Das Bockenheimer Depot ist bekanntermaßen ein Ort für Experimentelles. Dort werden ungewöhnliche Barock-Raritäten, Uraufführungen und Jugendopernprojekte realisiert. Die aktuelle Produktion ist wieder eine der in Frankfurt schon zur Hausordnung gehörenden besonderen Verbindung zweier Kurzopern. Nachdem in den letzten Spielzeiten bereits beispielsweise Dido und Aeneas mit Herzog Blaubart Burg und Oedipus Rex mit Iolanta verbunden wurden, widmet man sich nun zwei Opern des 20. Jahrhunderts, die musikalisch, aber auch in ihrer szenischen Umsetzung kaum unterschiedlicher sein können.

<i>The Medium</i>: Meredith Arwady (Madame Flora) © Barbara Aumüller
The Medium: Meredith Arwady (Madame Flora)
© Barbara Aumüller

In Gian Carlo Menottis The Medium (UA 1946), einer Tragödie in zwei Akten, geht es vorrangig um eine Séance im Hause des selbsternannten Mediums Madame Flora, die mithilfe ihrer Kinder ahnungslosen Trauernden das Geld aus der Tasche zieht. Doch statt der bloßen Gruselgeschichte, offenbart The Medium vielmehr auch den Blick in einen dysfunktionalen Haushalt mit all seinen familiären Problemen.

Die Inszenierung von Hans Walter Richter ist hochwertig und realistisch gestaltet und nimmt amerikanische Poltergeist- und Gruselfilme aufs Korn, erinnert dabei auch durchaus an Hitchcock und die Filme des alten Hollywoods. Bei den Effekten wird tief in die Theatertrickkiste gegriffen und der ganze Theaterraum bis unter die Decke des Depots genutzt. So versteckt sich Toby während der spiritistischen Sitzung auf dem Dachboden, spielt den Poltergeist und kreiert die übernatürlichen Effekte.

<i>The Medium</i>: Meredith Arwady (Madame Flora) © Barbara Aumüller
The Medium: Meredith Arwady (Madame Flora)
© Barbara Aumüller

The Medium lebt neben dem detailreichen Bühnenbild auch von der hervorragenden Sängerbesetzung. Allen voran beeindruckte Meredith Arwady als herrische einschüchternde Madame Flora mit kraftvoller und vielschichtig gestaltender Alt-Stimme. Ihre alles einnehmende Bühnenpräsenz stand darstellerisch im Kontrast zu Toby, der von Marek Löcker mit zu Tränen rührender Hilflosigkeit verkörpert wurde. Einzig Monica, gesungen von Louise Alder, hat Mitleid und aufmunternde Worte für ihn übrig. Sie überzeugte mit klarer strahlender Stimme und jugendlicher Frische und bewies schauspielerisches Feingefühl für jede Situation. Sie sang den „Black Swan Song“ eindringlich melancholisch mit lyrischer Schönheit. Alle Sänger transformierten die nur vordergründig unterhaltsame Gruselgeschichte dank lebhafter und einfühlsamer Personenregie in ein tieftrauriges Familiendrama mit vielschichtigen und nachvollziehbaren Charakteren.

<i>The Medium</i>: Marek Löcker (Toby) und Meredith Arwady (Madame Flora) © Barbara Aumüller
The Medium: Marek Löcker (Toby) und Meredith Arwady (Madame Flora)
© Barbara Aumüller

Gian Carlo Menotti, dem von seinen Kritikern immer wieder Sentimentalität, Oberflächlichkeit und fehlende Modernität vorgeworfen wird, begründete den Erfolg dieser Oper vorrangig am Broadway, wo sie bereits 1947 fast 200 Mal aufgeführt wurde. Selbst Toscanini war begeistert. Dieses „Verismo-Musical”, das entgegen der gegenwärtig vorherrschenden und bei vielen Komponisten beliebten Atonalität Inspiration in Puccinis Opern schöpft, wurde von Nikolai Petersen mit einem frischen, weniger angestaubt als die Inszenierung wirkenden Dirigat präsentiert. Die enge Verzahnung von Musik und Geschehen wurde dramatisch umgesetzt und bildete einen geschlossenen Rahmen.

<i>The Medium</i>: Meredith Arwady (Madame Flora) und Louise Alder (Monica) © Barbara Aumüller
The Medium: Meredith Arwady (Madame Flora) und Louise Alder (Monica)
© Barbara Aumüller

Bruno Madernas Satyricon (1973) hingegen ist ein Paradenbeispiel für das Zelebrieren des musikalischen Zitats. Von Bizets Habanera aus Carmen, Wagners Walhall-Motiv und Glucks „Che farò senza Euridice“ ist einiges vertreten und so kann sich der Zuhörer auf musikalische Zitatesuche begeben.

Basierend auf dem gleichnamigen, nur in Fragmenten erhaltenen Roman des römischen Senators und Autors Petronius ist Satyricon ein bissig-satirisches Sittengemälde, das die römische Dekadenz zur Zeit Neros behandelt. Das Fragmentarische in Petronius' Fassung wird zum Gestaltungsprinzip von Madernas Musik, der 16 ungeordnete Nummern geschrieben hat und die Sänger in Englisch, Deutsch, Französisch, Latein und wortlosen Vokalisationen singen lässt.

<i>Satyricon</i> © Barbara Aumüller
Satyricon
© Barbara Aumüller

In enger Zusammenarbeit erarbeiten Regie und musikalische Leitung einen Reigen aus bunten Szenen und Episoden. Im Mittelpunkt der Oper steht das Gastmahl des Trimalchio, ein Neureicher, ehemaliger Sklave, der ein Vermögen geerbt hat und nun sein Leben mit dem ausgeben des selbigen verbringt. Es ist ein großes Fressen, bei dem die Zügellosigkeit zelebriert wird. Luxus, Überfluss und Ekstase lauten die Maxime des Abends.

Nelly Danker macht aus diesem ohnehin schon fragwürdigen Ausgangspunkt ein absurdes, überspitzt hedonistisches und geradezu vulgäres Bild einer in Maßlosigkeit lebenden Gesellschaft. In einem Kabinett der Kuriositäten agieren die comichaft überzeichneten Charaktere in grotesk aneinandergereihten Auftritten. Die Ästhetik (Bühnenbild von Kaspar Glarner und Kostüme von Cornelia Schmidt) ist ein buntes, schrilles Potpourri aus Polyesterkostümen, verrückten Perücken, gewürzt mit subtilen Elementen aus Fellinis Satyricon und wahllosen Requisiten, die der Fundus herzugeben schien.

<i>Satyricon</i>: Peter Marsh (Trimalchio) © Barbara Aumüller
Satyricon: Peter Marsh (Trimalchio)
© Barbara Aumüller

Die musikalische Leitung übernahm für den zweiten Teil Simone di Felice, der ein kurzweiliges und experimentierfreudiges Dirigat lieferte. Die Sänger – allen voran Peter Marsh als Trimalchio – traten mit fast schon erschreckender Determiniertheit auf. Marsh, als entrückt debiler Neureicher, sang mit kraftvollem, vielschichtiger Tenorstimme und bewies in seiner etwas zu eng sitzenden goldenen Unterhose, dass man vieles kaufen kann, aber Stil eben nicht.

Trotz gewisser Fragen, die die Inszenierung von Satyricon aufwirft, bleibt es ein unterhaltsamer und kurzweiliger Abend, was besonders auch der kontrastreichen Auswahl der Opern und den hervorragenden Leistungen aller Sänger geschuldet ist. Die Oper Frankfurt und das Depot als Spielstätte für experimentelle Werke zeigen erneut, wie wichtig die Aufführung solcher Raritäten auch abseits der großen Opernbühne ist. Gleichzeitig werden das Opernensemble, angehende RegisseurInnen und DirigentInnen gefördert und ihnen eine Bühne gegeben. Besonders Satyricon zeigt, wie nah Komik und Tragik beieinander liegen können und dass man nicht alles zu ernst nehmen sollte – schon gar nicht, was auf der Bühne passiert.


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