtfeld verstreute abgetrennte Köpfe (das erste Mal in der zweiten Szene, als er von qualvollen Visionen geplagt wird) und gespenstische, Gasmasken tragende Gestalten – während sich die Charaktere und Statisten durch den visuellen Teppich schlängeln und Teil eines expressionistischen Ganzen werden. Die groteske, cartoonistische Puppe, die Wozzecks und Maries Kind repräsentiert, könnte auch aus einem Tim Burton Film stammen.

Matthias Goerne (Wozzeck) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
Matthias Goerne (Wozzeck)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Es ist eine geschickt konstruierte Produktion und eine, die mit unseren Sichtweisen spielt. Ob die Bilder Rückblicke eines vom Krieg gezeichneten Wozzecks oder an Büchner erinnernde Omen der drohenden Schrecken sind, bleibt dem Publikum überlassen. Genau wie die Frage, ob man die Inszenierung in erster Linie als Realismus oder als Beschreibung Wozzecks geplagter Seele auffassen soll. Kentridge versucht uns letzteres glauben zu lassen, als sich ein Schrank zu einer albträumerischen Darstellung der Szene öffnet, in der er vom Doktor gequält wird. Und trotzdem, bei all dieser detaillierten Kunst, ist dies im Wesentlichen eine geradlinige Auffassung, deren größte Stärke in der klaren Erzählweise der Handlung liegt. Unterstützt von seinem Koproduzenten Luc De Wit, ist Kentridges Regie der menschlichen Elemente der Produktion stark. Die Allegorie, dass die schlichte menschliche Böswilligkeit einen Krieg ermöglicht, bleibt durchgängig präsent.

Matthias Goerne (Wozzeck) und Asmik Grigorian (Marie) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
Matthias Goerne (Wozzeck) und Asmik Grigorian (Marie)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

Inmitten einer starken Besetzung war Asmik Grigorian als Marie die Entdeckung des Abends. Ihre kräftige Stimme strahlte, aber besaß ausreichend stählerne Kanten, um diese entschlossene Persönlichkeit zu übermitteln. Es ist eine diabolische, düster erotische Marie, die ohne jeglicher Gewissensbisse wegen ihrer Untreue zu Wozzeck ihren Teil zum Untergang der Hauptfigur beiträgt. Matthias Goerne, der Wozzeck von Anfang an als gebrochenen Mann darstellt, hat eine starke Bühnenpräsenz, und das richtige dunkle Brummen in seiner Stimme für eine Rolle, mit der er seit Jahren stark verbunden ist. Er taumelt über die Bühne, sein Gesicht zu Grimassen verzogen, und besitzt einen kalten und leeren Gesichtsausdruck, von Eifersucht verzehrt beobachtet er Marie, wie sie mit ihrem neuen Liebhaber herumtanzt.

John Daszak (Tambourmajor) und Asmik Grigorian (Marie) © Salzburger Festspiele | Ruth Walz
John Daszak (Tambourmajor) und Asmik Grigorian (Marie)
© Salzburger Festspiele | Ruth Walz

John Daszaks Tambourmajor, in strahlend weißer Militäruniform gekleidet und einen Habsburger Schnurrbart zur Schau tragend, gelingt der Spagat zwischen Tapferkeit und Antipathie. Gerhard Siegel ist ein passend komischer Hauptmann, während sich Jens Larsens Doktor gut als Gegensatz dazu eignet. Vladimir Jurowski liefert eine astreine, flinke und muskulöse Interpretation der Partitur und treibt uns kompromisslos in den unausweichlichen Ausgang des Werkes. Bergs Musik kocht und brodelt in Jurowskis Händen, und der üppige Klang ist im letzten Zwischenspiel besonders bewegend. Wenn alles gesagt und getan wurde, bleibt nur noch die Gasmaske tragende Puppe auf einer ansonsten leeren Bühne: ein wirkungsvolles Mahnbild an die weitreichenden Folgen einzelner menschlichen Grausamkeit.

 

Aus dem Englischen übertragen von Elisabeth Schwarz.

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