Eines ist offensichtlich beim Kuhmo Kammermusikfestival. Vieles ist es nicht.

Zuerst das Offensichtliche: Man befindet sich in einer Kleinstadt (8.900 Einwohner) im Nordosten Finnlands, nicht weit von der russischen Grenze (während der zwei Festival-Wochen verdoppelt sich die Einwohnerzahl mit der Ankunft der Musiker, Besucher und Mitarbeiter). Man ist umgeben von Pinien- und Birkenwäldern und Seen; das Klima ist gemäßigt, der Unterschied zwischen dem kältesten und wärmsten Sommer kaum deutlich. Man befindet sich sehr weit im Norden, ein paar Breitengrade vom nördlichen Polarkreis entfernt, und es ist Hochsommer – erwarten Sie also nicht, dass es nachts wirklich dunkel wird.

In Anbetracht dessen, wie abgelegen dieser Ort ist, ist die schiere Größe des Festivals überraschend. Es gibt fünf offizielle Konzerte jeden Tag, zusätzlich zu Studentenkonzerten zur Mittagszeit. Hier kann man wirklich nichts anderes tun als zwölf Stunden am Tag Konzerte zu hören: sogar der abgehärtetste Klassik-Junkie läuft da Gefahr einer Überdosis.

Das Festival besteht nicht nur aus einer Serie von etablierten Quartetten, Trios und anderen Ensembles, die eingeflogen werden, eine Konzertreihe mit ihrem üblichen Programm geben und wieder verschwinden. Jedes Konzert zeigt oft vier oder mehr verschiedene Ensembles, und obwohl einige von ihnen etablierte Trios oder Quartette sind, so ist die große Mehrheit der Gruppen eine bunte Zusammenstellung aus den etwa 150 Musikern, die eingeladen wurden; Musiker aller Altersgruppen (obwohl die meisten jung sind) und aus den verschiedensten Ländern (wenngleich überwiegend aus Finnland).

Der wahre Geniestreich des Festivals aber liegt im Programm. Jedes Konzert bietet nicht nur verschiedene Ensembles, sondern auch Werke unterschiedlichster Komponisten, und die meisten beinhalten zumindest ein unbekanntes Werk, das man sehr wahrscheinlich zuvor noch niemals gehört hat. Das führt dazu, dass trotz einer Vielzahl an Konzerten jeden Tag keinerlei Langeweile aufkommen kann. Es gibt ein Thema für jedes Konzert (und ein Thema für jeden Konzerttag). Diese Themen sind zwar gelegentlich etwas langatmig (zum Beispiel „works by composers who all predicted Sibelius' greatness“, etwa „Werke von drei Komponisten, die Sibelius' Genie vorausgesagt haben“), doch im Allgemeinen passt alles zusammen.

Dass keine Langeweile aufkommen kann, liegt wahrscheinlich am scheinbar grenzenlosen Wissen über unbekanntes Repertoire seitens des Künstlerischen Leiters Vladimir Mendelssohn; dazu kommt, dass Mendelssohn eine sehr entspannte Ansicht dessen hat, was Kammermusik ausmacht. Erwarten Sie hier nicht einen Beethoven- oder Haydn-Zyklus von einem großen, internationalen Streichquartett: darum geht es in Kuhmo nicht. Ein typisches Konzert mag ein konventionelles Quartett beinhalten, ein Stück für zwei Klaviere, eine oder zwei Opernarien und ein Werk für eine unmögliche Zusammenstellung von Instrumenten, oder etwas gänzlich Außergewöhnliches wie einen Tango von Piazzolla. Die Krönung meiner Reise war eine Szene aus Hindemiths einaktiger, expressionistischer Oper Mörder, Hoffnung der Frauen, von der ich zu behaupten wage, dass sie allen Zuschauern zuvor unbekannt war.

Der eklektische Charakter des Programms spiegelt sich auch in der Vielfalt der Musiker. Es ist nicht nur das studentische Programm, das Alt und Jung mischt: die verschiedenen Ensembles zeigen ebenfalls eine solche Durchmischung. Man sieht einen oder zwei alte Hasen mit einer langen Karriere in großen Orchestern, die sich mit Musikern zusammen tun, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen. Viele kommen wieder, Jahr für Jahr, doch wer zum ersten Mal zum Festival kommt, wird viel Zeit damit verbringen, neue Talente zu entdecken, von denen man bisher noch nichts gehört hat. Ich habe dabei generell sehr hohe musikalische Qualität erlebt, und nur sehr wenige Gruppen, die nicht so recht harmonierten oder ihr Repertoire beherrschten. Man kann die organisatorische Leistung, all dies zusammenzubringen, nur bestaunen.

Ich hatte nicht erwartet, in einen Konzertsaal von Weltklasse zu kommen, doch beim Anblick des Kuhmo Arts Centre sollte ein jeder Londoner grün werden vor Neid. Eingehüllt in Holzvertäfelung mit außergewöhnlich schön gestaltetem Fächergewölbe klingt es so warm und gut wie es aussieht. Der zweite große Saal, die Kirche von Kuhmo, überrascht den an englische Kirchen gewöhnten Hörer ebenfalls, sowohl im Aussehen als auch in der Akustik. Sie ist ein großes Gebäude, das nach beinahe vollständiger Zerstörung russischen Beschuss im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde: die Fenster sind groß und klar, bringen einen dem Wald draußen ganz nahe, die himmelblauen und cremefarbenen Malereien sind entspannend, und die Tatsache, dass alles aus Holz gemacht ist, ergibt eine Akustik, die Kammermusik viel Farbe verlieht, ohne je zu Klangbrei zu verschwimmen. Ein dritter, großer Veranstaltungsort, die Sporthalle der Kontio-Schule, kann man als angemessen betrachten, doch die winzige Kapelle von Kuhmo erwies sich als wundervoller Raum für ein spätes Bach-Konzert.

Einige praktische Aspekte. Nach Kuhmo zu gelangen ist nicht so schlimm, wie die abgelegene Lage vermuten lässt. Finnair bringt einen von Helsinki nach Kajaani (etwa 90 Minuten Fahrt entfernt) oder nach Joensuu (eine Stunde weiter). Wenn man einmal in Kuhmo angekommen ist, befindet sich alles in Fußnähe, wenn man nicht im vornehmeren der zwei Hotels unterkommt. Das Kalevala befindet sich etwa sechs Kilometer außerhalb der Stadt; wenn man nicht gerne Fahrrad fährt, was dort in der ebenen Landschaft sehr angenehm ist, braucht man ein Auto. Die meisten Besucher aber kommen nicht in Hotels unter. Für die Dauer des Festivals vermieten die Ortseinwohner entweder ihr Gästezimmer, oder sie ziehen in ihre Sommerhäuschen und vermieten das ganze Haus. Das Unterkunftsbüro des Festivals koordiniert all dies.

Es gibt auch exotischere Möglichkeiten, um zu einem Konzert zu gelangen. Ich habe beobachtet, wie ein Besucher mit dem Wasserflugzeug anreise, doch da das für die Mehrheit der Besucher wohl das Budget übersteigt, sei hier auch die grüne Alternative erwähnt – das Kanu. Ich wurde von dem freundlichen Urpo Piirainen für eine Stunde zu wunderbarem Paddeln mitgenommen; die völlige Ruhe des Sees wurde nur von einer Möwe gestört, deren Nest wir zu nahe gekommen waren, und ich kam nur einen Katzensprung von meinem 11-Uhr-Konzert in der Kirche von Kuhmo an. Eine wundervolle Art, den Frieden und die Schönheit der Umgebung zu erkunden, gefolgt von musikalischen Leckerbissen.





Einige nützliche Links (Englisch):

Die Hauptseite des Festivals: http://www.kuhmofestival.fi/inenglish.htm
Unterkunft: http://www.kuhmofestival.fi/accommodation.htm
Urpo Piirainen: http://www.erapiira.fi
Finnair: http://www.finnair.com/gb/gb/
Finnische Eisenbahn: https://www.vr.fi/cs/vr/en/frontpage

David Karlins Besuch wurde gesponsert vom Kuhmo Kammermusikfestival.

Sein Reisebericht wurde von Hedy Mühleck aus dem Englischen übertragen.